MenuMENU

zurück zu Main Labor

26.10.2018, Jamal Tuschick

Sie geht auf eine Klosterschule, obwohl sie Muslima ist. Während die konfessionell anders gebundenen Kinder Jesusbilder anfertigen, malt das erzählende Ich so vor sich hin.

Selten Schnee

 

Eingebetteter Medieninhalt

Sie geht auf eine Klosterschule, obwohl sie Muslima ist. Während die konfessionell anders gebundenen Kinder Jesusbilder anfertigen, malt das erzählende Ich so vor sich hin. Es lebt in einem Haus mit Garten und Pool – und in der Obhut nicht zuletzt von Oma Fatma, die den Koran in jeder freien Minute konsultiert. Auch die Erzählerin wird des Betens nicht müde, möchte sie doch mit Fürbitten ihre christliche Schulleiterin vor der Hölle bewahren.

So beginnt Luna Al-Mouslis Schilderung einer „Kindheit in Damaskus“, die zweisprachig daherkommt: im Tonfall einer Schnurre. Die Autorin erwartet, dass man sie mit dem erzählenden Ich identifiziert. Als Erstgeborene und Tochter eines in einem Töchterbukett vereinzelten Sohnes genießt Luna „besondere Aufmerksamkeit“.

Luna soll gläubig sein, aber nicht alles glauben. Sie erlebt die seltenen Sensationen eines verschneiten Syriens als Durchbrechung der öffentlichen Ordnung. Im Schnee ändert sich alles, auch das Fernsehprogramm.

Die Autorin in ihren eigenen Worten:

„Für mein Diplom musste ich ein Buch gestalten und ich hatte gehofft, jemanden zu finden, der meine Geschichte aufschreibt.“

Da sich niemand fand, schrieb sie selbst ihre Geschichte auf. Welch ein Glück. Al-Mousli erzählt von dem Glück der Normalität vor ihrer Entwurzelung, ohne Aufwand zu treiben. Nie ist Luna allein zuhause. Die Lebhaftigkeit ihrer nach allen Seiten nachgebenden Umgebung wirkt wie eine Hülle – wie eine Versicherung gegen die Vereinzelung in unnachgiebigen Verhältnissen. Am Ende der Geschichte hat Luna die Erfahrungen des Anders- und Alleinseins hinter sich.

Al-Mousli konstatierte an anderer Stelle: „Bis auf meine Großeltern lebt meine Familie nun in der ganzen Welt verteilt. Ich weiß, dass wir uns in der Konstellation meiner Kindheit nie mehr wiedersehen werden.“

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen