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22.10.2018, Jamal Tuschick

Beat der Befreiung

Kap der Guten Hoffnung im Januar 1959

Ende der 1950er -, Anfang der 1960er Jahre ist Melvin Lasky für den „Encounter“ ständig in Afrika. Er trägt noch die koloniale Brille, weiß aber schon, dass „ein neuer Rhythmus die Welt durchdringen und eine bisher unbekannte Farbe ihren Platz im Regenbogen suchen wird“ (Paul Niger).

„Bis gestern nannten Sie uns noch indigenous personnel oder Nigerier als Ersatz für Eingeborene. Es gab eine klare Trennung zwischen Ihnen und uns.“

Ayo Ogunshaye donnert mich an. Obwohl er sitzt, scheint er auf einer Kanzel zu stehen. Er ist Dekan des Ibadan College, das Oberhaupt aller Bibliothekare seines Landes und ein Repräsentant des neuen Afrikas – ein Beispiel für the African personality. Das ist ein Schlagwort der Stunde.

Ogunshaye hat sich angeboten, mir den Beat der Befreiung beizubringen - nach einem Jahrhundert der Unterdrückung.

Warum nur ein Jahrhundert?

Die Kolonialgeschichte währt weltweit ein halbes Jahrtausend.

So darf man Ogunshaye nicht kommen. Wenn er den Mond zum Nashorn erklärt, dann beginnt eine neue Jahreszeit, so Ogunshaye sie verkündet. Mediokre Dorfchefs mögen im Sturm der neuen Zeit sich beugen und sich vor ihrer Verwirrung nicht zu schützen wissen, Ogunshaye beugt sich lediglich zu mir herab, um mich mit einem Blick zu erschießen.

Er verrät mir, dass der erst im Vorjahr bei Feltrinelli in Mailand erschienene Roman „Doktor Schiwago“ sich der größten Beliebtheit unter allen in Nigeria ausleihbaren Titeln erfreut. Er selbst habe vergeblich versucht, Pasternak als Gastprofessor zu gewinnen. Er verurteilt die Zurückhaltung des Schriftstellers, den sich Ogunshaye mächtig und frei in seinen Entscheidungen vorstellt. Ogunshaye war an Sondierungsgesprächen mit Funktionären der UdSSR beteiligt … ihn umgeben Athleten aus den Reihen der Ashanti. Die meisten behaupten, Presbyterianer zu sein. Auf Nachfrage erklären sie sich zu Anhängern einer „kombinierten Religion“ – einem Mix zwischen Jesus und Animismus.

Die gleichen Ergebnisse erzielt man mit Fragen nach den politischen Überzeugungen. Aus erklärten Marxisten werden politische indifferente Gefolgsleute lokaler Größen, die von Allianzen mit Chruschtschow träumen.

Ogunshaye stellt mir einen infernalischen Hünen vor – eine hypertrophe Persönlichkeit, die sogar die menschliche Orgel Ogunshaye in den Schatten stellt. Idi Amin kommt aus einer anderen Welt. Der Gigant hat über zweitausend Flugkilometer absolviert, um sich von Leuten aufklären zu lassen, die fortgeschrittener sind in den Dekolonisierungsprozessen als im britischen Protektorat Uganda. Nicht dass man da die Fehler der Befreiungsbewegten machen will. Es gab schon mal fürsorglich betreute Parlamentswahlen. Die Unabhängigkeit steht in den Sternen von 1962 und wird dann auch nur aus König Mutesa II. einen Präsidenten machen.  

Das ist Zukunftsmusik. Amin ist ein Mann aus dem Volk der Kakwa und Sohn eines Konvertiten. Er hält den Titel des Landesmeisters aller Boxklassen seit sieben Jahren. Er ist ein Kind der Kolonialarmee und als Unteroffizier, gemessen an den Margen eines Unterworfenen, beispielhaft weit aufgestiegen. Ich ahne die Wucht einer Mischung aus Wut auf die weiße Hybris, man ist schließlich körperlich drei Mal so mächtig wie jeder Vorgesetzte, und diese reaktionäre Obacht, die das Kind nicht mit dem Bade ausschütten - und unter Umkehrung der Vorzeichen von den Usurpatoren siegen lernen will. Ich sehe den künftigen „Herrn aller Tiere der Erde und aller Fische der Meere und Bezwinger des Britischen Weltreichs in Afrika allgemein und besonders Uganda“.

Bald mehr. 

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