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08.10.2018, Jamal Tuschick

„Meine einzige Identität ist das Schreiben.“ (Imre Kertész) - An dem Tag, als Peter Esterházy mir aus Imre Kertész' Tagebüchern vorlas, lag ein Hauch von Prager Frühling in der Herbstluft.

Die Dependance als Residenz

Péter Graf Esterházy de Galántha

Das Collegium Hungaricum am Berliner Kupfergraben sieht wie eine Botschaft aus. In jeder Bedeutung von Botschaft verstehe ich das Collegium nicht als Dependance, sondern als Residenz. Die Leselampe für Peter Esterházy, die verstohlen in den Raum getragen wurde, war gewiss nicht ausrangierter Jugendstil. Ich komme nur gerade über dieses Wort nicht hinweg. Solche Lampen leuchten in der Bibliothèque Nationale de France.

Es gab diese Verabredung, und zu meinem Erstaunen war nicht nur ich zum Termin erschienen. Ein paar Tage zuvor hatten wir das neue Frankfurter Literaturhaus gemeinsam eingeweiht, kurz nachdem wir uns beim Kritikerempfang von Suhrkamp zum zweiten oder dritten Mal wie zum ersten Mal gesehen hatten. Man begegnet sich stets zum ersten Mal in der Astrosphäre einer Sonne, bis das Eis bricht, es sei denn, man heißt Cees Nooteboom und kommt in Cowboystiefeln an und verreibt ein Lachs Canapé unter den Sohlen im Flausch. Das ist eine andere Geschichte.  Doch lässt sie mich daran denken, wie Unseld zum Schluss im Trainingsanzug durchs Haus geisterte und die künftige Witwe niemanden mehr vorließ außer ein paar Subalternen und Bedeutungslosen.

Ich wunderte mich über Wucht und Bedeutung, die im Augenblick mitspielten wie Verteidiger einer Fußballmannschaft. Das Auditorium hatte sich wie zum Konvent versammelt. Ja, den Ungarn bedeutet(e) der Schriftsteller Peter Esterházy so viel wie Deutschen erstrangige Politiker*innen. Zwar hatte Esterházy nur mir eine Lesung versprochen, trotzdem saß da eine ganze Mannschaft. Man empfing ihn als doppelt legitimierten Repräsentanten des geistigen Ungarn. Esterházy ist (war) ein Dichter mit Stammbaum. (Dichter sind nicht sterblich. Sie bleiben im Präsens aller möglichen Gegenwarten.)

„Eine derart ausgelastete Persönlichkeit ins Haus zu holen“, murmelte es neben mir. Dass sie (die ausgelastete Persönlichkeit) zu kommen „überhaupt nur am Horizont ihrer Möglichkeiten“ erwogen hatte, war zu glauben vermessen, hieß es.

War das noch der alte KuK-Furor? Wie auch immer, Esterházy hatte sich eingefunden um an Stelle des in Berlin halbwegs verschollenen Olympiasiegers Imre Kertész aus dessen Tagebüchern (ursprünglich nur mir) vorzulesen.

Nicht Olympiasieger, Nobelpreisträger. Seit 1992 veröffentlichte Kertész seine Tagebücher. Sie dokumentierten, so sagte es Esterházy,

„wie Hoffnung aus lauter Hoffnungslosigkeit entsteht“.

Kertész schreibt (schrieb) von einer „Galeerenarbeit der Selbstdokumentation“. Sein Freund erinnerte im Collegium an die Isolation der Schriftsteller in ihrer Heimat zu Zeiten des Kalten Kriegs:

„Wir waren absolut allein.“

„Seit einer Weile kann ich meinem Leben nicht mehr folgen“, schreibt Kertész. „Letzte Einkehr“ lautet der Titel der Notizen aus den Jahren 2001–2009. „Ein radikal persönliches Buch“, steht da, „bis schließlich nichts mehr übrig bleibt ... Die Figur zerrütten, zermalmen, zernichten. Aber möglichst ohne jede Erklärung, vor allem ohne jede sogenannte Philosophie“.  

„Meine einzige Identität ist das Schreiben.“ Imre Kertész

Imre Kertész, Letzte Einkehr, Tagebücher 2001-2009, Rowohlt, 464 Seiten, 24.95,-

Sein „Trivialitäten-Tagebuch“ führte Kertész, um sich Klarheit zu verschaffen „über die dem Ruhm geschuldete Selbstentfremdung“. Dabei schwebte ihm „ein Werk im Stil von William Turner vor“.

Die Reverenz glänzt in ihrer Eigenart. Die ungarische Kritik verfolgte Kertész mit Hass, man zog seinen Namen in den Dreck. Kertész antwortete sich:

„Ich, das ist eine hilflos im Honig ertrinkende Fliege.“

Dann tritt wieder Humor ein: „Tagebuch schreiben ist nicht nur metaphysische Pflicht, manchmal kannst du auch ein Datum gebrauchen.“

„Unsere Existenz ist existenzlos. Unsere Wirklichkeit ist unbegründet. Um uns ist Angst.“  

Kertész hatte Auschwitz überlebt, er sah seine Mutter im eigenen Spiegelbild. Mit Zyklon B habe man „die Prozedur humanisieren“ wollen.

„Trauer ist das schlechte Gewissen der Überlebenden.“

Über die Liebe:

„Im archimedischen Punkt der Existenz ist der Andere.“ – Der es fertigbringt, zu lieben. Fällt der Andere aus, ist man erledigt.

Über den Tod: Man verpasste dem Schriftsteller einen Herzschrittmacher. Kertész fragte den Arzt:

„Kann ich nun nicht mehr sterben?“ – Der Arzt unterkühlt: „Es gibt auch Hirntode.“

Vom Regen in die Traufe I: Herr W. ist in den Westen gegangen, um sein Judentum zu vergessen. Er gerät an „eine kompensierende Deutsche“, die Herrn W. „mit erlesenen Perversionen“ ständig an das erinnert, was er vergessen will.

Vom Regen in die Traufe II: Der alte Zobel muss ins Krankenhaus, man zieht ihn voll des Ekels aus seinen Schichten. Der Beobachter nimmt die zwanghafte Entkleidung als Beispiel für „restloses Ausgeliefertsein“.

Ein Arzt kommt und sagt: „Was Ihnen fehlt, wissen wir erst, wenn wir sie aufgeschnitten haben.“

Das sich den Pflegern widersetzende Skelett (namens Zobel) wird bald ans Bett gebunden, vermutlich zu seinem Besten.

Kertész kehrt in die Selbstbetrachtung zurück. Er über sich:

„Er trägt Baskenmütze wie ein Sonntagsmaler, das schrecklichste Verhängnis hat ihn erreicht: die Altersweisheit.“

Kertész auf Lesereise, er fährt durch Ostdeutschland und belauscht mit äußerstem Abstand die ehemaligen Verbündeten. Sie scheppern förmlich vor Eurogerede. Um hier den bösen Witz zu verstehen, muss man wissen, was Kertész über das Überleben gesagt hat: „Wenn ich ... überleben will, muss ich ... (der) Logik (der Machtverhältnisse) folgen. Diese willentliche oder nicht willentliche Kollaboration ist die größte Schande des Überlebenden, er kann sie nicht eingestehen.“

Identifikation mit dem Aggressor, man lernt das Gesetz des Lebens aus den Tierfilmen auf N24.

„Wenn man einmal gesehen hat, wie ein Rudel Hyänen ein Gnu zerreißt.“

„Auch das Glück gehört zum Grauen.“ – Inzwischen kann der Schriftsteller die eigene Handschrift nicht mehr lesen. Er führt seinen Gottesbeweis:

„Wenn der Atheist möglich ist, dann ist auch Gott möglich.“

Schließlich stellt Kertész fest:

„Ich habe mein Leiden gut genutzt.“

So endete Esterházy. 

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