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06.10.2018, Jamal Tuschick

Die Agonie des Patriarchats - Die „Sanierten Altbauten“ machen Furore im Berliner Ballhaus Ost

Weinende Männer

Eine lyrische Dimension des Scheiterns offenbart sich in der letzten Durchsage vor dem finalen Halt im Jammertal des Tränenreichs für die Geschlechterkriegsverlierer.

Ihr werdet weinen bei Lidl und im Rossmann sowie an jeder Tankstelle und vor allen Spätis auf diesem Planeten … und wir werden lachen … nach dem Endsieg der Frauen über die Männer in einem Amazonien des akuten Jetzt.

Jetzt machen wir euch fertig.    

Die Enkelinnen der militanten Terrortanten, die Terror schon vor Rauschgift kannten, stürmen das Ballhaus Ost mit dem cri de combat: „Aufs Maul.“

„Aufs Maul“ ist Titel und Programm einer aktuellen Altbausanierung. Das 2013 von Eva Hintermaier, Insa Peters und Sarah Kindermann in Hildesheim gegründete Künstlerinnenkollektiv „Sanierte Altbauten“ erforscht mit den Mitteln der Theaterperformance Machtstrukturen, Abgrenzungsmechanismen und Genderkonstruktionen. Die Schauspielerinnen agieren zunächst vor einem interessanten Hügel aus Schaustofffetzen in der Inszenierung eines athletischen Ansturms. Sie sind fit im Stockkampf, jedenfalls behaupten sie das. Sie modellieren ihre Körper zu Kriegerinnenkörpern. Sie erwägen die Bundeswehr, als verpasste Möglichkeit eines komplett anderen Daseins. Sie schwärmen für einen weiblichen Hauptfeldwebel, der in Mali den Ernstfalltest vermutlich in einem humanitären Einsatz bestanden hat. Sie bewundern die Waffentüchtigkeit der Soldatin und gehen selbst in den Drill. Ein Schießstand im Osten wird zum Schauplatz einer Offenbarung. In der Gegenwart von „Biker Bräuten“, eine Motorsportlerin imponiert mit dem ererbten Talisman (eine vergoldete Patrone) ihres großväterlichen Stalingrad Survivor, geraten die Schützinnen in einen Omnipotenz Rausch. Die Macht in ihren Händen führt sie zur Ekstase.

Im Diskursverlauf zu Szenen lustvoller Gewalterfahrungen auf einem martialischen Parcours ergeben sich die Feststellungen: Die Schauspielerinnen „nehmen sich der eigenen Gewaltfantasien, deren Tabuisierung und Selbstzensur an und untersuchen das Bild der gewalttätigen Frau: Welche Motive werden ihr zugeschrieben? Wie manifestiert sich ihre Gewalt und welche Auswirkungen hat sie? Wann ist körperliche Aggression Selbstermächtigung, wann lustbringend? Gewalttätige Frauen und ihre Taten werden häufig bagatellisiert, ihre Körper als Gefahr nicht ernst genommen. Gleichzeitig sind sie ein skandalöses Kuriosum: Prügelnde Mädchen, eiskalte Rächerinnen, männerfressende Femmes fatales, Kindsmörderinnen und aggressive Feminazis – diese und andere Bilder von Gewalttäterinnen und das Potential der skrupellosen Frau werden in der Performance weitergedacht. »Ich stelle mir vor, ich würde meine Faust ballen und sie dir ins Gesicht schlagen. Ich könnte es tun. Ich stelle mir vor, ich würde mich in der Schießhalle einfach umdrehen und nicht mehr auf die Scheibe zielen. Was, wenn ich mit einem Schlagstock hingehen und sagen würde: So, Jungs, das war’s?“

Ja, was dann?

„Aufs Maul“ erzählt von einer Welt, in der Männer nur noch weinen können. Die Schauspielerinnen tragen schließlich den Schaumstoffhügel zu schaurigen Klängen ab, bei Nacht und Nebel. Starke Bilder entstehen auf den Lichtschneisen der Stirnlampen.  

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