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11.10.2018, Jamal Tuschick

Auch nach der Freilassung des in der Türkei inhaftierten Gemeindemitglieds Peter Steudtner setzt sich der Gebetskreis „Wachet und betet. Freiheit jetzt“ an der Berliner Gethsemanekirche für die Freiheit zu Unrecht Inhaftierter ein.

Kino gegen Erdoğan

„Dann haben wir Kerzen angezündet und gebetet. Das hat die Stasi fertiggemacht.“

So erinnert sich ein Aktivist des „Gebetskreises in der Gethsemanekirche“ an Neunundachtzig, als ein Volk eine Regierung von der Macht trennte, mit Gefühlsaufständen in Kirchen nicht zuletzt.

Heute machen wir Kino gegen Erdoğan.

„Wachet und betet. Freiheit jetzt“

Auch nach der Freilassung des in der Türkei inhaftierten Gemeindemitglieds Peter Steudtner setzt sich der Gebetskreis „Wachet und betet. Freiheit jetzt“ an der Berliner Gethsemanekirche für die Freiheit zu Unrecht Inhaftierter ein. Mit einer türkischen Filmreihe will die Gruppe zu einer Auseinandersetzung mit der aktuellen Situation in der Türkei aus der Perspektive der Menschen vor Ort animieren, um neue Sichtweise und Einblicke auf das Leben in der heutigen Türkei zu gewinnen. Spielort ist das UCI KINOWELT Colosseum (Schönhauser Allee 123, 10437 Berlin) unweit der Gethsemane-Kirche. Die Filmreihe startet am 12. September 2018. Zu sehen ist zum Beispiel der Klassiker Yol aus der Zeit der Militärdiktatur in einer Lang-Fassung, wie sie so noch nie im deutschen Fernsehen zu sehen war. Darüber hinaus werden aktuelle Filme aus der Türkei gezeigt, die ein Bild der Verhältnisse unter der derzeitigen AKP-Regierung abgeben, aber eben auch Zeugnis des modernen kulturellen Lebens am Bosporus sind. Manche Produktionen sind so neu, dass sie zum ersten Mal in Deutschland gezeigt werden. Im Anschluss an die Filmvorführung wird es eine Diskussion geben. Das vollständige Programm finden Sie hier Der Gebetskreis trifft sich täglich um 18 Uhr an der Gethsemanekirche in Berlin Prenzlauer Berg. Der Ruf „Wachet und Betet!“ des biblischen Jesus im Garten Gethsemane an seine Jünger ist für die Initiatoren ein besonderer Auftrag. Mit den täglichen Gebeten setzen sie sich für Menschen ein, die zu Unrecht inhaftiert sind. Wachen bedeute auch, neugierig sein, sich informieren, dazu lernen.  

Gestern wurde Paranin Kokusu - The Smell of money gezeigt - eine Komödie von Ahmet Boyacıoğlu aus dem Jahr 2018.  Die Klassifizierung ist eine Tarnadresse. Der Film ist nicht komisch. Er interveniert mit den Mitteln der Komödie und deckt so seine subversive Ladung ab. Murat Kılıç spielt den Taxifahrer Mehmet, einen tropffreundlichen, jedem Überschwang abholden, redlich ergrauten Junggesellen, der den Jungen in seinem Viertel nachsieht, dass sie täglich das Taxi anpissen – in einem abergläubischen Ritual. Seine Fahrgäste neigen dazu, Mehmet zu ignorieren, während ihn eine gütige Neugier von schierer Indifferenz abhält. Er chauffiert eine Studentin, die am Telefon von ihren Escort Erlebnissen berichtet, und einen Chef, der gerade genug Schmiergeld für einen Zuschlag geboten hat.

The Smell of money. Türkei 2018. Regie: Ahmet Boyacıoğlu. Mit Murat Kılıç, Şevval Sam, Emrah Kolukısa, Rıza Sönmez.

Die Geschichte spielt in Ankara und da vor allem in Rizas Teestube der einsamen Herzen. Ein verbummelter Medizinstudent, ein ängstlicher Polizist und noch mehr merkwürdig undynamische Gestalten verbringen ihre Freizeit in dem Aufenthaltsraum. Man nimmt Anteil am Schicksal des anderen, beweist Merhamet, zockt, schwadroniert, schweigt und grübelt. In diesem Milieu erscheinen Mehmet, der Stubenwirt und ein erfolgloser Journalist namens Adnan besonders befreundet. Reza und Adnan verleiten Mehmet zu der Installation einer Kamera im Taxi. Das Unglück greift bald nach den Amateuren und lässt erst ab, als kaum noch einer am Leben ist. Regisseur Boyacıoğlu erzählt von einer Kollision volkstümlicher Naivität mit extrem brutalen staatlichen Gewaltinstanzen. Er übt Kritik an dem autoritären Regierungskurs in seinem Land. Boyacıoğlu schildert Staatsterror durch die Blume der Sentimentalität.  

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