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15.10.2018, Jamal Tuschick

In Paul Beattys mit dem „Man Booker Prize“ ausgezeichneten Roman „Der Verräter“ züchtet ein Marihuana Farmer quadratische Melonen. Als Sohn eines wahnsinnigen Experimentalsoziologen weiß er: „Manche Kinder sind schlicht zu weiß, um nass zu werden. Man stelle sich Winston Churchill, Colin Powell, Condoleezza Rice oder den Lone Ranger klitschnass vor, dann weiß man, was ich meine.“

Dreistes Glotzen

Mistress Dorothy verlangt für die Versorgung mit Schmerz „pro Stunde zweihundert Dollar plus Rassismus-Aufschlag“. „Bimbo, Bananenfresser und Affe“ sind kostenlosen Zugaben, aber das zugespitzte N-Wort kostet zehn Dollar. Gespannt auf ein Rad, genießt Hominy Jenkins die schlechte Behandlung. Der greise Kinderstar gehört zu der „post-rassistischen Bürgerrechtsbewegung Stillstand“, die vermutlich nur zwei Mitglieder hat. Er hat sich selbst versklavt und in die Obhut seines Nachbarn Bonbon Me begeben.

Paul Beatty, „Der Verräter“, Roman, aus dem amerikanischen Englisch von Henning Ahrens, Luchterhand, 351 Seiten, 20,-

Der Melonen und Marihuana Erzeuger muss auch für Homineys BDSM-Zechen aufkommen. Was für den „Sklaven“ einer Erlösung von sämtlichen Widersprüchen der Freiheit nahekommt, bedeutet für seinen „Herrn“ Stress. In der ersten Szene erscheint Bonbon als Sklavenhalter und Befürworter der Rassentrennung vor dem Obersten Gerichtshof. Ein schwarzer Verfechter der Segregation - nichts könnte absurder sein. Bonbon bietet das Homogenitätsargument auf. Sind alle schwarz, also gleich, sei es für jeden einzelnen leichter, sich und die anderen (in der Gruppe) zu respektieren. Das führt zu der Frage, macht schwarz gleich? In der Umgebung dieser Frage, findet sich die Feststellung:

„Nicht die Rasse ist das Problem, sondern die Klasse.“

„Manche Kinder sind schlicht zu weiß, um nass zu werden. Man stelle sich Winston Churchill, Colin Powell, Condoleezza Rice oder den Lone Ranger klitschnass vor, dann weiß man, was ich meine.“

*

„Zweiundsiebzig Vororte auf der Suche nach einer Stadt“.

So charakterisierte Dorothy Parker Los Angeles. In den kalifornischen Gettos werden schon Babys in Gangfarben gewickelt. Bonbons Vorort heißt Dickens und ist beispielhaft für Urban Agriculture. Einen Hof in der Stadt unterhielt bereits der Vater des Erzählers. Er versagte als Pferdezüchter. Als Alleinerzieher setzte er seinen Sohn drastischen Experimenten aus. Einmal verlangte er von ihm „dreistes Glotzen“ zur Provokation vermeintlicher Rednecks. Das weiße Ensemble an einem Straßenrand von Natchez im Bundesstaat Mississippi entpuppte sich als queerer Verband. Es wurde nicht gelyncht, sondern zum Lunch gebeten. Der gewalttätige Rassismus ließ auf sich warten. Schließlich erschossen Polizisten Bonbons Vater.

Beatty legte Wert darauf, nicht als Satiriker falsch verstanden zu werden.

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