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14.10.2018, Jamal Tuschick

In "Zähmung der Tiere" erzählt Ada Dorian von gefährlicher Prosa.

Verschwunden am Putschtag

Ein Mann betrinkt sich auf einer Istanbuler Hotelterrasse über dem Bosporus in einer nächtlichen Szene mit illuminiertem Pool. „Obenrum (ist Thomas) mit Hemd und Krawatte bekleidet, untenrum lediglich mit einer Unterhose“. Thomas (ein flugängstlicher Vielflieger) denkt an Simone, die er auf einem Ethik-Symposium in Berlin kennengelernt hat und die er im Süden der Vereinigten Staaten bald zu treffen hofft. Hinter ihm liegen gescheiterte Verhandlungen mit türkischen Regierungsvertretern. Thomas gehört zu einer deutschen Delegation, die nach der parlamentarischen Völkermordfeststellung vom 2. Juni 2016 den Bündnisschaden begrenzen sollen.   

Ada Dorian, „Die Zähmung der Tiere“, Roman, Ullstein, 220 Seiten, 20,-

Das skizziert den vielversprechenden Romanauftakt. Man hat sofort einen Film vor Augen. Der Deutsche Bundestag nannte die osmanischen Massaker an den Armeniern 1915/16 einen Genozid. In der Türkei wurde die Einordnung nicht zuletzt als Bloßstellung eines NATO-Partners bewertet. Im Folgenden ging es auch um ein Bundeswehr Kontingent auf dem Luftwaffenstützpunkt Incirlik. Wenige Wochen nach dem politischen Erdbeben scheiterte der Versuch einer gewaltsamen Amtsenthebung Erdoğans. Wieder spielte Incirlik eine Rolle, diesmal als Bollwerk der Putschisten. Im Roman sucht ein exponierter Putschist in Frankreich Asyl. Jedenfalls ist das die Story, auf die Clément anspringt. Der freie Journalist erscheint an der Stelle von Thomas auf der Bildfläche, auch er im Aufzug eines Erfolgreichen. Nun bietet Paris die Kulisse und die Ereignisse vom 13. November 2015 ein weiteres historisches Datum. Clément verbindet mit dem dschihadistischen Sturm auf das Bataclan-Theater eine berufliche Sternstunde. Der Journalist war zufällig im Arrondissement des Geschehens, als ihn die Mitteilung erreichte, dass im Bataclan die Hölle losgebrochen sei. Der Massenmord bot ihm eine Gelegenheit, sich dem Publikum von France Neuf zu präsentieren.

Seit dem 14. Jahrhundert lautet das Motto der Kapitale an der Seine: Fluctuat nec mergitur. Die Phrase spielt mit den Modalitäten des unheroischen Überstehens schwerer Schläge. Sie erfuhr eine Renaissance als Kampfruf gegen den Islamismus. Man vernimmt ihn noch in der antiken Stadt Mersin an der türkischen Mittelmeerküste. Nun steht Ingrid „am Strand und (sieht) hinaus auf das Meer, hin zum Horizont, der als harte Linie den Himmel“ durchschneidet. Wieder dreht sich die Geschichte mit einer weiteren Person. Abends sitzt Ingrid auf einem Balkon und schaut Richtung Mamure Kalesi – einem ursprünglich römischen Fort, das dann als armenisch-christliche Königsfestung von Kreuzfahrern nach fränkischem Vorbild modernisiert wurde, bevor die Oghusen die Anlage übernahmen. Endlich erkennt man die Zentrallinie des hochkomplex-figurenreichen Episodenromans. Die heimliche Heldin heißt Nilay. Die Kinderbuchautorin verschwand am Putschtag. Sollte in ihrem Märchen von dem Mädchen und dem Bären eine politische Botschaft mit Sprengkraft versteckt sein; so dass sich der Sanktionsminister veranlasst sah, Nilay kassieren zu lassen?

Der Roman beantwortet die Frage.   

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