MenuMENU

zurück zu Main Labor

08.10.2018, Jamal Tuschick

Abi Andrews erzählt in ihrem Roman „Wildnis ist ein weibliches Wort“ von einer Neunzehnjährigen auf Jack Londons Spuren.

Feministische Abenteuer-Avantgarde

Als Kind wollte Erin auf den Mond fliegen, jetzt steigt sie noch nicht einmal mehr in ein Flugzeug. Wer je in seinem Leben eine lange Reise bei guter Gesundheit unternommen hat, kann eine Feststellung der neunzehnjährigen Engländerin bestätigen, die der Umwelt zuliebe den Atlantik auf einem Frachter befährt. Unterwegs entwickelt die Heldin in Abi Andrews Roman „Wildnis ist ein weibliches Wort“ „ein ungewöhnliches Interesse an Essen und Essenszeiten“, obwohl es bis zur Eintönigkeit Fischeintopf gibt. Im Übrigen sammelt sie Informationen über den Feminismus auf Island und sortiert delfinische Klicklaute in digitale Ordner.

Abi Andrews, „Wildnis ist ein weibliches Wort“, Roman, aus dem Englischen von Mayela Gerhardt, „Tempo“ im Verlag Hoffmann und Campe, 398 Seiten, 22,-

Erin hält es für möglich, dass Orcas den Menschen evolutionär überholt - und auf der Schnellspur eine „kollektive Selbstwahrnehmung“ entwickelt haben.

Sie ist mutig, aber nicht unerschrocken. Wenn sie auf dem Weg nach Alaska durch Kanada trampt, gehört das zu einem, mit einer Filmdokumentation verknüpften Autonomieprojekt, das auch literarisch verankert ist. Erin zitiert Sylvia Plath: „Ich möchte auf offenem Feld schlafen, nach Westen ziehen und nachts frei herumlaufen“. Einer besorgten Fahrerin präsentiert sich die Tochter schwer besorgter Eltern als Vollwaise. Sie kommt von Henry D. Thoreau auf Ted Kaczynski. Im Roman steht nichts anderes als in einem Spiegel Artikel: „In Harvard nahm Kaczynski an einem Experiment von Henry Murray teil. Der Psychologieprofessor testete für die CIA-Vorgängerorganisation OSS Techniken der Gedankenkontrolle. Murray setzte seine ahnungslosen Studenten, darunter Kaczynski, intensiven Verhören aus, die Murray selbst als vehemente, drastische und persönlich herabwürdigende Attacken bezeichnete.“

Erin verfolgt die Auswertungen einer „feministischen Abenteuer-Blog-Avantgarde“. Eine Aktivistin wählt die Kerouac Route, beschrieben in „Unterwegs“, einem Titel aus dem Jahr 1957. Von da bis zu einer Erwähnung des Vaters der kanadischen Eisenbahn ist es nicht weit. Es kommt erstaunlich viel alter Kram vor, einschließlich der Goldrauschgeschichten von Jack London. „Wildnis ist ein weibliches Wort“ antwortet Londons „Ruf der Wildnis“. Erin dekonstruiert den Mountain Man und entdeckt dem Leser „eine Arschloch-Variante des MM – arrogant und selbstgerecht“ sowie den MMM – „den Möchtegern Mountain Man“. Man glaubt oft nicht, dass da eine Neunzehnjährige unterwegs ist und ihre Beobachtungen macht. Mitunter liest sich die Reiseerzählung wie eine Ansammlung umgeschriebener Wikipedia Artikel. In einer Steppe verflachten Wissens weiß Erin, dass „die Dakota (in ihrer Sprache) kein Wort für Tier“ haben. Alles, was auf den Kalenderblättern der Gegenwart eine triviale Dauerrepräsentanz hat, vom Permafrost bis zum altruistischen Bonobo, reiht sich im Text auf. Trotzdem erreicht Erin ihr Ziel. Mit den Interventionen der Erzählerin wird die Wildnis zum weiblichen Weltraum und hört auf, ein exklusiver Paradeplatz männlicher Bewährung zu sein.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen