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21.10.2018, Jamal Tuschick

Schöne Korpulenz

Jüdinnen in Libyen 1914

Lux Sarona improvisiert auf einer Tonspur von Melvin J. Lasky

Ende der 1950er -, Anfang der 1960er Jahre ist Melvin Lasky für den „Encounter“ ständig in Afrika. Er trägt noch die koloniale Brille, weiß aber schon, dass „ein neuer Rhythmus die Welt durchdringen und eine bisher unbekannte Farbe ihren Platz im Regenbogen suchen wird“ (Paul Niger).

T.C. Boyle beschreibt die Mast einer Königstochter in einem westafrikanischen Reich, dessen Namen ich vergessen habe. In meiner Kindheit war die Bewunderung für Rubensformen noch ein erotisches Standardmotiv. Ende der 1950er Jahre erscheint den in jeder Hinsicht aufbrechenden Nigerianern das Ideal der fetten Frau unzeitgemäß. Ich finde das weniger erstaunlich als die nebenbei gelieferte Information, dass es tatsächlich Mädchenmastanstalten gibt. Die Institute werden mir als unbequeme Einrichtungen geschildert. Ich vergehe mich nicht an Ihrer Zeit mit Einzelheiten. Die Elevinnen müssen eine strenge Diät beachten und dürfen sich kaum bewegen. Sie sind auch von der Schule ausgeschlossen, obwohl sich das Brautgeld in der Sphäre einfacher Leute danach richtet, ob das Mädchen drei, vier oder sogar fünf Jahre zur Schule gegangen war. Es gibt deshalb einen erbittert geführten gesellschaftlichen Disput. Die Höhe des Brautgelds ruiniert den gemeinen Mann.

„Für die meisten jungen Männer ist Heiraten ein großes Problem. Man muss schon achtzig Pfund für ein Mädchen ausgeben, das weder lesen noch schreiben kann … und bis zu 250 Pfund für ein einigermaßen gebildetes Geschöpf.“

Es gibt publizistische Kampagnen unter dem Schlachtruf:

„Setzt die Preise für Frauen nicht herauf!“

Ich rede mit meinem ständigen Begleiter, vielleicht sogar Aufpasser, Abayomi über die Liebe zuzeiten eines großen Vorwärts. Samuel Ládòkè Akíntọ́lá hat mir persönlich Abayomi zur Seite gestellt. Abayomis Physiognomie wirkt eher arabisch als schwarzafrikanisch. Seit zweitausend Jahren gibt es in Nigeria Berührungen mit Nordafrikanern, mit Numidern, Garamanten, Libyern, (allgemein Imazighen), Ägyptern und Juden, die wiederum von Phöniziern, Griechen, Römern, Vandalen, Alanen und Byzantinern befruchtet wurden. Als Araber im 7. Jahrhundert unserer Zeitrechnung nach Nordafrika kamen, fanden sie jüdische Kolonien in den Territorien der Imazighen und so auch an tieferen Stellen des Kontinents. Nach den jüdischen Erhebungen gegen Rom, ab dem Jahr 66, querten jüdische Auswanderer und kulturell und ethnisch judaisierte Imazighen die Sahara und ließen sich am Nigerboden zwischen Timbuktu und Massina nieder. Abayomi glaubt, dass Juden das ghanaische Großreich (nach heutigen Begriffen) im Sudan gründeten – zumindest judaisierte Imazighen, die in Verbindungen mit Schwarzafrikanern und Arabern zu typischen Nigerianern wurden.

Solche Überlegungen werden im brasilianischen Club von Lagos bei Tee und Whisky angestellt. Die Kritik geht dahin, dass zwar europäisches Wissen akademisch verfügbar sei, es aber kaum Kapazitäten für afrikanische Sprachen gäbe.

Die nigerianische Geschichte ist ungemein reich, das Bewusstsein für den Reichtum bedarf der Förderung. So reden die Vornehmen aus den Verschanzungen ihrer englischen Erziehung. Sagen sie „uns“, sprechen sie das Empire als verbindende Kraft an. Oft gestellt wird die Frage: gehört das uns, das heißt, gehört es zu Großbritannien oder zum französischen Imperium. Gelangt man zu der stolzen Feststellung, dass etwas uns gehört, ist der Stolz britisch.

Die Clubmitglieder haben ihren Landsleuten auch die Beobachtung voraus, dass in England Weiße als Anstreicher, Kellner, Straßenfeger und Müllfahrer arbeiten. Sie fühlen sich auf eine so komplizierte Weise hinters Licht geführt, dass sie fürchten, vor den nächsten Fallen zu stehen, ohne sie erkennen zu können. In ihrer Ratlosigkeit erachten sie die weiße Journalistin als Spezialistin für alle Fragen von … bis zur Ökonomie. Während ich vor dem Wirtschaftsteil meiner Zeitung kapituliere.

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