MenuMENU

zurück zu Main Labor

25.10.2018, Jamal Tuschick

Das Mainlabor präsentiert den neuen Roman von Luna Al-Mousli - Als Oma, Gott und Britney sich im Wohnzimmer trafen, oder: Der Islam und ich - in einem mehrteiligen Auszug.

Gottes Sandwich

Luna Al-Mousli

Das neue Buch von Luna Al-Mousli ist da! 

Nach dem Erfolgsbuch Eine Träne. Ein Lächeln. Meine Kindheit in Damaskus neue Erinnerungen an eine Kindheit zwischen Ost und West,
dem Ruf des Muezzin und den neuesten Hits von Britney Spears, zwischen unzähligen Cousinen und Cousins, Haribo und Ramadan, unverheirateten Tanten und einem sprechenden Papagei.

»Luna Al-Mouslis Geschichten sind so rührend komisch, dass sie während der Lektüre ein Lächeln ins Gesicht zaubern.« Buchkultur

Auszug aus: Als Oma, Gott und Britney sich im Wohnzimmer trafen, oder: Der Islam und ich © weissbooks.w, 2018

zu Sahūr wurde manchmal richtig groß aufgetischt. Frische Eierspeisen, Tomaten, Gurken, Labneh (eine Art arabischer Frischkäse), Zatar, Oliven, eingelegte Paprika und natürlich Opas selbst gemachte Marillenmarmelade. Dazu gab es Schwarztee mit frischer Minze vom Balkon. So ein Mahl war aber nicht immer möglich, denn hin und wieder standen wir so spät auf, dass nur Zeit für etwas Wasser und eine Dattel blieb. Ein paarmal kamen auch meine Tanten zu diesem sehr frühen Frühstück vorbei. Als ich älter war, war es auch üblich, zu Sahūr auszugehen. Man war entweder zu Bekannten eingeladen oder ging in ein Restaurant. Ich fand es ziemlich absurd, sich gegen drei Uhr nachts schick zu machen, um auszugehen! Pünktlich zu Sahūr und Iftār war dann aber niemand mehr auf der Straße zu sehen. Keine Menschen. Keine Autos. Keine Busse.

Fasten war echt hart, weshalb meine Cousine ­Laila und ich ab und zu schummelten. Wir schlichen uns heimlich in die leere Küche, öffneten den Kühlschrank und aßen ein paar Gurken mit Käse und Brot. Wenn niemand zu Hause oder alle beschäftigt waren, machten wir uns ein Sandwich und aßen es auf dem Balkon, wo uns niemand sehen konnte – außer Gott. Er würde es verstehen, denn er wusste, wie schwer Fasten und wie groß unser Hunger war.

Luna Al-Mousli, geb. 1990 in Melk/ Österreich, aufgewachsen in Damaskus, lebt heute in Wien. Grafik Design-Studium an der Universität für angewandte Kunst. Seit 2013 arbeitet Al-Mousli als selbstständige Grafik-Designerin und Illustratorin. Für ihr Debüt Eine Träne. Ein Lächeln. Meine Kindheit in Damaskus (weissbooks.w, 2016) wurde sie unter anderem mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2017 ausgezeichnet.

www.luniverse.xyz 

Während des Ramadan lernte ich Karten spielen. Opa hatte in der Stadtwohnung so viel Zeit, dass er mir, meiner Cousine und meiner Schwester Kartenspiele beibrachte. Er war deshalb so unterbeschäftigt, weil er sich ohne die Erlaubnis meiner Oma nicht bemächtigt fühlte, etwas in der Wohnung zu tun. Selbst beim Gießen der Pflanzen fragte er sie um Rat, denn er war nicht eingeweiht in Omas Rituale. Irgendwann übertrug sie ihm die Verantwortung für das gesamte Grünzeug in der Wohnung. Gießen, Düngen, Schneiden. Er unterhielt sich auch gern mit den Pflanzen, wenn er sie goss. Doch irgendwie war diese – wenn auch anspruchsvolle – Aufgabe nicht ausreichend, um Opas Zeit ganz auszufüllen. Zudem fielen während des Ramadan seine Frühstücks- und Kaffeerituale aus. Er durfte sich auch keine Zigaretten anzünden, wenn er fastete. Der Verzicht auf Kaffee und Zigaretten war für ihn die größte Herausforderung. Er rauchte nämlich sehr viel. Als wir lernten, dass Rauchen schlecht für die Gesundheit ist, fingen wir an, Opas Zigaretten zu zählen, um ihm vor Augen zu führen, wie viel er rauchte. Dann fingen wir an, ihm seine Zigaretten zu klauen und sie in einer Box zu verstecken. Immer wenn er sein Mittagsschläfchen machte, klauten wir die Zigaretten aus der Brusttasche seines Morgenmantels. 

 Später ergriffen wir noch härtere Maßnahmen. Wir drohten, dass wir ihm die Zigarette aus dem Mund nehmen, sie ausmachen und zerbrechen würden, wenn wir ihn rauchen sähen. Opa rauchte auf dem Balkon, wenn wir in der Küche waren. Er rauchte in der Küche, wenn wir im Wohnzimmer waren. Und er rauchte im Wohnzimmer, wenn wir auf dem Balkon waren. Opa Najm lief uns immer davon, doch wir waren so viele, dass wir ihn immer erwischten. Wenn Oma sah, wie wir ihrem Mann auf die Nerven gingen, wurde sie schnell wütend. Wir sollten ihn in Ruhe lassen. Opa konnte nur ungestört rauchen, wenn Oma Habiba im gleichen Raum war. Sie beschützte ihn vor uns. Oft rauchten sie dann gemeinsam. Opa selbst widmete uns viel Zeit, nahm alles mit Humor und schimpfte nie mit uns. Wir hätten uns aber nie getraut, Oma ihre Zigaretten wegzunehmen. Sie war nicht so geduldig wie ihr Mann, weshalb sie auch nie mit uns Karten spielte, selbst wenn wir sie dazu drängten.

Abends war Karten spielen die Lieblingsbeschäftigung der Erwachsenen. Zu viert saßen sie dann um einen Tisch herum und ordneten ihre Karten zu Fächern. Einer von ihnen legte einen Zettel und einen Stift neben sich und schrieb Zahlen auf. Auf dem Boden standen Shishas, die einen fruchtigen Duft verströmten. Ich wollte immer mitspielen, durfte aber nicht. Ich durfte nur zuschauen, musste aber leise sein. Oft war ich mir nicht sicher, ob ihnen das Spiel überhaupt Spaß machte, denn sie sahen alle so ernst und konzentriert aus. Vor allem beim Austeilen und Ordnen der Karten sprachen sie kaum miteinander. 

Dann aber wurde die Stille durch ein »Yalla« unterbrochen. Damit war das Spiel eröffnet. Ich sah Karten in die Tischmitte fliegen. Einer nach dem anderen legte eine Karte ab, dann wanderte der Stapel zu einem der Spieler. Sie lachten und gaben lustige, mitunter aber auch wütende Kommentare ab. Alle wollten gewinnen. Zum Glück waren unsere Partien mit Opa nicht so ernst. Er kaufte Karten und erklärte uns, wie das Spiel funktionierte. Im Wohnzimmer stellten wir den Tisch auf und holten zwei zusätzliche Plastikstühle aus der Küche, damit wir alle Platz hatten. Schon nach kurzer Zeit waren wir so gut, dass wir ihn schlagen konnten. Wir spielten eine Runde nach der anderen und lachten so viel, dass wir kaum merkten, wie schnell die Zeit verging. 

Wenn Oma Habiba vorbeiging, sagte sie nur, wir sollten nach der Runde beten gehen, und erinnerte auch Opa an das Gebet. Am Wochenende spielten wir die ganze Nacht hindurch, bis Mama uns ins Bett schickte. In den Sommerferien spielten wir mit Opa einmal so lange, dass wir gemeinsam den Sonnenaufgang sahen. Im Wohnzimmer wurden die Wände zuerst rosarot, dann orange und dann weiß. Während des Ramadan beobachtete ich dieses Schauspiel häufiger. Zu keiner anderen Zeit im Jahr baute ich solch eine Beziehung zur Sonne auf wie in diesen Wochen.

 

Der Ramadan hatte seine ganz eigenen Rituale. Ich liebte es, wie sich dann die Stadt veränderte und ihr Tempo anpasste. Alles wurde zunächst langsamer, um sich zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang wieder zu beschleunigen. In Wien hingegen verändert sich nichts. Alles um uns herum bleibt gleich. In den ersten Jahren machte mir das Fasten dort keinen Spaß. Mir fehlten die Rituale, die große Familie, das gemeinsame Essen und die allgemeine Akzeptanz. Ich war es nicht gewohnt, wegen dieser Rituale Rede und Antwort stehen zu müssen. Am härtesten war es in der Schule. Alle packten in der Pause ihr Brot aus, nur ich nicht. Alle gingen nach der Schule ein Eis essen, nur ich nicht. Ich erfand dann immer Ausreden und erzählte, mein Bruder sei allein zu Hause oder dass ich einen Arzttermin hätte. Doch das ging nicht lange gut, und schon bald fingen die Fragen an. »Aber wieso willst du nicht mitkommen? Du hast heute den ganzen Tag noch nichts gegessen. Machst du dieses Ramadan-Ding? Fällt dir das nicht schwer? Trinkst du auch nichts? Nicht einmal Wasser? Ist das nicht ungesund und gefährlich?«

Ich versuchte, immer geduldig und höflich zu bleiben. Ich erklärte, dass die ersten zwei Tage besonders schwer seien, ich trotzdem zwei bis drei Liter Wasser am Tag trinken würde und ich, falls es mir schlecht ginge, auch aufhören würde zu fasten. Ich erläuterte, dass es darum ginge, besser auf den eigenen Körper zu hören und seine Energiereserven einzuteilen. »Und jetzt hör bitte auf, mir mit deinem Sandwich vor der Nase herumzufuchteln.« Diesen Teil dachte ich mir aber nur.

Mit der Zeit fiel mir das Fasten auch in Wien leichter. Ich gewöhnte mich an die Fragen, an die kleinere Familie und entdeckte die Vorteile des Fastens. Während des Ramadan konnte ich tagsüber fast doppelt so viel erledigen wie an Tagen, an denen ich nicht fastete. Oma meinte, das läge an der Heiligkeit des Monats. Ich sah das anders. Es lag schlichtweg daran, dass ich keine Zeit mit Essen verschwendete. Ich musste nicht kochen, nicht einkaufen, mir zwischendurch kein Wasser holen und auch nicht so häufig aufs Klo. Statt Mittagspausen machte ich Mittagsschläfchen. Nur kurz vor Iftār war ich sehr reizbar und vereinbarte daher vor dem Essen keine Termine. Gute Freunde gewöhnten sich daran und nahmen Rücksicht. Sie aßen nicht in meiner Anwesenheit, und wenn wir gemeinsam Essen gingen, versuchten sie, den Termin so zu legen, dass es nach Sonnenuntergang war. Was mir in Wien aber bis heute fehlt, ist der Masaharati.

In Damaskus kam jede Nacht ein ­Masaharati vorbei, lief singend die Straße entlang und spielte auf seiner Trommel. Seine Aufgabe war es, die Fastenden aufzuwecken, damit sie vor Sonnenaufgang noch eine Kleinigkeit essen und trinken konnten. Er zog von einer Straße zur nächsten und seine schöne Stimme hallte durch die leeren Gassen. Er war der beste Wecker, denn er ließ sich nicht einfach ausschalten, und wir wollten ihn auch nicht verpassen. Also sprangen wir auf und rannten zum Fenster, um ihn zu beobachten. Er bemerkte uns, und wir winkten uns gegenseitig zu. Oma und Opa fragten den Masaharati dann, ob er ein Glas Wasser haben wolle. 

Nach ein paar Tagen legte er bei uns immer eine kurze Pause ein. Wir liefen die Treppen runter, gaben ihm ein Glas Wasser und ein paar Datteln. Er bedankte sich, wünschte uns einen gesegneten Ramadan und machte sich wieder auf seinen Weg. Bei jedem Besuch erfuhren wir mehr über ihn und er auch über uns. Er hieß Ibrahim und hatte zwei Kinder. Schon sein Vater war Masaharati gewesen, und Ibrahim lief als Kind mit ihm gemeinsam durch die Straßen. Eines Tages würde auch er seine Kinder mitnehmen, im Moment seien sie noch zu klein für die lange Strecke. Für den letzten Tag des Ramadan hatte Mama zwei kleine Säckchen für Ibrahims Kinder vorbereitet. Schokolade, Kekse, ein paar Bonbons, zwei Buntstifte und Tiersticker waren darin und sie waren mit buntem Geschenkband zugebunden. Mama kräuselte das Geschenkband mit der Schere, so sah es noch viel schöner aus. Ibrahim bedankte sich. Wir würden ihn erst im nächsten Jahr wiedersehen – und irgendwann gar nicht mehr.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen