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20.10.2018, Jamal Tuschick

Der Bräutigam fasst seinen Job traditionell auf, stoisch sitzt er die Begutachtung ab. Die alten Geier plaudern aus ihren osmanischen Grundschulen. Die Güte des Tees ...

Historische Rollenspiele

Vorspann

Der auf einem osthessischen Knick in einer Enge zwischen Thüringen und Franken ansässige Unternehmer Amiran Vanilisi beschäftigt fast ausschließlich Migranten in seiner Fabrik für Schuhbodenteile. Seine Vorfahren flohen von einem Ufer zum anderen aus Georgien in die Türkei und bildeten da die nicht anerkannte Minderheit der Lasen. Das sind in der Mehrzahl sunnitische Muslime, vereinzelt auch orthodoxe Christen. Die kulturellen Trennlinien verlaufen umgekehrt proportional zu den Demarkationen zwischen den christlichen und den muslimischen Armeniern (Hemşinli), die sich in den gleichen Gebieten ausdifferenziert haben. Amirans Vorfahren stammen bis zur Generation seiner Eltern ausnahmslos aus der Provinz Düzce. Obwohl sie mit keiner markanten Ethnie auf dem Staatsgebiet der Türkei verwandt sind, nimmt man sie als Türken wahr.

Die Geschichte der Gastarbeit muss noch geschrieben werden.

Eingebetteter Medieninhalt

In der chinesischen Provinz Hunan fängt man Frauen von den Feldern. Man jagt sie auf Bahnhöfen und in Zügen und verkauft sie für zwei- bis viertausend Yuan an Bauern. Jungfrauen werden als „ungeöffnetes Importgut” deklariert. Um sie am Weglaufen zu hindern, bricht man den Bräuten die Beine.

Gleich wird das ein Thema sein.

Ich sitze in Hannas Garten. Hanna war Tänzerin, bis ihr Körper sie zur Aufgabe zwang. Sie arbeitet im Kasten (Familienmund für die Fabrik). Wir waren zu Schulzeiten kurz ein Paar – der osthessische Lase und die unterfränkische Kurdin, wenn wir für uns waren. Sonst Türkin und Türke. Hanna eckte ständig an, geriet mit allen in Streit. Wir kamen aus keinem Backwarenladen ohne Ärger hinter uns herzuziehen. Hanna produzierte sich in allen nachmittäglichen Arbeitsgemeinschaften, um heraus zu zögern, was sie am meisten hasste. Beinah wäre sie verheiratet worden. Hanna in ihren eigenen Worten: Ich bin siebzehn und soll einen Türken heiraten, um wenigstens etwas ganz zu sein. Ganz und gar eine türkische Braut. Ein Landsmann wird aufgetan, er rollt an mit Bagage, ich brühe Blätter auf, schließlich spiele ich jeden Nachmittag Theater. Die Brautzitronenrolle gefällt ihr. Wäre das nicht nur Show, müsste mir mein Vater ein fabrikneues Hymen einsetzen lassen. Der Bräutigam fasst seinen Job traditionell auf, stoisch sitzt er die Begutachtung ab. Die alten Geier plaudern aus ihren osmanischen Grundschulen. Die Güte des Tees könnten den Ausschlag geben. Leider heiße ich nicht Gül oder Erbse oder sonst wie ein Gemüse. So was kann schon irritieren, beim Einkauf einer Jungfrau, dieses Widerständige schon im Namen. Die Party kommt nicht in Gang als historisches Rollenspiel, es hat keiner richtig Bock auf richtig türkisch oder meinetwegen auch kurdisch, exilkurdisch, türkisch assimiliert. Man könnte schlankweg alles sein in der Freiheit von Hanau und Umgebung.

Der Bräutigam tut mir leid. Er sitzt da so stämmig in seinem Aldianzug, was weiß er schon noch von der Vaterwelt. Die Mädchen machen Abitur, die Jungen machen Ärger … Hanna ging nach Frankfurt, lebte in Berlin und heiratete Clemens. Das Paar hat eine Tochter - Anahit.

Unermüdlich gibt Hanna Clemens die Schuld an ihrer Misere. Obwohl er ihr gegenüber oft genug von sich selbst abgeraten hat. Das Kaff ist für Clemens noch nicht mal mehr eine herbe Idylle, seit er einen Knaben zu rügen wagte, der ihm vor die Füße gerotzt hat. Er wurde beinah umgebracht, wenigstens in seiner Darstellung. Clemens schaltete die Polizei ein. Die Beamten weigerten sich, eine Straftat zu erkennen. Das Selberschuld stand ihnen auf der Stirn geschrieben. Die Quittung für die Denunziation folgte auf dem Fuß. Man zerlegte Clemens‘ Fahrrad. Das war lediglich eine Warnung.

In ihrer Betrachtung der Tat rückt Hanna von Clemens ab. Ich glaube, sie bringt es fertig zu glauben, dass ihr Mann die Abreibung verdient hat. Sie gibt nicht zu, wie unheimlich sie den Vorgang findet. Sie lebt unter Feinden, die als Nachbarn soweit nett sind.

Hanna hat mich um eine Finanzspritze unter der Hand gebeten, ich glaube, dass sie wieder was mit mir anfangen will. Ihr Mann taucht auf … Clemens macht eine gute Figur im Anzug. Man sieht ihm die Niete nicht an. Ich strampele mich aus der Stuhlstoffbahn. Das trockene Gebäck auf dem Gartentisch käme bei mir zuhause in die Tierfutterdose. Clemens verbreitet Pendlerwissen aus in Zügen liegengebliebenen Zeitungen. Er gehört zu einer in der Langeweile vergammelnden Menschheit.

„Geistig Behinderte sind begehrt, sie sind teurer als normale Frauen”, sagt Clemens. Siehe die Kopfzeilen. Am Zaun bekundet ein Nachbar bodenständiges Interesse. Er grunzt Rauchzeichen, für die er einen Stumpen unter Feuer hält. Er stößt die Gartentür auf, mit erlaubtem Mutwillen. Er steht da wie ein Eigentümer oder wie der Klempner.

„Der Spinner”, presst Hanna hervor. Sie wendet sich dem Hund zu. „Leo, kommst du.”

Leo hechelt hinter Hanna ins Haus. Ich ignoriere Clemens‘ Mann-zu-Mann-Bemühungen. Der Zaungast dirigiert seinen Vortrag rechthaberisch mit dem Stumpen. Er beklagt das Los der Obstbäume. Früher habe man dem Bestand besser zu helfen gewusst. „Das war gängig. Was tragen konnte, wurde gepfercht.”

Ein hessisches Sprichwort sagt mit verdunkeltem Sinn: Was gepfercht werden muss, taugt nicht zum Besten.

Ich überlasse Clemens dem Nachbar und suche Hanna im Haus. Unerklärlicherweise erhöht Clemens‘ Nähe Hannas Reiz. Wir könnten einmal wieder zusammen in städtischer Ferne ins Kino gehen.

„Ist er nicht grässlich?“ fragt Hanna.

Ich frage nicht, wen sie meint. Mich hebt das Gefühl, von allen negativen Betrachtungen ausgeschlossen zu sein. Ich bin ein Bringer in Hannas Welt. Ihr Wille, sich einem ungnädigen Schicksal entgegen zu stemmen, ist mit Händen zu greifen. Plötzlich sind wir beide in einem Sog. „Nimm mich mit“, bittet sie. „Lass mich hier nicht verrotten.“

Ich taumle aus der Umarmung. Mich weht der hässliche Gedanke an, Hannas Pech könnte ansteckend sein. Sie lässt nicht ab von mir. „Bitte“, sagt sie. „Wir können doch mit Ana und Leo auf den Rummel.“

„Was sagst du Clemens?“

„Der kann uns mal.“

Ich finde das „uns“ zu familiär. Von einer Frau über einen anderen Mann gestellt zu werden, bleibt trotzdem erhebend, auch wenn man das Programm durchschaut. Nichts kann Hanna davon abhalten, ihre Fehler zu wiederholen. Sie wird immer die falschen finanziellen Entscheidungen treffen und sich an dem falschen Mann abarbeiten - und zwar sehenden Auges.

Wir latschen über den Wiesenweg, einen betriebsbereiten, Dreck patinierten Kaugummiautomaten an der nächsten Ecke erlebe ich als schönen Gruß aus der Kindheit. Auf einer Veranda lagert hemdsärmelige Korpulenz. Mopedjockeys geben sich den Anschein einer Regionalmacht.

Das Festzelt steht auf dem Urff. Auf dem Urff bezeichnet eine zentrale Fläche, die im Zug von Erweiterungen nicht mehr im Mittelpunkt von Hainweiler liegt und in ihrer Randständigkeit mit einem zur Brache verkommenen Spielplatz und anderen verwahrlosten Plätzen konkurriert. Der Einheimische parkt sein Wohnmobil auf dem Urff. Container haben da einen festen Platz gefunden.

Die Schützenbruderschaft sitzt im Zelt wie jedes Jahr die Kirmes ab. Die „Happy Boys“ spielen englische Lieder, das gab es früher nicht vor Sonnenuntergang. Die Brüder haben selbst ihre Instrumente traktiert, vor und nach dem „Hahnenköppen“, bei dem ein Gockel bis zum Hals um seinen Kamm gebracht wird. Wem der Kopf in den Schoss fällt, der ist Hahnenkönig für ein Jahr. Er führt den Festzug an. Am ersten Kirmestag erreichen die Brüder im Gefolge des Hahnenkönigs den Festplatz hochsitzend auf den letzten Überlebenden der Nutztierbestände. Hier hält sich keiner mehr ein Reitpferd.

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