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09.10.2018, Jamal Tuschick

Die Kolumbusverklärung ist ein Meisterstück der Desinformation. Kolumbus missbrauchte sein Mandat. Er bekehrte mit dem Schwert. Seine Unternehmungen basierten auf einem zynischen Kalkül. Zeitgenossen und Nachfolger des „Entdeckers“ sahen Kolumbus noch nüchtern als Raubritter.

Das Mainlabor unterstützt die Abschaffung des Kolumbus Tages an jedem 8. Oktober

Die Erkundung des Seewegs nach Indien konkurrierte mit einem größeren Staatsziel – der Rückeroberung des Heiligen Landes. Für das Seelenheil eines Christen lag in Westindien wenig und in Jerusalem viel. Die königlichen Hoheiten Isabella und Ferdinand hatten den Ehrgeiz von Musterschülern. Sie wollten die besten katholischen Monarchen sein und folglich die Lieblingskönige des Papstes in seinem römischen Atrium des Himmelreichs. 

Ich erzähle noch mal schnell die ganze Geschichte in der Verlaufsform der Gegenwart. 

In der ersten Morgenstunde des 24. Dezembers 1492, einem Montag, schiebt eine Strömung die Santa Maria auf eine Sandbank im Rio de los Mares. Der Steuermann hat einem Schiffsjungen das Flaggschiff des Westindienfahrers Kolumbus überlassen. Der Junge ruft erst um Hilfe, als das Ruder aus den Angeln fährt und Wasser gegen die widrig stehende Karavelle aufkocht. Kolumbus erscheint an Deck. Er befiehlt, einen Anker weit hinter das Schiff zu werfen, um es im Heranzug flott zu kriegen. Das Manöver misslingt. Schon sitzt der Kiel fest im Sand, das Schiff geht sofort aus den Fugen. Der Strom trifft mit voller Breite eine Längsseite. Die Santa Maria krängt in ihr Verderben.

Das Unglück vollzieht sich als Schauspiel für die Untertanen des Kaziken Guacanagari. Der Herrscher ordnet die Bergung des Wracks und seines Inventars an. Die „Indianer“ nehmen Dinge in die Hände oder sehen sie hochgestapelt, die für sie von unschätzbarem Wert sind. Sie ziehen nichts an sich: ein für die stinkenden, seelisch verrotteten und von Skorbut entstellten Fernfahrer unfassbares Verhalten.

„Die Dörfer und Häuser auf Hispaniola (heute Haiti) sind niedlich und jeder Ortschaft steht ein kleiner Kazike vor, dem sie (die Bevölkerung) vollkommen gehorcht. Alle Gebieter reden wenig. Oft befehlen sie nur mit einem Wink, und ich (Kolumbus) musste schon staunen, da ich sah, wie sie augenblicklich verstanden wurden.“

Der Steuermann und das Kind werden nach dem Rechtsgefühl der Epoche in Ketten zur Rechenschaft gezogen. Sie überstehen ihre Bestrafung nicht. Kolumbus etabliert vor Guacanagaris Haustür einen Vorposten der Zivilisation. Dann ruft die Neugier seiner Gebieterin Isabella von Kastilien den Admiral nach Spanien. Er nimmt „Wilde an Bord, Männer wie Weiber. Sie sind von schönem Wuchs und nicht von dunkler Haut. Es ist wahr, sie bemalen sich”, schreibt Kolumbus. Er schreibt über Leute, deren Versklavung er zu seiner Angelegenheit gemacht hat. Sie sollen Spanien sehen, Christen werden und bei künftigen Reisen nützlich sein. Sie sind „von sanfter Art und ohne Arg und Falsch“. Sie töten einander nicht und berauben sich nicht der Freiheit.

Kolumbus setzt das in Erstaunen.

„Sie führten keine Waffen und waren so furchtsam, dass ein einziger von uns reichte, um ihrer hundert dahinfliehen zu lassen. Sie glaubten alles, was wir ihnen sagten“.

Unter der von Wohlwollen immer deutlicher absehenden Aufsicht des Kaziken Guacanagari entsteht die erste spanische Siedlung auf amerikanischem Boden - das Fort La Navidad. Die neununddreißig Zurückgebliebenen fühlen sich von der Sitteneinfalt der Eingesessenen ins Paradies gestoßen. Sie haben bis jetzt ein mühsames und unhygienisches Leben geführt. Das sind verkümmerte Menschen, diese Schiffer, voller Geschwüre und Beulen. Ihr Glaube ist ohne Liebe. Nun wohnen sie Menschen bei, die sich Lieblosigkeit nicht vorstellen können. Sie überwinden sämtliche Schranken der lokalen Ordnung. Bevor sie deshalb niedergemacht werden, bemächtigen sie sich der Reichskasse des Kaziken. Der Schatz gilt erstmal als verschollen.     

Die Kolumbusverklärung ist ein Meisterstück der Desinformation. Kolumbus missbraucht sein Mandat. Er bekehrt mit dem Schwert. Seine Unternehmungen basieren auf einem zynischen Kalkül. Zeitgenossen und Nachfolger des „Entdeckers“ sehen Kolumbus noch nüchtern als Raubritter. Michele de Cuneo, ein Weggefährte, meldet: „Wir nahmen zwölf sehr schöne und sehr fette Weiber gefangen, sie waren etwa 15 bis 16 Jahre alt, gleichzeitig auch zwei Knaben ... Wir sandten sie nach Spanien als Muster.“

Die Erkundung des Seewegs nach Indien konkurriert mit einem größeren Staatsziel – der Rückeroberung des Heiligen Landes. Für das Seelenheil eines Christen liegt in Westindien wenig und in Jerusalem viel. Die königlichen Hoheiten Isabella und Ferdinand haben den Ehrgeiz von Musterschülern. Sie wollen die besten katholischen Monarchen sein und folglich die Lieblingskönige des Papstes in seinem römischen Atrium des Himmelreichs.

Kolumbus verspricht seinen Herrschaften die Mittel für eine grandiose Himmelfahrt. Im Frühjahr 1495 passiert er den Drachenschlund vor Trinidad und stößt auf Inder, die nicht freundlich sind. Eine Streitmacht stellt sich der Expedition entgegen, auf einen Spanier kommen fünfhundert Bürger.

Cuneo erinnert sich: „Aber die Übermacht hielt den Geschützen, der Reiterei und der Bluthundestaffel nicht stand. Der Sieg des Kolumbus war leicht und vollkommen. Der Admiral brachte das harte Recht der Sieger über den Verlierern zur Geltung.”

Der dahergesegelte Kolumbus spielt sich als Inselchef auf. Er verlangte nicht nur eine Kopfsteuer vom Inder, er kriegte sie auch. Anstatt ihn um seinen Kopf zu kürzen, gibt man dem Eindringling jedes Jahr hundertsiebzig Gulden in Gegenwerten.

Man hält in der Neuen Welt an einer Kultur der Verwaltungsakte fest. Obwohl nichts ungesetzlicher sein kann als die Entrechtung der ursprünglichen Bevölkerung, besteht die Administration in den überseeischen Departements auf Anstriche der Rechtsförmigkeit. Kolumbus versagt bei der Durchsetzung staatlicher Monopole und anderen Interessen der Krone. Seine Bürokratie stört. Die Kolonisten verweigern den bevormundenden Papierkram. Der pomadige Führungsstil ihres Vizekönigs, die geblähte Art einer lebenden Legende, zieht nicht mehr. Kolumbus hat ein Autoritätsproblem. Deshalb erscheint Francisco de Bobadilla.

Bobadilla ist ein geduldiger Mann. Monatelang liegt der Gouverneur dem Vizekönig mit der Empfehlung in den Ohren, zu demissionieren, um nicht von einer Absetzung beschädigt zu werden. Kolumbus hatte mal eine Geliebte namens Bobadilla. Er verbindet also mit dem Namen sehr unterschiedliche Erfahrungen. Er teilte sich die Bobadilla mit König Ferdinand. So was gab es auch, das war nicht alles nur Matsch im Regen. Endlich schmiedet man Kolumbus in Ketten und schafft ihn nach Spanien. Auch seine Brüder reisen gebunden. Die Erkundung des Seewegs nach Indien ist nicht das einzige Familienunternehmen. Brüder, die in Europa keinen Fuß auf den Boden bekommen, ziehen Betriebe in der Neuen Welt auf. Sie segeln los, besetzen eine Insel, errichten ein Terrorregime und mischen sich mit den Indigenen.

Die Kolumbusbrüder hätten in Spanien keine abgekriegt als Habenichtse. Für sie ist die Entdeckung Westindiens ein Geschäftsmodell.

In Spanien nimmt Ferdinand Kolumbus persönlich die Ketten ab, widerspricht aber nicht der Entmachtung seines vergreisten Argonautenführers. Kolumbus, der nah am Wasser gebaut ist, bringt wieder einmal das Selbstmitleid nicht unter Kontrolle. Er beklagt sich bei Bella.

Oh je, denkt Isabella I. von Kastilien. Die Königin verkneift sich die Frage: Mann oder Maus? Sie faltet die Hände im Schoss und überzeugt in der Vortäuschung von Mitgefühl.  

Manche sagen Burnout oder Heulsuse, in Isabellas Schlafzimmer heißt es, der Admiral sei „schwer gekränkt“. Zum Schluss will der schwer Gekränkte nur noch eine Weltreise machen; eine Seniorensehnsucht bis heute. Im Juni 1502 erreicht er Martinique. Man verweigert ihm die Hafeneinfahrt. Das kränkt Kolumbus noch mehr. Er kränkt westwärts. Auf Honduras entdeckt er bei der Bevölkerung „Merkmale einer guten Lebensart“.

„Die Leute gingen bekleidet. Sie führten Kupferäxte und Schwerter vom Feuerstein.“

Kolumbus übersteht „einen der gefürchteten westindischen Stürme“, bevor er auf Costa Rica (Reiche Küste) seiner Goldgier tüchtig Nahrung geben kann.

Auf Costa Rica schmücken sich die Inder mit Goldblechen. Manche horten enorm viele Bleche in einer sonst sehr bescheidenen häuslichen Umgebung. Das Interesse gilt dem Glanz, nicht dem Wert. Die Strandläufer schichten vor Kolumbus auf, was sie haben. So kommen ein paar tausend Bleche zusammen.

„Nimm, du seltsamer Gott“, sagen die Inder. „Wir haben noch mehr Bleche.“

Kolumbus lässt sich nicht lumpen und revanchiert sich mit Glasperlen und Stoffstreifen. Die Beschenkten machen große Augen. Was für ein Fest. Junge Männer führen vor dem Ehrengast und dem schimmelnden und schielenden Gefolge rituelle Schrittfolgen mit viel Sinn für Theatralik auf. Später performen ihre Schwestern und Bräute, mit dem „gefährlichen Liebreiz der Sirenen“.   

Kolumbus hat seinen Zenit lange überschritten, Schiffsjungen äffen ihn kaum heimlich nach. Ihre Pantomimen stellen einen im lippenaktiven Selbstgespräch gefangenen Greis dar. Kolumbus übersieht die Faxen.

Nicht nur seine Männer verrotten. Auch die Schiffe sind marode und müssen vor Jamaika aufgegeben werden. Kolumbus weiß sich in Not. Er lässt ein Lager befestigen. Ein Skorbut der Seele nagt an ihm. In seiner Blüte war alles Lust und ein Grund der Neugier gewesen, jeder Sturm - und jede Rinne, die von einem Meer zum nächsten führen konnte. Nun macht Melancholie aus Kolumbus einen Angler.

Er schickt Boten nach Domingo, ein Schiffbrüchiger auf der ganzen Linie. Der Chef von Domingo, Nicolás de Ovando y Cáceres, lässt Kolumbus auf Jamaika hängen. Ovando ist ein Großmeister der Befriedung. In seiner Amtszeit hört die Renitenz der Kolonisten auf. Ovando brachte den transatlantischen Sklavenhandel in Schwung, nachdem ihm klar geworden war, dass Einheimische der Arbeit auf dem Feld und im Berg so wie den ständigen Misshandlungen nicht gewachsen sind. Gescheitert ist der Versuch, aus dem Inder mit Arbeit „einen gesitteten Menschen“ zu machen.

Versklavung als Christenpflicht – der Sklavenhalter darf sich Gottes Dank gewiss sein, hat er doch Heiden auf den Wegen schmerzhafter Christianisierung vor dem ewigen Höllenfeuer bewahrt.

Ovando degradiert die Abgeordneten des Kolumbus, er mutet ihnen eine Bittstellerexistenz zu. Der Unterchef eines Geheimordens mit Regierungsgewalt nutzt die Mondfinsternis vom 29. Februar 1504 als Kulisse für eine Demonstration seiner Macht. Besonders Unglückliche lässt er von Hunden zerreißen.

Allein der Mönch Bartolomé wagt es, Ovandos Zorn herauszufordern. Bartolomé verwendet sich für die Rettung von einem Vorgänger Ovandos. Der Statthalter schickt Kolumbus sein schlechtestes Schiff und bereitet ihm einen schmählichen Empfang. Der resignierte Rivale betrachtet den Korso der Erniedrigungen mit einer unerklärlichen Heiterkeit.

„Kolumbus war in elender Verfassung, als er Domingo erreichte. Ovando gab sich jede Mühe, das Ausmaß seiner Missachtung groß erscheinen zu lassen. Anstatt den Gast anzuhören, spielte der Gouverneur mit seinen Hunden.“

Das ist das Ende. Im Herbst stirbt Isabella. Ihre schützende Hand hat Kolumbus manchmal bewahrt. Nun schützt ihn nichts mehr außer den Mauern eines Klosters - Vita contemplativa. Der Tod erscheint endlich freundlich.

 

 

 

 

 

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