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19.10.2018, Jamal Tuschick

Gestern ausgelesen: Franziska zu Reventlow, eine Biografie von Kerstin Decker.

Schreiben aus Not - Eine Besprechung von Christa Ritter

Gestern ausgelesen: Franziska zu Reventlow, eine Biografie von Kerstin Decker. Ein Buch über jene freiheits-verrückte Gräfin, die vor hundert Jahren, auch das war eine Aufbruchszeit, Adelsprivilegien ablehnte, mit der Ablehnung die Eltern entsetzte, vor allem die Mutter, aber auch ihre Geschwister. Der „Zarathustra“ von Nietzsche war ihre Offenbarung: "Das war nicht mehr Verstehen und Begreifen", so Reventlow „und alles andere, der Alltag, das Alltagsleben und -empfinden schrumpfte in eine öde, farblose Masse zusammen, verlor sein Dasein - nur das wahre, heilige, große Leben leuchtete, lachte und tanzte".

Fanny entdeckt Schritt für Schritt ein Niemandsland, das es zu ihrer Zeit für Frauen, vor allem so privilegierten Frauen, nicht gibt. Ihr radikal selbst designtes Leben: keine Kompromisse, ständig ohne Geld, keine Sicherung, nirgends. Männer hier und da, viele. Ein Tanz auf dem Vulkan. Diese unerhörte Freiheit - für mich, innerhalb unseres Sozialsystems und in einer schwierigen Nach-68er-Selbstermächtigungszeit, selbst mit Hilfe des Internets fast unvorstellbar. Fanny trifft in ihrem Wahnmoching (München-Schwabing) die wichtigsten Männer des wilden Geistes der Jahre eines Aufbruchs. Klages, Rainer Maria Rilke, die "Kosmiker" Karl Wolfkehl und Stefan George, Mühsam, Gross, den Jules aus „Jules und Jim“ Franz Hessel. Die Neu-Heidin befeuert die Geister und vice versa. Kurze Zeit eine Kommune zu Dritt, auch der Monte Verita wird besichtigt. Nur die ersten Frauenbewegten mag sie nicht.

Zum Schreiben kommt Fanny in ihrer Not. Um wieder ein paar Groschen für die nächsten Wochen zu verdienen. Nichts von ihr gerät zu bürgerlicher "Kunst", nicht ihre Essays und Romane, nicht ihre Übersetzungen aus dem Französischen. Stattdessen segelt sie durch Räusche, Zweifel und Depressionen. Immer wieder Umzüge, weil das Geld für die Miete nicht reicht, die spärlichen Möbel wieder im Pfandhaus landen. Die nicht gerade wohlhabenden Männer, die sie umschwirren, treiben irgendwie Geld für sie auf. Ein Leben nah am Abgrund und von daher frei? Jedenfalls liebt sie den Sex als Rausch, ist erotisch. Eine Weile sogar in einem Edelbordell, es macht ihr Spaß. Abtreibung, eine Zwillingstöchter-Geburtspanne, eine Fehlgeburt. Nur ein Sohn bleibt am Leben, wird ihr Ein und Alles, einzig dieses Mutterglück übertreibt sie geradezu besitzergreifend. Es wird zu ihrer einzigen inneren Sicherheit. Die Abenteuerin ist auch Malerin, in ihren Essays und zwei Romanen eine teilnehmende, amüsierte Beobachterin der privaten Kriegereien. Eine Schriftstellerin, so etwas "Patriarchales", will sie aber nie sein: Das eigene, ganz persönliche Leben ständig neu erfinden, nie einschlafen, immer aus sich selbst heraus weiter, das ist ihr Lebenswerk. Dabei wird sie oft krank, immer ohne Krankenversicherung, stirbt bereits in ihren Vierzigern nach einem Fahrradunfall an Herzversagen.

Ihre Kindheit und Jugend gingen mir nahe. Ähnlichkeiten, bei mir, ohne Adel: Diese autoritäre Nachkriegs-BRD, der Wirtschaftswundermief. Die spätere Fanny empfand ich ambivalent. Wie auch anders, bei so viel radikaler Freiheitsbesessenheit. Statt einer Sicherheit, alles und gnadenlos immer wieder Selbsterfindung. Eigentlich manches wie bei uns Frauen seit 68 bis heute. Und doch auch wieder nicht. Manchmal dachte ich: Wie kann man so einsam radikal dennoch so weit gehen? Und das in jener Zeit! Fanny würde mich vielleicht spöttisch ansehen, um mich dann großzügig ins Café Leopold auf der Brienner Straße zu einem tollen Essen einzuladen. Bezahlen würde natürlich sie, nämlich mit den Kröten, die ich ihr zuvor für die Miete geschenkt habe. Never mind!

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