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18.05.2018, Jamal Tuschick

Karosh Taha erzählt

Ich muss mich zwingen, Erinnerungen wachzurufen, die dunkel und leise sind, Erinnerungen an den Abschied von meinem Vater, der nach Deutschland ging. Wir standen vor der Haustür, daran erinnere ich mich; meine Eltern umarmten sich, meine Mutter weinte, daran erinnere ich mich, Vater tröstete sie, es würde nicht lange dauern, dann wären wir wieder vereint. An den väterlichen Abschied von mir und von meinen Geschwistern erinnere ich mich nicht, vielleicht beeilte er sich, um uns den Abschied zu erleichtern, anders ist das Fehlen dieser Erinnerung nicht zu erklären.

Mein Vater hatte einen blauen Koffer, daran erinnere ich mich. Er stieg zu einem Freund ins Auto, daran erinnere ich mich. So einfach war es, nach Deutschland zu fahren, dachte ich, so unspektakulär, als würde mein Vater einen Ausflug machen.

Als mein Vater nach Deutschland in Europa ging, so wie viele Väter vor ihm, die nicht nach Amerika wollten, die nach Germany wollten, nach Almania, ein Land, in dessen Umarmung man friedlich schlafen konnte, als mein Vater also nach Deutschland in Europa ging, verlor ich mein Elternhaus. Es wurde vermietet und für uns Zurückgebliebene begann ein Nomadenleben in der Stadt. Wir zogen von einer Mietwohnung in die nächste und mit jedem Umzug kamen die Wände näher, wurde der Boden unebener, der Garten eine dürftige Fläche und schließlich Zement. Im Rückspiegel erscheint der Abstieg steil, aber das ist die erwachsene Sicht auf die Dinge, das soll nicht interessieren. Als Kind behielt ich aus jeder Wohnung die Nachbarkinder in Erinnerung, jedem Nachbarkind versprach ich, in Kontakt zu bleiben und viel wichtiger, jedem Nachbarkind versprach ich, ein Spielzeug aus Deutschland zu schicken, wenn wir endlich von meinem Vater abgeholt werden würden.

Vor einem Mädchen hatte ich aber Angst. Es war puppenfein und still. Melancholie erdrückte es und keiner durfte sich ihm nähern, weil es von einer Djinn-Königin gestillt worden war.

Das Mädchen hieß Dunja. Seine Geschwister erzählten auf der Straße, in einer Nacht wäre eine hochschmale Frau in Weiß zu Dunja geschritten und habe sie gestillt und für Stunden in ihren Armen gewogen. Näherte sich jemand Dunja mit böser Absicht, wurde er bestraft, selbst wenn er aus dem engsten Kreis der Verwandten kam. So brach sich der Vater die Hand, zwei Tage nachdem er Dunja geohrfeigt hatte. Die Schwester rutschte auf der Treppe aus, um eine Schuld zu tilgen. Sie hatte Dunja angeschrien. Einsam, still und fein saß Dunja auf den Stufen vor ihrem Haus und beobachtete uns Kinder beim Spielen. Und wir mieden sie, um von den Djinns nicht bestraft zu werden. Eines Tages würden die Djinns Dunja holen; ich erwartete nicht, von diesem Ereignis zu erfahren im Deutschland meines Vaters.  

Noch war er für mich ein großer Mann. 

Dann kam er und wir gingen mit ihm, meine Mutter, meine Brüder und ich. 

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