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24.10.2018, Jamal Tuschick

Die Geschichte der Gastarbeit in Osthessen V. Teil

Unhaltbare Differenzbehauptungen

Es wurde oft nachts gearbeitet, wegen des Termindrucks und einer besseren Stromversorgung als bei Tag. 

Der auf einem osthessischen Knick in einer Enge zwischen Thüringen und Franken ansässige Unternehmer Amiran Vanilisi beschäftigt fast ausschließlich Migranten in seiner Fabrik für Schuhbodenteile. Seine Vorfahren flohen von einem Ufer zum anderen aus Georgien in die Türkei und bildeten da die nicht anerkannte Minderheit der Lasen. Das sind in der Mehrzahl sunnitische Muslime, vereinzelt auch orthodoxe Christen. Die kulturellen Trennlinien verlaufen umgekehrt proportional zu den Demarkationen zwischen den christlichen und den muslimischen Armeniern (Hemşinli), die sich in den gleichen Gebieten ausdifferenziert haben. Amirans Vorfahren stammen bis zur Generation seiner Eltern ausnahmslos aus der Provinz Düzce. Obwohl sie mit keiner markanten Ethnie auf dem Staatsgebiet der Türkei verwandt sind, nimmt man sie als Türken wahr.

Die Geschichte der Gastarbeit muss noch geschrieben werden.

Eingebetteter Medieninhalt

Finkenherd soll nicht nur schöner werden, die Gemeinde muss sich auch dem globalen Wettbewerb gewachsen zeigen. Ein Gespräch über den Zaun dreht sich wieder einmal um den Glücksfall der günstigen Lage und die guten Verbindungen auf der Nord-Süd-Achse. Es wird nicht mehr geraucht. Das bestätigt Frau Nkrumah als Ausnahme von der Regel. Sie tritt im schimmernden Hosenanzug auf, Farbton Aubergine.

Nach Jahrzehnten des Verdämmerns, wenn nicht des Verendens steht Finkenherd nun in einer jede Ortschaft im Landkreis trimmende Infrastrukturkonkurrenz. Die Gemeinde punktet bei Neubürgern sowie als Standort für neue Arbeitsplätze mit zukunftsweisend ausgebauter Verkehrsanbindung. Ich führe nicht nur aus Höflichkeit Gespräche. Ich knete den Willen zur Gemeinschaft wie ein Physiotherapeut die verhärtete Fußballerwade. Ansprache hält fit. Es kommt auf jeden an.

Der multikulturelle Faktor ist garantiert. Frau Nkrumah legt Wert auf ständigen Umgang mit dem „türkischen“ Unternehmer Amiran Vanilisi, andere würden an ihrer Stelle von dem „türkischen Schuhbodenheini“ oder vom „türkischen Sohlenfritz“ reden. Ausflüge ins nachbarschaftlich Ungefähre stärken die Corporate Identity der Gemeinde. Frau Nkrumah kann gar nicht genug Aufmerksamkeit kriegen in Anbetracht des Abwesenheitspensums ihres Mannes, der nach Frankfurt pendelt und selten vor spät nach Hause kommt. Sie bittet mich, ihr bei einer Tasse Kaffee Gesellschaft zu leisten.

Von Finkenherds achttausend Einwohnern pendelt die Hälfte, davon viele nach Frankfurt und Gießen in bleierne Welten. Ihre Fahrten vollziehen sie in den Verkleidungen der Pflicht. Was fern des Eigenheims Spaß macht, Freiheit und Lust bedeutet, behält jeder für sich. Einer verheimlichten Neigung im Schutzraum urbaner Anonymität nachzugeben, erzeugt das Dammbruchgefühl.

Die aufgesetzte Harmlosigkeit, mit der Frau Nkrumah inzwischen über Ergebnisse der Stiftung Warentest redet, langweilt den Türsteher vor meiner Gefühlsdisko. Auch eine Einladung zum Kaffeekranz lehnt er ab.

Charmante Diversität

Unterbrochen von Grünstreifen, Waldinseln und Bächen, die zu Hochwasserzeiten aufrauschen, erreichen strotzende Nutzflächen die Stadt. Finkenherd versorgte in der fränkischen Reichsfrühzeit einen Königshof. In einer Schreibstube der Merowinger setzte ein Mönch den Ortsnamen auf eine Urkunde, als erste überlieferte Erwähnung einer Siedlung, die damals schon lange bestand. Im 9. Jahrhundert fiel sie im Rahmen einer Schenkung an das Kloster Fulda. Das hätte tausend Jahre ihr Schicksal sein können. Doch ordnete man Finkenherd zurzeit der ersten christlichen Jahrtausendwende Kurmainz zu. Es gab ein Würzburger Interesse. Der erste Würzbürger Bischof war ein Ire.

Wir leben seit Jahrtausenden in einer Völkerwanderung und können uns doch nicht daran gewöhnen. Sobald eine Familie einen Platz drei Generationen halten konnte, steigert sie sich in eine exklusive Verbindung hinein. Auch ich und meine Geschwister, unsere Zeugungspartner, die Gezeugten und Kadira, die jetzt mit mir zusammenlebt, so wie Kadiras Kinder, existieren auf dem Betonsockel einer dritten Generation. Mein Großvater kam und säte, wie man sagt, und schon mein Vater erntete im Verein mit zwei Brüdern und vier Schwestern. Die Familie verzweigte sich auf der Strecke zwischen Mannheim und Hünfeld. Bedenkt man, dass (angefangen bei den georgischen Lasen, die im 18. Jahrhundert zu Flüchtlingen geworden waren) bis zu der Generation meiner Eltern alle Vanilisis aus einer Provinz am Schwarzen Meer stammten ... Ich bringe den Satz nicht zu Ende. Man kann doch nicht sagen, dass wir weit gekommen sind - von irgendwo dahinten bis nach Hünfeld.

Und doch. Ist das nicht eine klassische Expedition? So wie die Reisen zum Mond oder zu den Quellen des Nils Aufbrüche ins Unbekannte waren? Ergibt sich nicht jedes Mal, wenn Menschen aufgebrochen sind, etwas Neues aus den Verknüpfungen? Ich meine, was verbindet mich mit den Lasen an einer Küste? Wie geistreich ist es, mich auf meine Vorfahren zurückzuführen? Mit irgendeiner unzulänglichen Deutung der Vergangenheit?

Die Expedition geht weiter. Hier ist nichts zu Ende.

Wie brüchig wird die religiöse Klammer, sobald sie nicht selbst in gesellschaftlichen Normen feststeckt. Großvater behauptete, dass seine Großeltern heimliche Christen und zum Schein nur Muslime gewesen seien. Kadira, deren Eltern bosnische Bürgerkriegsflüchtlinge sind, hat nach einer Familientradition mit dem Islam überhaupt nichts am Hut. Religion unterscheidet sie nicht von denen, die auf ihre Eltern geschossen haben. Auch die Diversität im Spektrum zwischen Bosnisch, Kroatisch, Serbisch und (ohne amtliche Anker) Montenegrinisch findet Kadira lediglich charmant. Nach ihrer Einschätzung spiegeln sich die politischen Spaltungen Jugoslawiens nicht im linguistischen Status offiziell verschiedener Sprachen. Man muss ideologisch gegen die Sache treten und das Trennende herbeitreten, um die Trennung zu vollziehen. Man muss unhaltbare Differenzbehauptungen aufstellen.

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