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25.10.2018, Jamal Tuschick

Mehr Feine Sahne Fischfilets auf den Tisch - In der berechtigten Kritik an der Konzertabsage für die Band »Feine Sahne Fischfilet« durch das Bauhaus Dessau geht der Blick auf das Wesentliche verloren.

Hegemoniekämpfe

Benjamin-Immanuel Hoff

Die Empörung aller Orten ist groß. Die Absage eines Konzerts in der verdienstvollen Reihe ZDF@Bauhaus, die extra zum Jubiläum der 100-jährigen Gründung des Bauhauses aufgelegt wurde, durch die Stiftung Bauhaus Dessau war falsch. Die Kritik an der Entscheidung ist berechtigt. Gleichzeitig verstärkt sich zunehmend der Eindruck, dass wichtige Rahmenbedingungen aus den Blick geraten, die man nicht oft genug betonen kann. 

Ein Beitrag von Benjamin-Immanuel Hoff.

Benjamin-Immanuel Hoff ist Kultur-, Bundes- und Europaminister sowie Chef der Staatskanzlei in Thüringen. 

www.benjamin-hoff.de

Der Text erschien zuerst im FREITAG.

Massiver Druck von Rechts auf das Bauhaus

Die Entscheidung des Dessauer Bauhauses, das Konzert der explizit politisch linken Band Feine Sahne Fischfilet abzusagen, erfolgte nicht in erster Linie aus Kritik an der Tätigkeit der Band. Der Absage des Konzerts lag die Ankündigung rechter Gruppierungen zugrunde, den Band-Auftritt zu stören und dabei mehr oder weniger subtil mit dem Einsatz von Gewalt drohten.

Um dies zu verstehen, müssen wir uns deshalb bewusst machen: Die Stiftung Bauhaus Dessau steht unter einem erheblichen Dauerfeuer der AfD, sowohl in der Stadt Dessau als auch im Landtag Sachsen-Anhalt. Die AfD ist in Sachsen-Anhalt seit der vergangenen Landtagswahl mit 24,% zweitstärkste Partei im Landtag, stellt 25 Abgeordnete, davon allein 15 Direktmandate, eins davon im Wahlkreis 26 (Dessau-Roßlau).  

Wenn bundesweit als Beispiel für die rechtsextreme Ausrichtung der AfD gemeinhin der Thüringer Fraktionsvorsitzende Björn Höcke herangezogen wird, droht dabei unterzugehen, dass der vormalige Sachsen-Anhalter AfD-Fraktionsvorsitzende Poggenburg dessen ideologischer Zwillingsbruder ist: Beide sind in der Wolle gefärbte Nationalsozialisten.

In Sachsen-Anhalt residiert der ideologische Stichwortgeber des nationalrevolutionären Flügels der AfD, Götz Kubitschek. Und bis zur taktisch motivierten Distanzierung der nationalrevolutionären Teile der AfD von der sogenannten Identitären Bewegung, um die Gefahr einer Beobachtung durch den Verfassungsschutz zu umgehen, betrieb einer der AfD-Abgeordneten aus Sachsen-Anhalt sein Wahlkreisbüro in einem von den sogenannten Identitären genutzten Haus.

Dass bei den Akteuren des Bauhaus-Dessau angesichts dessen der Eindruck entstehen kann, hier würde sich die tragische Geschichte des Bauhauses wiederholen, darf nicht unterschätzt werden. Statt jetzt auf das Bauhaus-Dessau zu schlagen, verdient es vielmehr - neben der Kritik an der einen falschen Entscheidung - alle unsere Solidarität. Denn das Bauhaus Dessau ist ein Beispiel für den rechten Kulturkampf. Es steht dabei beispielsweise neben dem ostthüringer Theater Altenburg-Gera, gegen das von einem rechten Bürgerbündnis in Altenburg eine letztlich erfolglose aber öffentlichkeitswirksame Boykottaufforderung verhängt wurde.

Das Bauhaus Dessau und andere Einrichtungen benötigen Solidarität. Insbesondere gegenüber der AfD. Sie ist die derzeit mächtigste Sturmabteilung derjenigen, die nicht allein unsere grundgesetzlich geschützte Freiheit von Wissenschaft und Kunst, sondern unsere freiheitliche Gesellschaft insgesamt und im Zweifel auch gewaltsam abschaffen wollen.

Ein unpolitisches Bauhaus-Jubiläum kann es nicht geben

Die Entscheidung, die Band Feine Sahne Fischfilet aus dem verdienstvollen Konzertformat ZDF@Bauhaus auszuladen, war ein Fehler. Der auch innerhalb der Belegschaft des Bauhaus-Dessau selbstkritisch diskutiert wird. Nicht zuletzt, weil im Zusammenhang mit der Ausladung die steile These vorgebracht wurde, eine Einladung der Band würde das Bauhaus-Jubiläum »unzulässig politisieren«. Falscher kann der Blick auf das Bauhaus nicht sein, wenn man es nicht endgültig auf ein kultur-touristisches Marketing just like „Bauhaus - Made in Germany“ verkürzen möchte.

An die Gründung des Bauhauses kann nicht erinnert werden, ohne über dessen Vertreibung zu sprechen. Bereits im Frühjahr des Jahres 2016 erinnerte deshalb die Klassik Stiftung Weimar im Rahmen einer Veranstaltung und in Vorbereitung auf das Jubiläum »100 Jahre Bauhaus« an die Vertreibung des Bauhauses aus Weimar im Jahre 1926. Initiiert wurde diese Veranstaltung aus dem Bewusstsein heraus, dass wer mit Selbstbewusstsein formuliert »Das Bauhaus kommt aus Weimar«, nicht umhin kommt, die Erinnerung daran wach zu halten, dass diejenigen Akteure, Diskurse und Rahmenbedingungen, die zur späteren Entwicklung des nationalsozialistischen Mustergaus Thüringen und der Entstehung des Konzentrationslagers Buchenwald beitrugen, für die Vertreibung des Bauhaus aus Weimar Verantwortung tragen.

Wer die derzeit laufende Ausstellung »Magic Realism - Art in Weimar« in der Londoner Tate Modern besucht, trifft dort auf einen Zeitstrahl, der im Jahr 1926 vom»Umzug« des Bauhauses nach Dessau spricht. Ich halte dies für eine unzulässige Verkürzung. Zumal für Dessau zutreffend von der Vertreibung des Bauhauses gesprochen wird. Nichts anderes beabsichtigte und exekutierte der »Thüringer Ordnungsbund« bereits Mitte der 1920er Jahre und setzte die NSDAP dann 1932 in Dessau erneut um.

Das Bauhaus, der von ihm geprägte Diskurs, die Formensprache waren hineingeworfen in das als»Zeitalter der Extreme« (Hobsbawm) bezeichnete 20. Jahrhundert, dessen Widersprüche und Gegensätze. Zugleich war das Bauhaus selbst von Widersprüchen und Gegensätzen nicht frei.

Am Bauhaus-Jubiläum diskutieren wir deshalb über unsere eigene Vergangenheit, die nicht vergeht. Die Einbettung des derzeit noch im Bau befindlichen neuen Bauhaus-Museums in Weimar, dessen Eröffnung im Frühjahr 2019 vorgesehen ist, in das Projekt »Topographie der Moderne« trägt bewusst und genau deshalb nicht unumstritten dem Anspruch Rechnung, die es tragende Frage »Wie wollen wir leben?« als weiterhin offen und stets neu zu beantworten.

Dabei ist es unabdingbar, sich immer und immer wieder vor Augen zu führen, dass es »das Bauhaus« nie gab. Die Neugründung einer umfassenden Schule für Kunst und Design unterlag naturgemäß keinem geradlinigen, sondern einem vielmehr widersprüchlichen und umstrittenen Entwicklungsprozess. Dieser folgte vielmehr dem Muster»trial and error«. Der Umstand, dass das Bauhaus von Beginn an nicht nur heftiger künstlerischer insbesondere aber politischer Kritik ausgesetzt war, erzeugte einen hohen Druck, nach außen hin Geschlossenheit zu zeigen. Dies ebnete einer Mythologisierung auch ex-post-Selbstmythologisierung des Bauhauses den Weg, die im Jubiläumsjahr immer wieder durchbrochen werden sollte.

Denn - noch einmal - das eine Bauhaus gibt es nicht und hat es nie gegeben - weder personell noch inhaltlich, noch hinsichtlich des Standorts oder der jeweiligen Vor- und Nachgeschichte. Die Realität jenseits des Mythos ist – wie so oft – vielschichtiger, widersprüchlicher und insoweit viel weniger hübsch als man glaubt oder sich erhofft. Sie ist aber vor allem zu keinem Zeitpunkt unpolitisch gewesen. Ebenso wenig wie es die Erinnerung an das Bauhaus sein kann.

»Willkommen im Dreck der Zeit« (Feine Sahne Fischfilet)

Nachdem die Band Feine Sahne Fischfilet aus Dessau ausgeladen wurde, entstanden allerorten Überlegungen, wohin man die Band nun einladen könne. Auch in meiner Funktion als Kulturminister, gerade angesichts der Bauhaus-Geschichte Weimars, wurde ich angesprochen und aufgefordert, die Band einzuladen. Selbstverständlich habe ich der Band ein solches Angebot auch unterbreitet.

Wichtiger als dieses Signal war und ist jedoch die Entscheidung der Band, an ihrem Konzert in Dessau festhalten zu wollen. Denn dass die Band ihre Popularität besitzt verdankt sie neben ihrer musikalischen Leistung vor allem ihrem politischen Engagement. Wenn die Band im kommenden Jahr, also gemeinsam mit dem Bauhaus ebenfalls Jubiläum feiert, nämlich 12 Jahre Feine Sahne Fischfilet, feiert sie auch 12 Jahre linke Kultur auf dem Land.

Feine Sahne Fischfilet ist in Mecklenburg-Vorpommern so etwas wie der hartnäckigste Brückenkopf gegen die rechtsextreme Strategie sogenannter National befreiter Zonen, worunter Angsträume für Subkulturen und eine Nazi-Parallelgesellschaft zu verstehen sind, in der Reichsbürger und rechte Terrorgruppen ihren Humus haben.

Wer der Band also wirklich einen Gefallen tun will und ihre Arbeit unterstützen, muss dafür sorgen, dass die lächerliche Beobachtung der Band durch einzelne Ämter für Verfassungsschutz endlich beendet wird, jede Form von kulturellen Institutionen, insbesondere aber die soziokulturellen und subkulturellen Orte, Institutionen im ländlichen Raum sowie in den kleineren und ganz kleinen Städten unterstützt und langfristig abgesichert wird. Dass im Übrigen ein von Feine Sahne Fischfilet organisiertes Festival in Jarmen just an dem Abend einen Musikpreis erhielt, als die Konzertabsage publik wurde, zeigt den Alltag der Band.

Statt sich also jetzt medienwirksam als Best-Buddy von Feine Sahne Fischfilet zu gerieren, kommt es darauf an, viele Feine Sahne Fischfilets aufzutischen.

Dank an Katharina König für Hinweise zum Text.

 
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