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17.10.2018, Jamal Tuschick

In Deutschland funktionierte Arbeit noch besser als Geld. Die Frauen im Übergangsheim waren ledig. Sie bekochten sich wie Schwestern, ihre Freiheitsgewinne trockneten mit der Wäsche, so unscheinbar. Da war nichts Großes und selbst das Kleine war noch zu groß für jedes bekannte Wort.

Von einem Ufer zum anderen

Türkische Gastarbeiterinnen

Eingebetteter Medieninhalt

Der Unternehmer Amiran Vanilisi beschäftigt fast ausschließlich Migranten in seiner Fabrik für Schuhbodenteile. Er bezeichnet sie als Flüchtlinge, „denn“, so Amiran, „kein Mensch verlässt freiwillig seine Heimat“. Den sentimentalen Heimatbegriff entwickelte er in einem osthessischen Knick an der Grenze zu zwei Bundesländern. Amirans Vorfahren flohen von einem Ufer zum anderen aus Georgien in die Türkei und bildeten da die nicht anerkannte Minderheit der Lasen. Das sind in der Mehrzahl sunnitische Muslime, vereinzelt auch orthodoxe Christen. Die kulturellen Trennlinien verlaufen umgekehrt proportional zu den Demarkationen zwischen den christlichen und den muslimischen Armeniern (Hemşinli), die sich in den gleichen Gebieten ausdifferenziert haben. Amirans Vorfahren stammen bis zur Generation seiner Eltern ausnahmslos aus der Provinz Düzce. Obwohl sie mit keiner markanten Ethnie auf dem Staatsgebiet der Türkei verwandt sind, nimmt man sie als Türken wahr.

Amiran ist landauf, landab der Türke, der es geschafft hat.

Er war mit einer Deutschen verheiratet, mit der er drei Kinder hat, die bei der Mutter leben, und ist nun mit einer Bosnierin (Tochter bosnischer Flüchtlinge) liiert. Gestern sprach er lange und seltsam lustvoll über den Mann, von dem Amirans Großvater das Unternehmen übernahm. Amiran nennt ihn „den alten Franken“, obwohl Anton Schlosser Geburtspfälzer war.

„Der alte Franke war eine Ausnahmeerscheinung – Heiler, Seher, Seelenberserker – ein Landsknecht unter Fuhrleuten.“

Schlossers Vorfahren waren im 19. Jahrhundert von den Höhenzügen des Pfälzerwaldes nach Pirmasens herabgestiegen und in der ehemaligen Garnisonsstadt von der Industrialisierung erfasst worden. Töchter und Söhne folgten Müttern und Vätern in Fabriken, deren Portale an Paläste erinnerten. Hinter der Fassadenpracht herrschte ein harsches Regiment. Die Fabriken gehörten Nachkommen von Soldaten. Ein knapp bemessener Sold hatte die Gründergeneration zum Nebenerwerb als Billigsauter, Flickschuster, Holzschuh- und Altmacher gezwungen. Der Volksmund nannte sie Schlabbeflicker. Ihre aus Uniformfetzen gefertigten Schlabbe waren von herumziehenden Händlerinnen unter die Leute gebracht worden.

Notlösungen führten zu einer Konzentration, die der Schuhmetropole Pirmasens bis in die Neunzehnhundertsechzigerjahre Vollbeschäftigung garantierte. Schlosser nahm das Wirtschaftswunder mit einer Armada von sieben Lastwagen und einem Volkswagen für die Sonntagsausflüge vorweg. In den Vierzigerjahren stieg er als Nachfolger seines Vaters zum fünftgrößten Spediteur in Fulda auf. Sonntagsausflüge im eigenen Personenkraftwagen waren so exklusiv wie Italienurlaube. Schlosser setzte alles daran, reich zu werden. Es gab für ihn keinen stärkeren Beweis der Überlegenheit als Reichtum.

Zu einer Zeit, als Straßensperren der Besatzungsmächte den Verkehr störten, wiederfuhr dem Fuhrmann ein seltenes Unglück, das er als Schicksalswink mit dem Zaunpfahl empfand. Eines Tages blieben drei Fahrzeuge auf der Strecke liegen. Die Verhältnisse waren noch so, dass man ungebremst verschüttgehen konnte und nicht jeder, der weg war, gleich für verschollen galt. Deutschland war zerschlagen, in ländlichen Gegenden traf man manchmal tagelang auf keinen Inhaber eines Telefonanschlusses. Ein Fahrer meldete sich erst nach Ablauf einer Woche aus der tiefen Pfalz. Er hatte die erste Gelegenheit für ein Lebenszeichen genutzt.

Schlosser verlor das Vertrauen ins Fuhrgeschäft. Es lag kein Segen auf dem Speditionswesen, fand er. Erschüttert von Verlusten aus heiterem Himmel, sah er sich veranlasst, im Landkreis ein Flurstück zu kaufen - in einem Winkel der jungen Republik, der heute noch wie beiseitegeschoben daliegt.

Schlosser begann, Pfälzer Magnaten zuzuarbeiten. Er produzierte für Neuffer, Rheinberger, Semler und Kaiser Holzabsätze. Holz war ein preiswerter Rohstoff. Aus den Wäldern geschlagene Eichen wurden geflößt. Flößer gingen weit und breit der gefährlichsten Beschäftigung nach. Man hielt sie für verwegen. Opfer von Berufsunfällen fielen im Heer der Kriegsversehrten nicht auf.  

Ich nehme den Erzählfaden an anderer Stelle auf. Es spricht der Chef:

Hanna – Die Geschichte einer verpassten Beziehung

Ich habe Hanna eine Finanzspritze unter der Hand versprochen. Noch nicht einmal ihr Mann soll davon erfahren. Hanna spielte die andere Hauptrolle in einem Kurzfilm meines Lebens. Uns verbinden ein paar Frankfurter und Offenbacher Diskonächte vor langer Zeit. Hanna suggeriert mir unterschwellig ihre Bereitschaft zur Wiederaufnahme der intimen Beziehung. Meine Ablehnung der Angebote ist nicht immer gleich überzeugend. Es steckt ein Stachel des Begehrens in meinem Fleisch, auch da, wo Instinkt, Vernunft und Moral mir einvernehmlich Einhalt gebieten. Zu meiner unternehmerischen Kernkompetenz rechne ich den kühlen Kopf gegenüber verführerischen Arbeiterinnen.

Hanna ist Produktionshelferin. Ich hole die vereinbarte Summe aus dem Tresor. Fünftausend Euro. Das gute Gefühl, Geld in der Hand zu halten, durchkreuzt ein Auftritt meines Bruders. Er schwebt auf einer Medikamentenwolke und hält nur förmlich inne auf dem Weg zu unserem Akquise Genie Selim. Ich lasse die Gelegenheit für eine kritische Bemerkung zu seiner Krawatte verstreichen. Vermutlich käme sie eh nicht an.

Auf dem Weg zu Hanna stelle ich mir vor, wie es wäre, in … so zu stranden wie Sean Penn als Bobby Cooper in U-Turn. Du kommst als Fremder in ein Kaff und da findet jeder einen Grund, dir sein ausgelutschtes Misstrauen zu präsentieren, dich an einer Knarre schnuppern zu lassen und dir zumindest die Zeit zu stehlen. Zum Schluss drehst du am Rad und vermutest hinter jeder Ecke ein Übel in Hexengestalt.

… ist bestimmt keine touristische Offenbarung. „Idyllisch herb“ trifft des Nagels Kopf. Ich weiß nicht mehr, wo ich diese Beschreibung aufgeschnappt habe, aber sie passt zu dem flüchtigen Blick im Vorübergehen. … hat ein paar Pensionen für den Urlauber ohne besonderen Anspruch. Urlaub in der Heimat als Alternative zu Ferien auf dem Balkon.

Man schickt den Genügsamen in seiner Mehrzahl zu bröckelnden Resten einer Mauer, die an der nördlichen Stadtgrenze einst einen Geländesporn befriedete. Vor dreitausend Jahren könnte die Spornspitze Tag und Nacht bemannt gewesen sein. In einem Schacht an der Mauer fand man Knochen und Flintspitzen. Die kultischen Funktionen der Anlage wiederholen sich in der Gegend auf Landschaftshochpunkten. In der Eisenzeit verschanzte man sich auf dem Ochsenkopf in einem Ringwall. Ein landschaftsbeherrschend hochliegender Quellhorizont bestimmte die Platzwahl. Der Horizont wurde bis ins Mittelalter als Standort nicht aufgegeben. Eine von Muschelkalk überdachte Basalt- und Tuffsteinformation gibt dem Areal seinen Charakter. Das trutzige Relief bietet sich als Fotomotiv an. An einer anderen Stelle hätte es gewiss magnetische Wirkung auf ein großes Publikum.

Mich interessiert Geschichte mehr als Psychologie. Geschichte erschließt sich mir in Betrachtungen ihrer Torbögen, Aquädukte und Obelisken. Ich habe keinen Tiefgang und komme mit wenigen Erklärungen aus. Romane sprechen mich nicht an. Die meisten Bücher, die zu lesen ich vermieden habe, wirkten auf mich wie Maulwurfhügel im Vergleich mit dem Kino als einem Himalaya der Information und Unterhaltung. Ich glaube, dass in jeder gelungenen Unterhaltung ein starker Vermittlungswille steckt. Autoren sind zu egomanisch, um sich in einem Zusammenschluss zu verbessern. Mich interessieren Industrien mit der Potenz, Einzelleistungen zu bündeln und das Vermögen kleiner Genies in einen Topf zu werfen.

Motown, Holly- und Bollywood schaffen in meinen Augen gigantische Projektionsgebiete menschlicher Sehnsüchte. Die Starkultur liefert magische Erscheinungen in 3D, die wiederum magische Erscheinungen in viel mehr Dimensionen auslöst. Das setzt fort und ruft an, was von Märchen und Mythen in Cinderella und allen Sandalenwestern übriggeblieben ist. Für mich verlängert Hollywood den Himmel der Antike. Mir gefällt die Vorstellung, dass es da unterirdische Abteilungen gibt, die nur damit beschäftigt sind, das kollektive Unbewusste auszuforschen und die Essenzen der in Jahrtausenden nicht widerrufenen Hauptthemen der Menschheit auszuschlachten.

Ich sehe einen Langzeitarbeitslosen, der es auch mal im Kasten (die Fabrik im Familienmund) versucht hat. Untüchtige seines Schlages setzen ihre Arbeitskraft mit ihrem menschlichen Wert gleich und müssen deshalb gegen ihre Geringwertigkeit ständig ankämpfen. Der Kampf verlangt alles von ihnen. Sie suchen einen Ausgleich in merkwürdigen Vergleichen und Behauptungen, die anderen skurril vorkommen. Lange war die Bahnhofsgaststätte ihr Treffpunkt. Da gingen Tagelöhner Saisonarbeitsverhältnisse mit Bauern ein. Das Kneipendekor dient nun der Galerie Gerster als Kulisse.

Ich gebe das Geld zur Begrüßung ab wie ein Alibi. Hanna umarmt mich selig. Sie wohnt mit Tochter Anahit, Hund Leo und Gatte Clemens zur Miete in einer Bausünde an der Bahnhofsstraße. Die Familie ist in … so aufgeschlagen, als wäre in Berlin kein Platz mehr gewesen. Sie hat nichts mitgebracht, was vor Ort zählt. Hanna fühlt sich trotz entzündeter Existenzzahnhälse großstädtisch überlegen. Das fasziniert mich. Die Dreißigjährige ist an einer Karriere als Ballerina vorbeigeschrammt. Der Körper verweigerte die Tortur. Seine Waffe war der Schmerz. Er zwang Hanna zur Aufgabe.

Aus dem Nähkästchen der frühen Migration:

Die Plattenbauten ihrer Kindheit stehen Spalier als Zeugen ihres Großmuts. Die unselige Zeugenschaft der Häuser ergibt ein Mosaik zur Erforschung von Hanau und Umgebung. Die Häuser erinnern an Schläge in den Vorgärten, diesen lieblosen Varianten richtiger Vorgärten, so richtig mit Gardinen und gebügelten Kindern. Schläge im Auto, gebraucht gekauft, verschlissene Mittelklasse, keine Hohlraumversiegelung, nur die Schläge hatte es in sich. Hanna durfte sich ducken, solange sie nicht in eine Ausfahrt der Vermeidung glitt. Auf der langen Liste der Verbote stand der Jammer ganz oben. Wenn du jammerst, dann reicht deine Strafe nicht aus, dann muss nachgelegt und aufgestockt werden. Das hat mit Demütigung wenig zu tun. Die Mutter will nicht demütigen, sie steckt nur im Erfüllungsstress, beschämt von der Einsicht, ihre Freiheit in einem Übergangsheim abgegeben zu haben, beschämt von der Freiheit in dem Übergangsheim in der hessischen Provinz, einem Kontinent aus Arbeit, gleichgültiger Herabsetzung, noch mit dem vollen Haar des Kemalismus. Atatürk hatte die Türkei Europa entgegen gedreht, die Mutter war eine Nenntochter seiner Ideen. Die Religion war eine Dorfschuld, andere mochten sie im kurdischen Geburtsland abtragen. Die Mutter war in Istanbul aufgeschlagen und auf dem Umweg der weißen Kultur nach Deutschland gekommen, eine Gestreifte mit den kurzen Zehen der weiblichen Gebirgsergebenheit, aber dann doch eben noch in einer türkischen Stadt und in der Verkleidung der Assimilation heraufgebeten zu diesem zweifelhaften Friseurwissen, einem Vermutungswissen aus liegengebliebenen Zeitungen. Sie war nicht aus dem Dorf nach Deutschland gekommen, das ist wichtig. Die Verachtung für ihr Geschlecht war übergelaufen zu der weißen Verachtung in ihrem Land, wenn man das Wort sehr grob anfasst. Denn ihr Land gab es nicht. Die Mutter hatte noch nicht einmal eine Vermutung von sich, alles, was sie annahm, zersetzte sich in einem Säurebad widersprüchlicher Informationen. Sie klammerte sich an das Türkischsein, mit dem Gefühl, sogar ihren Atem kaufen zu müssen mit irgendeiner Kniefälligkeit. Es gab sie nur als Magd zu einem geringen Preis. Und doch transferierte Istanbul wie eine Bank Selbstbestimmungswissen auf ihr Konto. Ich weiß, Selbstbestimmung gehört den Implodierten als Begriff aus dem Giftschrank der Mäßigung, aber was anderes beschreiben wir denn, als eine Implosion mit Komma am rechten Tintenfleck. Die Mutter kam an Geld mit so was Geringwertigem (nach der Bergwelt) wie Arbeit.

In Deutschland funktionierte Arbeit noch besser als Geld. Die Frauen im Übergangsheim waren ledig. Sie bekochten sich wie Schwestern, ihre Freiheitsgewinne trockneten mit der Wäsche, so unscheinbar. Da war nichts Großes und selbst das Kleine war noch zu groß für jedes bekannte Wort. Die Frauen beschwiegen ihr Erleben, wenn sie montagmorgens mit der letzten Kraft ihrer Jugend in die Fabrik einrückten und die Erschöpfungspausen auf dem Klo verlängerten. Bis wieder Freitag war, und man sich traf, tatsächlich mit Männern traf. Mit von Gelegenheiten geschulten Männern, ohne den Ballast einer drohenden Kultur und dem orientalischen Marienwunderwahn. Auch für diese Männer war alles besonders, aber in ihren betrügerischen Herzen war für besonders kein Platz. In ihrer Weise schlossen sie sich dem Nuttentext im Generalverdacht an, in der Montagsverhangenheit gab es keinen Unterschied zu schlecht. Die süßen Erwartungen gingen leer aus, sie fielen um wie Kegel auf einer scheppernden Bahn in Lämmerspiel oder Dietzenbach oder voll im Rodgau. Keine Aussicht auf einen Bund, aber das fistik kiz-Kapital, die Mädchenrendite, schon verbraucht. So zurück nach Istanbul, die Sechzigerjahre als Schundroman im Koffer. Ein türkischer Mann musste her wie aus heiterem Himmel. In Deutschland hatte die Mutter kurz etwas Nichtlebbares erwogen, nicht in irgendeiner Spielart der Verschiedenheit, vielmehr im Rassismus der netten Nachbarn. Denen kam keine türkische Arbeiterin ans Bein als Bindung und ins Haus als Versuchsanstalt niemals. Anderenfalls wäre die Mutter nicht umgekehrt, auf dem Absatz ein Achselzucken als vorläufig letzten Schwung. Sie erwartete kein Schicksal in Istanbul, wenigstens eine Türkin wollte sie sein. Mehr nicht. Das ging nicht ohne Mann, er sollte sie mit ihrem Mut übernehmen. Damit hatte sich das mit dem Mut.

Hatte sich das damit? Das Kurdische hatte nicht gehalten, das Türkische hielt die Waage in der Mitte. Die Mutter hatte doch noch Mut. Die Mutter hatte sogar noch viel Mut. Sie war an dem Punkt angelangt, ein Heft ganz in die Hand zu nehmen und mit dem Begriffskram aus ihrem Kofferdasein etwas richtig zu machen. Dachte sie, schon verheiratet und mit dem Mann auf ihrem Weg zu den letzten hessischen Grenzposten vor Unterfranken. Die Schläge für Hanna waren lange unterwegs gewesen, die Eltern der Schläge hießen Erschöpfung mit Vor- und Enttäuschung mit Zunamen. Sie nannten sich auch Erziehung. Sie gehörten zum Lesen lernen und Klavier üben und warum bezahlen wir so teuer für Ballettunterricht, wenn der Schwanensee nicht als federleichte Angelegenheit von einer Zukunft angesteuert wird, die so gut wie deutsch ist dem Vernehmen nach, mit dem Abitur als Geburtsrecht.

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