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18.10.2018, Jamal Tuschick

„Es sei von vornherein gesagt, dass Zauberei in den Händen zivilisierter Menschen ein Werkzeug Gottes ist.“ Fenner Brockway

Nationalisierung der Zauberei

Lux Sarona

Die Schwarzen und unsere Ingenieure 

„Ist das N-Sein für die Schwarzen – wie der gesunde Menschenverstand für unsere Ingenieure – das Nächstliegende auf der Welt?“

Der Journalist Levin Lasky setzt vieles in Anführungszeichen, einschließlich diverser Kategorien afrikanischer Kultur. Da erscheint ihm nichts selbstverständlich. Das N-Wort setzt er nicht in Anführungszeichen. Das erscheint ihm selbstverständlich. „Wird der authentische … aus seiner Wesenheit gesteuert? Oder ist man ein …, so wie man der Gläubige einer Religion ist? Ist das N-sein eine Tatsache oder ein Wert?“

Lux Sarona improvisiert auf einer Tonspur von Melvin J. Lasky

Es fing damit an, dass Unterlagen in einem Taxi liegen blieben. In einer Mappe befand sich Nikkis Liste afrikanischer Revolutionäre. Dann blieb der Fahrstuhl in Roseannes Gästehaus zwischen zwei Stockwerken stecken. Der sechzigminütige Zwangsaufenthalt bot meiner Phantasie Gelegenheit, mich zu einer Schwelle des Wahnsinns zu führen und da stehen zu lassen.

Was geschehen würde, sollte die Liste den falschen Leuten in die Hände fallen, musste ich Nikki nicht ausmalen, die mich nach einem Mittagessen bei Talbot zum Flughafen fuhr. Sie war verstimmt, ja bestürzt und fand die Kraft nicht, mir ihre Vorwürfe zu ersparen. Zum ersten Mal sah ich sie aufgelöst und ohne die Mittel, die ihr sonst halfen, überlegen zu bleiben. Schließlich zweifelte ein Zolloffizier meine Papiere an. Nach seiner Ansicht fehlten ein paar Unbedenklichkeitserklärungen. Ich musste aber das Flugzeug kriegen, da man mich in Afrika aufwendig erwartete.

Es gab Ende der Neunzehnhundertfünfziger Jahren kaum einen Ort in Afrika, den man, aus Europa kommend, ohne Visum einfach so im Transit streifen konnte. Afrika war dichtgemacht worden. Man erlaubte mir endlich ein Ticket London – Rom via Lagos zu kaufen. Natürlich schüttelten alle die Köpfe. In Lagos weigerte ich mich weiterzufliegen. Man befreite mich von meinem Gepäck, kassierte den Pass und schob mich ab in einen dunklen Abstellraum ohne Ventilator, dafür mit einem Porträt von Benjamin Nnamdi Azikiwe, genannt „der große Zik“, der damals noch lange nicht der erste Staatspräsident von Nigeria, aber als Unabhängigkeitsführer schon ein sehr mächtiger Mann war. Irgendwann endete mein Arrest, zwei Soldaten brachten mich zu einer Villa hinter Berberitzen, jemand, den ich als Bevollmächtigten von Gouverneur Zik wahrnahm, begrüßte mich in einem weiten gesellschaftlichen Rahmen mit Buffet und zwanglosen Unterhaltungen. Der Mann wusste, wie ich mich vor Unannehmlichkeiten schützen konnte.

„Wenn Sie über Afrika schreiben wollen, können Sie doch in Nigeria anfangen.“

Er überließ mir meinen Pass. Doch bedeutete das für mich keineswegs Reisefreiheit.

Wann immer ich ein Land zum ersten Mal besuche, habe ich es nicht eilig, auf die Märkte zu kommen, die Bars abzuklappern und mit maßgeblichen Leuten im lokalen Stil zu tafeln. Ich lasse mir stattdessen Zeitungen bringen und nehme sie förmlich ein, so wie die erste Flasche Whisky nach einer Landung irgendwo in Afrika. Schlagzeilen bestimmen mein Gefühl für ein Land. In Lagos brachte es eine Brieftaube auf die Titelseite. Die fetteste Zeile exponierte ein Begehren von Abdeckern und Viehhändlern. Noch interessanter fand ich einen Artikel über die „Nationalisierung der Zauberei in Nigerien“.

„Es sei von vornherein gesagt, dass Zauberei in den Händen zivilisierter Menschen ein Werkzeug Gottes ist“, schrieb Fenner Brockway.

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