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21.10.2018, Jamal Tuschick

Ein Brückenpfeiler als Monument der Erlösung

Der auf einem osthessischen Knick in einer Enge zwischen Thüringen und Franken ansässige Unternehmer Amiran Vanilisi beschäftigt fast ausschließlich Migranten in seiner Fabrik für Schuhbodenteile. Seine Vorfahren flohen von einem Ufer zum anderen aus Georgien in die Türkei und bildeten da die nicht anerkannte Minderheit der Lasen. Das sind in der Mehrzahl sunnitische Muslime, vereinzelt auch orthodoxe Christen. Die kulturellen Trennlinien verlaufen umgekehrt proportional zu den Demarkationen zwischen den christlichen und den muslimischen Armeniern (Hemşinli), die sich in den gleichen Gebieten ausdifferenziert haben. Amirans Vorfahren stammen bis zur Generation seiner Eltern ausnahmslos aus der Provinz Düzce. Obwohl sie mit keiner markanten Ethnie auf dem Staatsgebiet der Türkei verwandt sind, nimmt man sie als Türken wahr.

Es ist immer dasselbe traurige Lied von einer Hochzeit mit aufgeschmissenem Bräutigam. Die Braut wird ihm entrissen, sie rennt um ihr Leben, sie brennt durch mit einem in heißem Einvernehmen. In einer beispiellos einsilbigen Kreisstadt gehen die Verbrecher in einem Hotel an Land. Sie haben sich so viel geschworen und das gehört unbedingt dazu, ihre Aussichten sind miserabel. Die düpierte Familie verwandelt sich in ein Rollkommando und nimmt die Verfolgung in 80er BMWs auf. Das illegale Paar will schnell sein Fleisch in den Salat der Versprechungen schneiden. Es hat seinen Text aus Melodramen, es kennt nichts anderes. Es geht einmal wieder um den ganz speziellen bosnischen Seelenswing und freilich um den Arsch der Braut. Die Kugel trifft und tritt aus und macht der schäbigen Wand ein malerisches Abstrakt. Die Verstoßene bringt sich in einem Frankfurter Frauenhaus in Sicherheit und verstaut sich in einer Klamotte mit russischen Heroinmädchen in den Hauptrollen. Das Frauenhaus ist als Altenheim getarnt, so etwas gibt es wirklich. Mit den üblichen Krallennägeln sehen wir sie im Paillettenkleid. Sie singt in einer Arabesk Bar von der erschossenen Liebe. Eine alleinerziehende Mutter im Meer der verstörten Frauen, die Rolle wurde in weniger als drei Minuten vergeben.  

Kadira hat solche Geschichten auf Lager. Ihre Eltern sind bosnische Kriegsflüchtlinge, Kadira nennt mich ihren Mann. Sie suggeriert jedem Kellner, sie sei meine Frau. Sie träumt von geordneten Verhältnissen wie andere von einem Urlaub in der Karibik. Ich kann sie nicht heiraten. Ich ertrage es nicht, noch jemanden für so bewaffnet halten zu müssen, dass er den Kasten (die Fabrik im Familienmund) dichtmachen könnte, um mich maximal zu bestrafen. Meine Geschwister drohen selten und auch nur unterschwellig mit ihren Möglichkeiten, unsere Mutter tat es nach dem Tod meines Vaters einmal direkt. Sie versprach den Versagern (meinem Bruder und meiner Schwester) alles zu vermachen, um mich an den Folgen meines Hochmuts leiden zu lassen. - Nachdem ich sie darum gebeten hatte, mir als dem Garanten des Betriebs eine leistungsgerechte Beteiligung zu gewähren. Unser Verhältnis erholte sie nie von meiner Forderung.

Auch meine Ex-Frau spielt auf dem Klavier meiner Verpflichtungen das Lied vom Tod der Firma. Ich habe Marion das Blaue vom Himmel versprochen, sie aus ihren Verhältnissen gelockt, zur Erfüllung meiner Sehnsüchte und Einzigartigkeitsphantasien herangezogen, drei Kinder mit ihr in die Welt gesetzt und sie schließlich doch ersetzbar gefunden. Marion redete lange von Bestimmung, wenn unsere Ehe auf dem Prüfstand einer Besprechung stand. Heute gehorcht sie nur noch der Einsicht, dass sich eine geschlachtete Kuh nicht melken lässt.

Nach der Scheidung wurden mir die Instrumente gezeigt. Ein Notar brachte die Eisen zum Glühen. Der Experte verkündete, dass fortan von jedem Euro aus dem Kasten fünfzig Cent Marion gehörten. Seine brillant verschleppende Art erinnerte mich an Charles Laughton als Verteidiger Sir Wilfrid in Zeugin der Anklage. Der Film basiert auf einer für das Theater dramatisierten Kurzgeschichte von Agatha Christie und entwickelt seine Handlung stellenweise zermürbend langsam. 

Das Recht auf Eigenarten muss man sich verdienen. Um in der Manier des Notars Todesurteile verlesen zu dürfen, braucht es ein langes Kerbholz. Ich fand mich schwach in der Verteidigung meiner Interessen. Ich war so vor den Kopf geschlagen, dass ich meinen Büroleiter anrief und ihn bat, mich abzuholen. Vielleicht wäre ich sonst gegen einen Betonpfeiler gefahren oder hätte eine alte Rechnung beglichen. Auch Marion rief nach Verstärkung, selbst im ausgebluteten Zustand war ich noch das Schwein und der Messerorientale, vor dem man sich in Acht nehmen musste. Weil, wenn der ausrastet, fließt Blut. Und Achtung vor Frauen kennen solche ja nicht.

Ich schwankte zwischen Mord- und Selbstmordgedanken. Ein Brückenpfeiler als Monument der Erlösung erschien mir gnädig. Mein Angestellter aß neben mir Eis auf einer verlassenen Sommerpromenade. Ich sehnte mich schmerzhaft nach meinen Kindern. Keinen Augenblick gelang es mir zu vergessen, dass ich den Mann bezahlte, letztlich auch für den Beistand. Er hatte den Chef noch nie so neben der Spur erlebt. Meine Schwäche verunsicherte ihn zunächst, dann fing er an aufzutrumpfen. Er reagierte mit Stärke auf Schwäche. Ich trennte mich bald von ihm. 

Tage später erschien Marion, schön wie Rosenrot, im Konferenzraum. Jahre zuvor hatte ich sie dahin verschleppt und keinen ihrer vorausschauenden Einwände gelten lassen. Marion brachte mir eine CD zurück, die ich nicht vermisst hatte. „Blue Sugar“ von Zucchero. Sie trug das Haar wieder lang nach einer Bob-Phase. Marion hatte sich so zurechtgemacht, dass an ihren Absichten kein Zweifel bestehen konnte. Sie prahlte mit ihrem Körper und kratzte an meinem Lack wie in einem Atemzug. Ich überhörte die Spitzen und ignorierte den Rest.

An einem anderen Nachmittag wäre ich mit Marion ins Bett gegangen, um im Sumpf der Gewohnheiten zu versinken. Mich erwartete aber eine Neue. Daniela war kompliziert, ich hielt sie deshalb für besonders intelligent. Ich redete mir ein, an ihr wachsen zu können. Ich zog eine zu Depressionen neigende und zum Leben eher Unbegabte der körperlich und seelisch aus dem Vollen schöpfenden Mutter meiner Kinder vor, weil mir die Hemmungslosigkeit einer Verrückten zur Verfügung stand.

Marion weiß, dass sie keine ersetzen kann. Ich habe von ihr etwas bekommen, dass sie anderen nicht mehr geben kann. Ich war ihr Prinz und sie meine Prinzessin. Diesen Schatz verloren wir beide lange nie ganz aus den Augen. Da war immer was, was dann auch wieder Stress und Streit brachte, aber auch Augenblicke des Einvernehmens. Marion zog mit den Kindern nach Schlitz, das Fahrpensum nahm zu, die Entfremdung wuchs mit der Entfernung. Marion blieb mir gegenüber aufgeschlossen. Manchmal zeigte sie sich einladend und sogar verführerisch an der Haustür, wenn ich die Kinder zurückbrachte. Das ging noch drei, vier Jahre so.

Aus Zuneigung wurde Abneigung. Vertrautheit schlug in Verachtung um. Die Verachtung sprach sich in den Kindern heftiger aus als in Marion, die jemanden fand, der sie richtig zu schätzen weiß. Das schwächt die Fama einer schicksalhaften Verbindung zwischen uns. Ich halte mich trotzdem für den wichtigsten Mann in Marions Leben.

Auch das ist wahr. Meine Kinder haben mich öfter zum Weinen gebracht als meine Frauen. Ich vergleiche sie in allen Entwicklungsstadien mit mir, so wie das Kind, das ich war, in Erinnerung geblieben ist. Ihre Entwicklungen helfen mir, mich zu verstehen. Die Aufmerksamkeit, die ihnen zuteilwurde, drängte ein Grauen zurück, das ich mit meiner Kindheit verbinde.

Zu seiner Erleichterung will auch Aslan nur noch in einer Welt leben. Das ist Marions Welt. Die Geburt meines einzigen Sohnes war ein Albtraum. Ich wünschte, ich hätte nicht gesehen, was ich gesehen habe. Könnte es nicht verboten sein, so unberufen einer Frau beim Gebären zuzusehen? Trost und Zuversicht brauchte ich, während Marion ihre Schranken durchbrach. Aslans Geburt ging über meine Kraft.

„Der Aslan nimmt mir den Papa weg.“

Ella erlebte den Bruder als Sprengkörper, während Nora das Glück ihrer Eltern teilte. Ellas Eifersucht hatte eine Dimension zu viel – eine teuflische Note.

Meine Kinder hatten keine Mutter, die in ihrer Krankheit unbegreiflich war, und keinen Vater, der erschöpft und überfordert sein Bestes gab, als gäbe es kein von schierer Daseinsfreude federleicht gemachtes Leben. Meine Kinder juchzten und johlten. Mein Ehrgeiz ging dahin, sie glücklich zu sehen. Jede Angst wurde ihnen nach Kräften genommen. Es gibt viele Fotos, die Marion und mich mit unseren Kindern zeigen. Kaum ein Foto zeigt mich als Kind mit meiner Mutter. Fast immer guckt Vater freundlich kastriert neben mir in die Kamera.

Morgen mehr.

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