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08.10.2018, Jamal Tuschick

Die Sprache der Judenfeindlichkeit im 21. Jahrhundert

Vierzehntausend Briefe aus dem ultimativen Jetzt gingen in die Auswertung. Halbe Romane waren dabei und jede Menge moralisch grundierte Selbstdarstellungen. Das löst den Würgereiz aus: die gefälligen Spiegelungen des zeitgenössischen Antisemiten, der eben das aus lauterem Herzen bestreitet: Antisemit zu sein. „Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert“ weist nach, wie sich verbaler Antisemitismus maskiert. Die Autoren Monika Schwarz-Friesel und Jehuda Reinharz haben zu diesem Zweck jene Post gelesen, die den Zentralrat der Juden in Deutschland und die Israelische Botschaft in Berlin ständig erreicht. Sie stellten fest: 65% der Schreiber kommen aus der gesellschaftlichen Mitte. Sie melden sich mit Namen und Titel und bitten um Stellungnahme.

„Diese Leute sind nicht gestört“, erklärt Professor Schwarz-Friesel von der TU Berlin. 

Wie artikuliert sich Judenfeindlichkeit? Schwarz-Friesels Analyse zeigt Strategien des direkten und indirekten Verbal-Antisemitismus, auch da, wo er nicht intensional ist – und aus unbemerkt verinnerlichten judeophoben Stereotypen kommt: aus Ressentiments und Verschwörungstheorien, die seit Jahrhunderten tradiert werden. Aus dem Prospekt vom „Juden als ewigem Fremden, dem Landräuber und Bedroher des Weltfriedens“ mutiert der das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen-Impetus: „Israel bedroht den Weltfrieden“.

Da wird Grass zum Epigonen. Seinem Was-gesagt-werden-muss gingen zweitausend Autoren mit dieser Formulierung voran. Im indirekten Sprechakt liest sich das so: „Entspricht womöglich die exzessive Gewalt in Israel, die auch den Mord an Kindern einschließt, der langen Traditionslinie ihres Volkes?“

Man unterstellt Juden unwandelbare Eigenschaften. In den Briefen ploppen Krankheitsmetaphern, Zersetzungsbegriffe, Fremdheitszuschreibungen, beiläufige und explizite Entwertungen auf – und gern auch Verharmlosungen und Relativierungen des Holocausts.

Auch nach Fünfundvierzig waren manche Deutsche in der Rede eines Bischofs „Volksgenossen fremden Stammes“. Wolfgang Borchert fand die Lage „der deutschen“ Kriegsverlierer nicht weniger tragisch als den Holocaust. Schwarz-Friesel spricht von Empathie-Verweigerung auf der ganzen Linie: als einem Merkmal auch des nicht intensionalen Verbal-Antisemitismus (mit Relativierungseifer).

Beschworen wird das angebliche „Tabu, etwas gegen Juden sagen zu dürfen“. In einer Welt voller antisemitischer Bemerkungen entlarvt es sich nicht einfach als das, was es ist – nämlich als eine Fiktion. – Ein Phantasma aus dem Fundus der Obsessionen. Von der Realität wird dieses „Tabu“ verfehlt, die Verfehlung bleibt aber unbeachtet. Stattdessen „emanzipiert“ sich der Antisemit „von einer Meinungsdikatur“. Die Presse erklärt er für „gleichgeschaltet“. (Eine Variation: Die Israelis stehen der SS in Nichts nach.)  „Derealisierung“ nannte das Phänomen Schwarz-Friesel an Ort und Stelle. Es wird ein phantastisches Bild der Wirklichkeit entworfen, das führt zu kollidierenden Aussagen. Die Widersprüche verbergen sich im Meinungsfuror. Sogar im bekennenden Antisemitismus stellt sich die Legitimationsfrage: „Ich bin ein Menschenfreund, die Juden hasse ich abgrundtief. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“. Gezeichnet Prof. Dr. Unrat.

 

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