MenuMENU

zurück zu Main Labor

07.10.2018, Jamal Tuschick

Literatur als fluider Sprengstoff

Der nigerianische Schriftsteller Chris Abani sagt: „Migration ist das Hauptwort unserer Zeit.“

Chris Abani und Chika Unigwe

Literatur ist das Nitroglycerin der Kunst

Chris Abani sagt: „Da ist nichts neu unter den Monden des Exils.“

Die Exilierten sind auf ewigen Bahnen verbunden mit ihren Vorgänger*innen.  Abani bezeichnet Literatur als die „flüssigste (fließende) Kulturform“. Albani sagt fluid. Ich sage euch, das Wort hat Zukunft. Die Migration schafft fluide Charaktere. Wir sind wie das Wasser, unfassbar und überall.

„Migration ist das Hauptwort unserer Zeit.“

Entweder drehen sich politische Nachrichten um Kriege, drohende Kriege oder um Migration. Migration ist eine Kriegsfolge. Der Kolonialismus war ein Krieg der Europäer gegen Afrika nicht zuletzt. Ohne die Exploitationskampagnen seit den westindischen Abenteuern des Kolumbus wäre Europa zu schwach, um auch nur eine Grenze zu halten. Die alten Kolonialreiche erheben als Demokratien weiterhin Anspruch auf Überlegenheit. Sie wollen, so Patrick Chamoiseau in seinem Essay „Migranten“, „Elend, Terror und Armut“ an einem anderen Ende der Welt „anpflocken“. Jahrhundertelang konnten sie vom Youth Bulge über die Lohnkosten und den Müll bis zu ihren Schwerverbrechern Belastungen exportieren und sonst wo vergesellschaften. Oft waren Gewohnheitsverbrecher die ersten Weißen, die Schwarze zu sehen bekamen. Diese Lichtgestalten brachten das große Projekt der Zivilisation, das von hinten durch die Faust ins Auge heute gern wieder als positives Kolonialerbe beschworen wird. Der europäische Standpunkt formuliert sich auf einem Berg von Leichen. Die Migranten geraten aus afrikanischen Metropolen in ewignächtliche Randgebiete. Sie siedeln in den Wüsten von Europa. Der in Calais planierte „Dschungel“ bricht durch den Asphalt der Anti-Boulevards. Jede Auswanderin steht auf den Schultern ihrer Vorgänger*innen.

In einem luzid-fluiden Séance- und Trance-Style erklärt Abani, wie der Westen in Afrika zur Welt kam. Alle Poesie wurden zuerst in der Bibliothek von Timbuktu gesichert. Einige Familien in Mali wirkten als Wärterklans des Weltwissens.

In der Migration fließt der afrikanische Text durch die Zeitzonen des Transits. Seltene Sprachen transportieren geheime Botschaften. Sie haben Infiltrationskraft. Sie markieren die porösen Stellen der weißen Mauern. Sie informieren. 

Noch einmal Chamoiseau: „Die Mondialität ist eine Ahnung, von der die gesamte Menschheit in ihrer Diversität ergriffen wird, und die über die Erde in ihrer Weite und Tiefe hinweg alle miteinander verbindet.“

 
Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen