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09.10.2018, Jamal Tuschick

Martin Amis sagt: Die Wunder der Prosa ergeben sich aus den Rhythmen und dem Mobiliar des täglichen Lebens.

Formulierungen, die man nicht mehr aus dem Kopf kriegt

Martin Amis (links) und der Schriftsteller und Übersetzer Joachim Kalka

Daniel Kehlmann, Martin Amis, Thomas Böhm

Daniel Kehlmann

Manchmal muss man zu weit gehen, auch in Vergleichen. Das hat Daniel Kehlmann von Martin Amis gelernt. Kehlmann scheut sich nicht, der Prosa des Bewunderten nukleare Sprengkraft zu bescheinigen.

Martin Amis, „Im Vulkan“, Essays, herausgegeben von Daniel Kehlmann, aus dem Englischen von Joachim Kalka, Kein & Aber, 314 Seiten, 25,-

Zu seinem Übermut bekannte er sich im Gespräch mit Amis und dem Radioeins-Literaturagenten Thomas Böhm im kleinen Sendesaal des Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb). Die Schriftsteller präsentierten da eine Auswahl von Amis‘ journalistischen Arbeiten nach Kehlmanns Vorlieben - den bei Kein & Aber erschienenen Essay-Band „Im Vulkan“. Der Titel spielt auf Malcolm Lowrys Hauptwerk „Unter dem Vulkan“ an. Die Titelgeschichte tritt über alle Ufer. Sie trägt die Schaumkrone des Wahnsinns. Sie erschien mir so exaltiert, dass ich zuerst glaubte, ein Troll habe sich an der Übersetzung vergriffen. Ich weiß nicht, ob Amis seine wilden Feststellungen auf der Grundlage einer Biografie traf, die Gordon Bowker unter dem Titel „Pursued by Furies“ veröffentlichte, oder ob er, als Sohn von Kingsley Amis fürstlich informiert, über jeden Zweifel erhabenen Betriebstratsch in die Konsumentensphäre streute. Ich fand die Ladung jedenfalls so überspannt, dass ich das Original vom 12.12.1993 googele. „Demons under the volcano: A new life of Malcolm Lowry shows the 'internal romance' of the boozy, bragging drifter“ liefert dem Text die herabsetzende Überschrift. Die Übersetzung trifft jeden Punkt einer irrwitzig engagierten Auseinandersetzung. 

„Lowry war zusätzlich mit einem besonders kleinen Penis ausgestattet, was geholfen haben dürfte.“

Wobei denn?

Die Bemerkung wird von negativen Zuschreibungen gerahmt. Der „fünfunddreißig Jahre lang (nahezu ununterbrochen) beschickerte“ Lowry sei unzuverlässig gewesen, ein zwanghafter Lügner und Aufschneider vielmehr. 

„Um als Alkoholiker wirklich erfolgreich zu sein, um bis zum Ende durchzuhalten, muss man (noch) eine Reihe anderer Eigenschaften haben: Man muss … vor kaum etwas zurückschrecken, solipsistisch leben, unsicher und unermüdlich.“ Der Satz bricht da ab. Gleichwohl überliefert er den blutleeren Exzess eines Mannes, der sein Leben an die Sucht delegierte, nicht anders als William Seward Burroughs, den Amis unterschlägt. 

Das liest sich, als hieße Amis‘ Devise Draufhauen und repulsive Formulierungen dreschen und auf den Gegenschrägen der Verstiegenheit Purzelbäume schlagen wie verrückt. So ist das aber nicht. Amis äußert(e) sich im Band und auf der Bühne präzise und luzide auch zu James Joyce. Er sagte, guter Stil sei für Joyce so leicht zu haben gewesen, dass dessen Interesse daran gering war. Amis charakterisierte „Ulysses“ als degenerierten, aus einer Kurzgeschichte herausgewachsenen Epos. „Dubliner“, „Stephen Hero“, „Das Porträt …“ sind Vorzeichnungen, die es leicht machen zu verstehen, wer Bloom im Verhältnis zu Dedalus ist – ein vulgarisierter Stephen mit zuwenig Schlafzimmer Knowhow, sitzend in der Falle der impotenten Eifersucht. Man will gewiss nicht wissen, wie nah Joyce dem Pantoffel Leo Bloom im Verhältnis zu Nora-Molly kam und wie weit er sich von dem Stefansengel der Zukunft entfernte, den sein Stolz zum Hungern zwang.

Stephen ist stolz und ängstlich, anders als Buck Mulligan, der bullige Medizinstudent mit den zynischen Ansichten … Herr auf Sandycove Martello Tower. Mulligan ist es gegeben, Stephen geradezu leichtfertig zu demütigen. Stephen, der sich weigerte, mit der sterbenden Mutter zu beten …

Ich bringe noch ein bisschen Amis:

„Steven Spielberg erinnert uns an das Kind, das wir einmal waren. Als ich mit meinem Vater E.T. sah, wunderte es mich, sein Gesicht tränennass zu sehen.“

Amis ist ein Englishman in new york, a legal alien, der erklärt, woran man erkennt, dass Trump ein Idiot ist. Dass ihm der Humor fehlt. Humorlosigkeit bezeugt eine Stockung in der Menschwerdung.

Reagieren Leute auf Schriftsteller wie Chomeini auf Rushdie reagiert hat, ist das „ein kategorischer Fehler“.

Lesbar zu schreiben ist die Aufgabe des Schriftstellers.

Der Schriftsteller führt „einen Krieg gegen die Klischees“.

Die Wunder der Prosa ergeben sich aus den „Rhythmen und dem Mobiliar des täglichen Lebens“.

Über Joyce: „Nichts geht über seine Kräfte. Er nimmt einen auch dahin mit, wo man gar nicht hin möchte.“

Mich hat Joyce leider vor „Finnigans Wake“ stehenlassen. Ich wäre gern mitgegangen in die narrativen Klangräume, die, so Amis, „aus der dümmsten Art, lustig zu sein“, gemacht sind – aus Wortspielen und einer polyglotten Kneipenkalauerkunst. Joyce bestand auf seine Vorlieben für zweitrangige Künstler*innen, für Operetten, Zeitungsschmonzetten, Kleinanzeigen, Hausiererbreviere, Schmuddelalmanache, Kalenderweisheiten, alchemistische Hausmittel, tierische Innereien, Weissagungen aus Gedärm, Schlüssellochguckereien … anbei noch einmal meine Besprechung von Amis‘ Essay-Band:

Engagierte Gelegenheitsarbeiten

Martin Amis entspricht als Journalist Hunter S. Thompsons Grabsteindevise: It never got weird enough for me.

Bertolt Brecht konnte nicht schreiben, wenn er erkältet war. Martin Amis nimmt die Frage eines Leserbriefschreibers zum Anlass, sich als Arbeiter am Schreibtisch darzustellen – so abhängig von der Verfassung des Leibes wie jeder, der nur seine Kraft im Verein mit einem Können auf den Markt werfen kann. Amis beschreibt seine Produktion als physischen Prozess ohne den Aspekt der Entfremdung. Der Vergleich mit dem Arbeiter humpelt solange, bis man an seiner Stelle einen Athleten auftreten lässt. Der Autor schildert Schreiben als Sport: professionell betrieben auf den Ebenen des Romans; spielerisch-belustigt und angeturnt in Ausnahmesituationen (so wie bei einem London Trip mit Tony Blair im gepanzerten Jaguar auf geräumten Straßen, den Triumphbogen des Constitution Arch tunnelnd und alle roten Ampeln überfahrend) in den Niederungen der Zeitungsprosa. Eine von Daniel Kehlmann herausgegebene Sammlung von Amis‘ Besprechungen und essayistischen Übungen zeigt den hingerissenen und (vom Premier) mitgenommenen Amateur, der ohne professionellen Abstand zu seinen Gegenständen zum Sekretär einer rauschenden Gegenwart wird.

„Nun fällt mir auf, dass der Premierminister nicht angeschnallt ist.“

Amis erklärt Blairs jugendliches Aussehen mit einer Quarantäne: „Zehn Jahre in einer Welt ohne Straßenverkehr.“ Er überliefert, was er zu Blair gesagt hat. Die Reportage „Unterwegs mit Tony Blair“ liest sich, als habe der Staatschef kaum Gelegenheit gefunden, dem Autor gegenüber ausführlich zu werden.

Amis erscheint als Rezensent so engagiert wie Prinz Philipp von Griechenland als Ehemann einer Königin, die zehn Premierminister überlebte und nur bei ihrer Taufe in der Öffentlichkeit auf Contenance verzichtete. Er stürzt sich auf die Titel, Thesen, Termine und Temperamente, die ihm offeriert werden. Er reißt das Thema einer Stunde mit einem intellektuellen Nackenbiss, auf Figuren zur Textaufwertung stets verzichtend. Der Griff einer Frau in ihr Haar, eine obsolete Redewendung oder der verregnete Anblick einer vergessenen Sache lösen Romane aus den Klammern des Vorbewussten. Den Schwung für die Gelegenheitsarbeiten erhält das Golfen auf avancierten Allgemeinplätzen. Der Tod einer traurigen Prinzessin, „die Nachricht erreichte Balmoral Castle um ein Uhr früh am 31. August 1997“, zwang Königin Elisabeth zu Vorspiegelungen, die Amis eine Chance boten, das Haus Windsor introspektiv einzunehmen.

„Die Rede der Königin“ entstand 2002. Im Text kehrt der Autor zurück zum Anfang eines Endes. Er malt sich den jungen Philipp in der Rolle des Verehrers einer Prinzessin, die bald Königin sein wird, als Habenichts mit „sensationellem Stammbaum“ aus. Er geht steil: „Freud persönlich riet Philipps Mutter, da sie sich einbildete, die Geliebte von Buddha und Jesus zu sein, zu einer Bestrahlung der Eierstöcke, um das Einsetzen des Klimakteriums zu beschleunigen“.    

Amis beruft sich auf Orwell in seiner Erklärung, warum die repräsentative Monarchie das XX. Jahrhundert überlebt hat. Angeblich gibt es einen Trutz der Zuneigung, der „fast so alt ist wie die Geschichte. Die Idee, dass der König (die Königin) und das gemeine Volk eine Allianz gegen die herrschende Klasse bilden.“

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