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19.10.2018, Jamal Tuschick

Der auf einem hessischen Zipfel zwischen Thüringen und Franken beheimate Unternehmer Amiran Vanilisi beschäftigt fast ausschließlich Migranten in seiner Fabrik für Schuhbodenteile. Seine Vorfahren flohen von einem Ufer zum anderen aus Georgien in die Türkei und bildeten da die nicht anerkannte Minderheit der Lasen. Das sind in der Mehrzahl sunnitische Muslime, vereinzelt auch orthodoxe Christen. Die kulturellen Trennlinien verlaufen umgekehrt proportional zu den Demarkationen zwischen den christlichen und den muslimischen Armeniern (Hemşinli), die sich in den gleichen Gebieten ausdifferenziert haben. Amirans Vorfahren stammen bis zur Generation seiner Eltern ausnahmslos aus der Provinz Düzce. Obwohl sie mit keiner markanten Ethnie auf dem Staatsgebiet der Türkei verwandt sind, nimmt man sie als Türken wahr.

Arbeit als Ausrede

Karadeniz

Amiran ist landauf, landab der Türke, der es geschafft hat. Gerade besucht er Hanna. Die in Alzenau-Wasserlos auf einer Spessartzunge zur Welt gekommene Tochter anatolisch-kurdischer Gastarbeiter verelendet nach einer knapp zehnjährigen Tanzkarriere als Produktionshelferin im Kasten, so heißt Amirans Fabrik im Familienmund. Amiran hatte mal was mit der körperlich und wirtschaftlich ruinierten Arbeiterin. Hanna hat ihn um eine Finanzspritze unter der Hand gebeten. Nun nutzt Amiran die Geldübergabe, um in Hannas Nähe seinen Gedanken nachzuhängen.

Die Geschichte der Gastarbeit muss noch geschrieben werden. 

Weiche Ziele

Hanna verbirgt ihre Schmerzen und das Leiden am Statusverlust nach Kräften. Regelmäßig nimmt sie sich frei, um als Jurorin in Ballettgremien zu wirken. Das sadistische Programm ihrer aktiven Zeit überträgt sie auf die weichen Ziele der nachgewachsenen Elevinnen. Schäfchen heißen sie in der Sprache ihrer Abrichtung. Hanna hat noch einen Sohn, der in ihrem Leben kaum vorkommt. Ihre in einer Hanauer Platte verwitterten Eltern versorgen den Enkel. Für den Jungen ist Hanna vor allem eine Stimme am Telefon, zu der er manchmal Mutti sagt.

Hanna wirkt auf eine aparte Weise strapaziert. Sie zieht mich in den Garten, in dem man sich gut so einen Neuköllner Vermummten beim Guerilla Gardening vorstellen kann. In meinem Kalender steht, ich sei in Frankfurt am Main auf Kaltakquise, keine Ahnung, was mich davon abhält, den Kriegspfad zu beschreiten. Wirtschaft ist Krieg, sagte der alte Lase. Bemustere ich meine Außendienstler, dann verteile ich Munition. Ich schicke Krieger los. Ihre Erfolge erlebe ich als Tapferkeit und Stärke und ihr Versagen als Feigheit und Schwäche. Normalerweise gehe ich Abweichungen von der Tagesplanung auf den Grund, um auf dem Grat zwischen entspanntem Dasein und nachlassender Spannkraft nicht von einer Böe erwischt zu werden. Gerade fehlt mir die letzte Sicherheit, das Richtige zu tun.

Die Sprinkleranlagen in der Nachbarschaft springen gleichzeitig an. Hanna erzählt von ihren Nöten mitunter so anschaulich, dass ich ihren Zustand wie unter einem Mikroskop erkenne. Die Gebärden der Sorge gleichen sich überall. Armut stellt sich aber in der Stadt anders dar als auf dem Land. Während der insolvente Städter die Hände in den Schoss legt, der Vorsorge entsagt und zum maulenden Zaungast wird, bleibt die ländliche Dürftigkeit tätig. Der verarmte Dorfbewohner lebt meist weiter im Eigentum. In meiner Gegend wohnt keiner zur Miete, mit dem man spricht.

Anahit fährt Roller auf dem Bürgersteig. Leo (der Familienhund) vibriert zu meinen Füßen. Hannas Platz in meinem Leben sichert der Leitsatz: Es gibt keinen Zufall. Das ist die zweitwichtigste meiner Devisen.

Das Gras steht hoch in Hannas Garten. Nachbarn nehmen für die Zugezogenen die Post an und besprechen die Absender mit den anderen Alteingesessenen. Eingeladen fühlen darf sich die neue Familie trotzdem nicht. Es wird nicht einfach ein Werkzeug über den Zaun gereicht, obwohl alle wissen, was fehlt und was getan werden muss.

Hanna schlägt um sich, um sich der Mücken zu erwehren. „Wir brauchen eine neue Waschmaschine, meine schleudert nicht mehr vernünftig“, verkündet sie. Wir. Hanna war Studentin, als sie sich für Clemens entschied. Er zog zu ihr. Selbstverständlich war es ihre Maschine, in die er seine Wäsche stopfte. Clemens hatte keine Haushaltsgeräte. Damals kam Hanna manchmal ein schlechtes Gewissen an, wegen all der Dinge, die zu besitzen sie nötig fand. Im Gegensatz zu ihr war Clemens Asket. Hanna fand es erst einmal gut und entkrampfend, dass er ihr Auto nutzte, ohne zu fragen, und das Benzingeld aus der gemeinsamen Kasse nahm. Fast immer, wenn sie es brauchte, rückte Clemens das Auto heraus. Oft war der Tank gerade leer.

Ich zappele unbequem in einer Liegestuhlfalle. Ich würde Anahit übernehmen, sollte Hanna etwas zustoßen und Clemens erwartungsgemäß außerstande sein, das Richtige zu tun. Zu spät erkannte Hanna in Clemens den von Grund auf erschlafften Charakter, der sich überall hin nur mitnehmen lässt; ein Hanswurst, dem eine Gegend oder eine Person nur entgegenkommend genug erscheinen muss, um ihn vom Kurs seiner Grundsätze abzubringen.

Seine Leichtfertigkeit legt er Hanna zur Last. Er überlässt ihr die Hausarbeit. Hat sie Tanz studiert, um sich als ihre eigene Magd vorzusagen: mir geht es gut? (Der Supermarkt wartet an der nächsten Ecke. Die Nachbarn sind nett. Mir geht es gut. Clemens ist rücksichtslos, Anahit launisch, mir geht es gut.)

Clemens hat den Bogen raus. Er weiß, wie man sich aus dem Alltag drückt und als promovierter Spinner alle und alles an sich vorbeilaufen lässt. Noch verdient er Geld. Er sieht dem Ende einer Serie befristeter Arbeitsverhältnisse entgegen. Danach rechnet er mit schwankenden Einkünften. Seine Resignation erlebt Hanna als Realismus. Ich glaube, Clemens‘ Realismus erschöpft sich darin, zu wissen, wo seine Bluffs noch ziehen.

Arbeit als Ausrede

Ich weiß auch nicht, warum es mir so schwer fällt, über meinen Vater zu reden. Das ist jetzt bestimmt der dritte Anlauf. Ich will etwas über meinen Vater sagen und bin sofort bei meinem Großvater, der als Gastarbeiter im Rahmen des Godesberger Anwerbeabkommens von 1961 nach Deutschland kam. Die Unternehmer suchten händeringend Arbeitskräfte. Großvater, der kaum je eine Schule besucht und auch sonst keine Ausbildung hatte, brauchte siebzehn Jahre bis zur Firmenspitze. Sein Chef, ein geborener Aschaffenburger mit Pfälzer Stammbaum, hatte Anfang der 1950er Jahre die Fabrik für Holzabsätze auf einer verseuchten Wiese hochgezogen und schon damals vor allem Leute beschäftigt, die bis dahin als Saisonarbeiter und Tagelöhner ihr Dasein prekär gefristet hatten. In einer Jahrzehnte währenden Vendetta mit eingesessenen Gegnern trug Anton Schlosser schließlich den Sieg davon. Er übergab verbraucht, aber zufrieden an seinen besten Mann auch im Kampf, der nicht zuletzt mit den sprichwörtlich gewordenen Börner‘schen Dachlatten ausgetragen worden war. Großvater setzte seine drei Söhne im Betrieb ein. Einer starb auf einer amourösen Nachtfahrt, einer schied im Streit aus. Nur mein gehorsamer Vater blieb an seinem Platz als Juniorchef ohne Einkommen. Bis zu seinem dreiundvierzigsten Lebensjahr speiste ihn Großvater mit unregelmäßigen Taschengeldzahlungen ab.

Die Linien zwischen Arbeit und Leben waren unsichtbar. „Hoch die Hände, Wochenende.“ Das gab es nicht. Vater sagte: Ich arbeite nicht, um zu leben. Ich lebe, um zu arbeiten. Eine Klingel rief ihn. Er bestand darauf, bei jeder Kleinigkeit gefragt und zumindest beratend tätig zu werden. In der Regel packte er gleich mit an und stand schließlich allein da. Er wählte Arbeit als Ausrede, obwohl er gar keine Ausrede brauchte. Niemand interessierte sich für seine seelische Verkümmerung.

Vaters Strategien erschöpften sich in unbeachteten Akten der Vermeidung. Er war die Bedürfnislosigkeit in Person. Als Dulder erschien er manchmal noch unerträglicher als seine cholerischen Gegenspieler. Er lieferte Stillleben der Resignation und versteinerte als Denkmal der Entsagung.

Vielleicht kann man gar nicht ernsthaft Gatte sein, ohne zuvor als Vatermörder im eigenen Leben aufgeräumt zu haben. Da mein Vater seinen Vater nicht überwunden hatte, blieb er in erster Linie Sohn. Bis zum Schluss bewunderte er den greisen Giganten und lernte wie ein Schüler von ihm. In den Lektionen erkannte er Gründe für Dankbarkeit. Das gab seiner Lächerlichkeit einen tragischen Akzent.

Das Leben war eine Repräsentationsleistung. Romantische Gefühle wurden als Erfindungen der Gazetten abgetan. Die Ehe und der Betrieb waren Domänen der Pflichterfüllung. Die Haltung bewies den Charakter. Es ging darum, die Folgen falscher Entscheidungen nicht ins Kraut schießen zu lassen.

Kehrte Mutter nach einer Kampfpause zu ihrer angestammten Rolle als Gegnerin ihres Mannes zurück, schnallte sie sich in den Harnisch des Selbstverständlichen. Fünfzehn Stunden in der Aluminiumgießerei die Hitze und den Sauerstoffmangel zu ertragen war eine Selbstverständlichkeit, die sie nicht aushalten musste. Sie sah gern mit mir an ihrer Seite Elizabeth Arden zu, wie die Unternehmerin in Wiederholungen amerikanischer TV-Reklame von 1955 ihre Kosmetik im Tiegel selbst anrührte. Die Suggestion von Handarbeit als Herzensangelegenheit sprach uns beide an.

Die Erwartung ist das Einfallstor der Unzufriedenheit. Vater ließ das Tor ins Schloss fallen und sicherte es mit einem Riegel der Erwartungslosigkeit. Er wirkte ausgeglichen und erschien den Leuten angenehm. Dabei verachtete er sie und traute ihnen nichts zu. Getan ist nur, was du selbst getan hast. Er tarnte seine Verachtung mit Freundlichkeit. Er bürdete sich ein mörderisches Pensum auf.

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