MenuMENU

zurück zu Main Labor

15.10.2018, Jamal Tuschick

Der Unternehmer Amiran Vanilisi beschäftigt vor allem Migranten. Er zeichnet Linien von Flucht und Vertreibung nach, angefangen bei der eigenen Familiengeschichte bis hin zu den Lebensläufen syrischer Flüchtlinge, die er als Produktionshelfer*innen beschäftigt.

Migration als Wirtschaftsmotor

Die ersten Kampfhandlungen waren kaum alarmierend. Ab und zu ein Schusswechsel oder eine Detonation weit weg. Ein Viertel verlor seine Durchlässigkeit. Die Topografie wurde abenteuerlich. Zwei bewegten sich nach den Spielregeln der Liebe aufeinander zu. Alima tarnte ihre innere Unabhängigkeit mit religiösen Symbolen. Sie emanzipierte sich unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Es gab keinen Himmel für ihre Höhenflüge. Alles musste sich heimlich vollziehen. Wie dann auch der Abschied.

Auf Mykonos endete die Europareise erst einmal in einem Lager. Ein dänischer OneWorld-Aktivist schleuste Alima und Said in die Freiheit. Said bezeichnet den Helfer als Passeur – Fährmann. Er wäre lieber nach London gegangen, aber Alima fühlte sich von Merkel herzlich eingeladen.

Alima und Said sitzen im Konferenzraum, syrische Akademiker, die im Sog der Willkommenskultur in einem osthessischen Knick zwischen Südthüringen und Unterfranken gestrandet sind. Ich beschäftige sie als Produktionshelfer*innen. Etwas anderes habe ich nicht für sie. Ab und zu verbringen wir eine Kaffeepause gemeinsam, zur Erweiterung meines Horizonts. Dann erlebe ich mich als Gastgeber von Teilnehmern einer Völkerwanderung.

Alima und Said sind viel zu höflich, um mir meine Provinzialität vor Augen zu führen. Said ist in England zur Schule gegangen. Er liebt die Zauberstimmungen keltischer Landschaften. Er hat schon früh alles für vorläufig zu halten gelernt. Ich flüchte vor meinen Allgemeinplätzen in die Rolle des guten Zuhörers. 

Said wirkt auf mich nicht besonders unternehmungslustig. Alima ist die treibende Kraft. Sie prüft die Lage und guckt, was geht. 

Nina kreuzt dramatisch auf und lenkt das Gespräch sofort auf einen, dem Betrieb seit langem verbundenen Kunden, der sich als greiser Patriarch mehr Zuwendung vom Chef wünscht. Ich hatte das Thema heute schon mal mit Ninas Mann und meinem Bruder Levan. Das ist ein Angriff auf mein Zeitkonto. Zeit ist wertvoller als Geld. Mein nächstes Ziel ist es, im Betrieb nicht mehr benötigt zu werden. Ob ich morgens ins Büro gehe oder in den Wald, soll bald nur von den Versprechungen eines Tages abhängen.

Für Vater und Großvater (mit seinen apokalyptischen Augenbrauen) wäre diese Freiheit das Grauen gewesen. Ohne ihren Einsatz und ihre Kontrolle brach alles stündlich zusammen. Mit schierer Präsenz wirkten sie auf die Arbeiter ein. Vater herrschte mit der Bereitschaft zum Verzicht. Ich habe euch versprochen, heute von meinem Vater zu erzählen, aber jetzt ist mir doch nicht danach.  

Vater verlangte nichts für sich. Er vegetierte in der Erwartungslosigkeit eines gebrochenen Sohnes. Trotzdem war er einfallsreich und erfinderisch. Immer wieder brachte er Produktionsabläufe auf Vordermann. Zugleich bewies er kaufmännisches Geschick. Er hatte unternehmerische Tricks auf Lager. Seine Tipps waren Gold wert. Er verstand es, einen Millionenkredit an Land zu ziehen.

Als ich einmal einen Anbau zu großartig und deshalb überflüssig fand, wusste er schon, dass ich genau diesen Raum brauchen würde. Instinkt, Hellsichtigkeit, Rationalität - und Wundergläubigkeit: das alles kam bei ihm zusammen und verschmolz in einem unentdeckten Selbst.  

Er ließ sich Ungeheures gefallen. Sein erstes Gehalt erhielt er im Alter von dreiundvierzig Jahren. Bis dahin hatte er als Juniorchef Taschengeld bekommen.  

Ich sage: „Lass den alten Wichtigtuer ziehen, wenn er meint, er kriegt zu wenig Zeit von mir.“

Nina bemüht sich um eine Darstellung konstruktiven Widerspruchs als Stirnfaltenwurf. Ich weiß, was sie denkt: Ab und zu spinnt der Amiran auch zum Nachteil seiner Angehörigen.   

Warum müssen wir Angst vor dir haben? fragt Nina, ohne ein Wort zu sagen. Die verschwiegene Antwort lautet: Weil ich der Enkel meines Großvaters bin und gesehen habe, was passiert, wenn man sich herumschupsen lässt. 

Die Fabrik als Spielplatz

Zur Erinnerung. In den 1970er Jahren übernimmt mein Großvater, ein Mann, der allgemein als türkischer Gastarbeiter wahrgenommen wird, sich selbst aber für einen georgischen Lasen hält, eine Fabrik für Fußbodenteile. Der Gründer hatte die Fabrik auf eine Wiese neben Feldern gesetzt, zunächst Holzabsätze produziert, und sich mit seinen direkten Nachkommen überworfen oder sie als Versager eingestuft. Großvater beschäftigte drei Söhne. Ein Sohn starb bei einem Unfall, einer schied im Streit aus, nur mein Vater hielt durch. Heute leite ich die Fabrik offiziell gemeinsam mit meinem Bruder und meiner Schwester Lika. Tatsächlich setzen meine Geschwister meine Entscheidungen um. Die ganze Familie arbeitet im Kasten, so nennen wir die Fabrik. Alle wohnen auf dem Fabrikhof. 

Ich bleibe beim Korkausschuss stehen. Auf dem Gaumen der Erinnerung riecht der Abfall nach ofenfrischen Brötchen und Kindheit - und im Gedächtnis riecht er nach Kampf und Auferstehung. Ich greife ausladend wie mit einer Schaufel in die Reste und führe mir eine Handvoll unter die Nase und vor Augen, in einem rituellen Vorgang. Der Ausschuss entsteht als Verbindung von Kork und knusprigem Kunststoff, man erkennt die ausgeschnittenen Einlageformen. Die Angüsse ragen auf.

Ich versäume die Probe an keinem Tag, der Griff in den Kork ist eine Geste der sich verneigenden Demut vor den Geistern der Vergangenheit, die im Maschinenraum eingeschlossen sind – gekettet an die Produktion von Schuhbodenteilen und vollwaschbaren Einlagen. Das sind Nachkommen der Holzabsätze und Spannhülsen, emporgestiegen aus den ästhetischen Niederungen der Gebrauchsgegenstände hin zum optisch einladenden Design.

Ein Denkmal der Tüchtigkeit ist der Hänel Paternoster. Seit 1957 stellt die Familie Hänel in Bad Friedrichshall Registratur-Lifte her. Ich glühe für die unverwüstliche Sachlichkeit ihrer Apparate. Der Paternoster hat viele Veränderungen auf der Produktionsebene überlebt. Er wird nach mir noch funktionieren.

Anastasia grüßt den Chef. Die Produktionshelferin zählt zu den Fröhlichen und Unentwegten der dritten Einwanderergeneration. Jede geborene Deutsche würde sich an ihrer Stelle vom Schicksal in die Ecke gestellt fühlen, aber für Ana ist der Job ein perfekter Dreh- und Angelpunkt. Ana leistet sich einen Einser BMW.

Der Wagen glänzt stets wie ein polierter Pfirsich. Er signalisiert Anas Erwartung. Er ist genau das kompakte Kraftpaket, stark auf langer Strecke, wendig im Getümmel der Städte und ein Sieger in jeder Lücke, dass Ana sich als Mann wünscht. Ein Mann wie dieses Auto wird mit einem großen BMW demnächst auf dem Hof halten und sich als jener vorstellen, der Ana die Kinder zu machen versprochen hat, die es braucht in einem rundum gelungenen Leben.

Der bis zur Selbstentzündungsgefahr aufgeheizte Maschinenraum ist für mich voller Verlockungen. Ich atme die Aromen ein, die in den Herstellungsprozessen entstehen. Ich sage jedem: Ich war auf der Realschule, und jetzt kommst du mit deinem Hochschulabschluss. Wahrscheinlich ist mein Englisch besser als deins und besser rechnen kann ich bestimmt. Hast du neun Patente auf deinen Namen angemeldet? Also! Ich genieße die Freuden eines Schöpfers. 

Die Vorfahren meines Großvaters kamen als Flüchtlinge in die Türkei. Das waren den Türken auch ethnisch fernstehende Kaukasier. Solange das osmanische Reich als Vielvölkerstaat währte, bewahrten die georgischen Lasen an der türkischen Schwarzmeerküste ihre Eigenart. Sie existierten als Minderheit neben den Minderheiten der Abchasen, Armenier, Hemşinli, Georgier und Pontos-Griechen. 

Meine Vorfahren stammen aus der Provinz Düzce. Mein Vater und meine Mutter wurden im selben Landkreis geboren wie meine Großeltern und deren Eltern. Meinen Vater brachte man als Kind ins Grenzland, während meine Mutter in der Türkei aufwuchs. Die großen Entscheidungen im Leben meiner Eltern sind von anderen getroffen worden. Ihnen fehlte dann die Autorität, um meine Geschwister und mich genauso einzunorden. Ich habe eine Scheidung hinter mir und lebe mit einer Frau zusammen, die zwei Kinder mitgebracht hat. Dazu später mehr.  

Der Ausschuss wird in eine Mühle gesaugt. Das Mahlgut landet in einem Kasten, der im Lager über der Produktionsebene steht. Die weiträumige Trennung der Maschinen vom Material dient der Sicherheit. Wir verarbeiten Granulat. Kleinste Ausschüttungen, die vorschriftswidrig liegenbleiben, können jemandem in einer Rutschpartie das Genick brechen. Keiner muss mit mehr Ermahnungen rechnen als Said. Was auch immer bei dem Mann im Lager sauber verschlossen ankommt, kriegt nach der ersten Nutzung eine problematische Struktur.

Oft denke ich über Verbesserungen an Ort und Stelle nach.  

Das Mahlgut verliert seine Form an die nächste Ladung. Die Fabrik als Spielplatz - als Kind badete ich in der Kiste, lange dachte ich, aus eigenem lustvollem Antrieb. Tatsächlich habe ich im Kasten Reklame für mich gemacht und um Aufmerksamkeit gebuhlt. Mein Bad diente der Unterhaltung, es durfte gelacht werden. Es ließ sich eine frühe Identifikation mit dem Betrieb feststellen. Die wurde fotografisch festgehalten. Unter einer Aufnahme steht: Juniorchef mit Eifer bei der Arbeit. Das war nicht nur launiges Gedöns der überlasteten Eltern. Mit einem leichten Hammer klopfte ich Klumpen klein. Ich ergänzte das Mühlenwerk in Handarbeit und bot mich zugleich als Beispiel für Niedlichkeit an.

Die wertvollsten Instrumente im Kasten habe ich erfunden zur Behebung von Mängeln. Obläge es einem Menschen zu tun, was meine Roboter in einem Durchgang erledigen, er müsste neun Materialien neun Arbeitsschritten unterwerfen. Die Maschinen könnten nicht, was sie können, wäre nicht in wochenlangen Sitzungen jeder Schritt manuell vollzogen und nach einer Simplifikationsordnung analysiert worden. Solche Laborphasen treiben Mitarbeiter über die Grenzen ihrer Vorstellungskraft. Etwas Unvorstellbares wird in Angriff genommen unter Einsatz aller Ressourcen, vom Steak Griller über die Klebstoffexpertise einer Bekannten bis zu Ausstechformen für Weihnachtskekse und Modellen in Spielzeugformaten.

 

 

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen