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20.10.2018, Jamal Tuschick

Eine Delegation aus Salvador da Bahia residierte in Akíntọ́lás Sphäre. Sie repräsentierte einen Verein, der sich 1883 als Sklavenbefreiungsgesellschaft gegründet hatte.

Ein Gefühl künftiger Bedeutung

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Lux Sarona improvisiert auf einer Tonspur von Melvin J. Lasky

Ende der 1950er -, Anfang der 1960er Jahre ist Melvin Lasky für den „Encounter“ ständig in Afrika. Er trägt noch die koloniale Brille, weiß aber schon, dass „ein neuer Rhythmus die Welt durchdringen und eine bisher unbekannte Farbe ihren Platz im Regenbogen suchen wird“ (Paul Niger).

Ich besuchte Samuel Ládòkè Akíntọ́lá in Ogbomosho. Er war der Premierminister der Yoruba Nation und an erster Stelle involviert in einen transatlantischen Austausch zwischen Brasilien und Nigeria (damals noch Nigerien). Viele Nachkommen der Yoruba lebten in Lateinamerika. Ihre Führer*innen waren euphorisiert wegen der anstehenden Staatsgründung in der Ursprungsumgebung ihrer Ahnen, die als verehrte Geister im Alltag präsent waren. Eine Delegation aus Salvador da Bahia, der ehemaligen Kapitale des Sklavenhandels, residierte in Akíntọ́lás Sphäre. Sie repräsentierte einen Verein, der sich 1883 als Sklavenbefreiungsgesellschaft (Sociedade Libertadora Baiana) gegründet hatte. An der Spitze der Abteilung stand Iara Coelho. Sie behauptete, väterlicherseits von dem florentinischen Navigator Gonçalo Coelho abzustammen, der zuzeiten Amerigo Vespuccis seine Marken in der Neuen Welt gesetzt hatte. Mütterlicherseits bestand eine Verwandtschaft mit Akíntọ́lá. Iara war eine Candomblé Priesterin. Akíntọ́lá hielt sie für einen Heiligen. Mit ihr redete der große Mann über den Nutzen einer Schokoladenfabrik. Nigeria exportierte Kakao. Es stellte sich die Frage, ob es wirtschaftlich sinnvoll sei, die Kakaoernte im eigenen Land zu verarbeiten.

Ich schrieb: „Im 19. Jahrhundert kehrten befreite Sklaven aus Brasilien zurück nach Nigeria und gründeten da die Yoruba Nation.“

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Akíntọ́lá wog ab und gab zu bedenken. Der Doyen mit den vielen Narben im Gesicht, eine spirituelle Großmacht unter anderem, redete manchmal wie ein britischer Liberaler und manchmal wie ein Mann des rechten Flügels der Labour Party. Viele Abende verbrachte er mit Befähigten und Verehrer*innen im getäfelten Direktionszimmer der lokalen Fernsehstation. Es gab eine Hausbar und einen Blaupunkt Fernseher, der tonlos lief. Wann immer ich einen Blick auf den Bildschirm warf, sah ich galoppierende Pferde.

Um mich einmal im Nachtleben umzutun, setzte ich mich ab in Begleitung einer jener jungen, von einem Gefühl künftiger Bedeutung angehobenen, europäisch gekleideten Männer, die für Akíntọ́lá tätig waren und seine Entourage bildeten.

Ich folgte Abayomi in Ju-Ju-Kneipen von auffälliger Tristesse.

Er erhielt den Auftrag, mich nach Lagos zu begleiten. Gemeinsam besuchte wir den Palast der landesweit exklusivsten Verbindung, dem Brazilian Club. Dessen Mitglieder waren ausnahmslos Nachkommen lateinamerikanischer Sklaven afrikanischen Ursprungs. Die Retornados hatten technisches Wissen und einen eigenen Baustil mitgebracht, es gab in Lagos ein architektonisch merkwürdiges brasilianisches Quartier.

Irgendwer erzählte, die Yoruba seien in Wahrheit einer der verlorenen Stämme Israels gewesen. Er verwies auf Davidsterne an der Stirnseite von Häusern. Die erklärten sich jedoch ganz anders. Ab Anfang des siebzehnten Jahrhunderts trieben portugiesische Sepharden Handel in Westafrika. Ihre Geschäftstätigkeit wie auch die offene Religionsausübung basierte auf einem Abkommen mit dem portugiesisch-spanischen König aus dem Jahr 1601. Ihre Lage verbesserte sich noch einmal massiv nach der wiedererlangten Unabhängigkeit Portugals 1640. Das portugiesische Königshaus warb um ausgewanderte portugiesische Juden. In Westafrika etablierten sich jüdische Gemeinden portugiesischer Provenienz.

Ich schrieb über den Enkel eines Regenmachers, der Direktor des neuen Meteorologischen Instituts geworden war. Er betonte den Wert traditionellen Wissens.

Ich sprach mit einem Gewerkschafter, der von einer organisierten gesamtafrikanischen Arbeiterschaft träumte.

Ein wichtiges Wort war dash. Es konnte Trinkgeld und Bestechung bedeuten.

Ich bekam Gelegenheit, einem russischen Zirkusensemble bei der Arbeit zuzusehen. Ein Jongleur behauptete, der Rassenhass sei ein Produkt des Kapitalismus und deshalb in der UdSSR nicht vorhanden.

Morgen mehr.

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