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27.10.2018, Jamal Tuschick

Damals dauerte der Flug dreißig Stunden und es gab einen legendären Zwischenstopp auf dem Flughafen von Anchorage, wo präparierte Eisbären Eindruck machten. Vor allem Krankenschwestern und Bergleute ergriffen die Chance, fern der Heimat zu arbeiten.

Verschwiegene Hoffnungen

Nachdenken über die koreanische Diaspora - Von links: Sun-ju Choi, Mira Choi, Heike Berner, Vin Yun, Helena Parada-Kim

Auch sie kamen, um zu bleiben. Das wussten die koreanischen Gastarbeiter*innen so wenig wie jene, deren Wege nach Deutschland kürzer waren. Damals dauerte der Flug dreißig Stunden und es gab einen legendären Zwischenstopp auf dem Flughafen von Anchorage, wo präparierte Eisbären Eindruck machten. Vor allem Krankenschwestern und Bergleute ergriffen mit verschwiegenen Hoffnungen die Chance, fern der Heimat zu arbeiten. Es gab das klassische „Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und Korea“ - eine 1963 beschlossene Vereinbarung über die Modalitäten vorübergehender Beschäftigung. Den Regelungen zuvor gekommen waren Koreaner*innen seit den ausgehenden 1950er Jahren.

Heike Berner hat Nachkommen der Einwanderer interviewt und die Einlassungen literarisierst. So entstand „etwas zwischen Interviews und Erzählungen“.

„Ich habe die Texte geschrieben, aber das sind nicht meine Geschichten“

In einem Kreis von Autor*innen stellte Berner die hochinteressante Untersuchung im Kreuzberger Südblock vor. Neben ihr lasen Sun-ju Choi,Mira Choi, Vin Yun, Helena Parada-Kim.

Mira Choi erzählt, wie ihre Mutter als gelernte Hebamme sie ohne Hilfe entband. Die Mutter sei mit der Hoffnung nach Deutschland gekommen, da Medizin studieren zu können. Choi erinnert daran, dass man nicht einfach Korea Ade sagen konnte. Man brauchte eine Einladung, um ein Visum zu erhalten. Chois Mutter landete in Duisburg und delegierte ihren Ehrgeiz an die Tochter, die den Traum der Mutter wahr machte und Ärztin wurde.

Heike Berner, „ISE - Erzählungen von koreanischen Deutschen der zweiten Generation“, Tübinger Reihe für Koreastudien, Bd. 3, hrsg. von You Jae Lee, ISBN 978-3-86205-562-3, 198 Seiten, 24,-

Wie verortet sich die zweite Generation koreanischstämmiger Menschen („Ise“) in Deutschland? In zehn Erzählungen, die aus Oral-History-Interviews mit Menschen entstanden sind, die zwischen 1969 und 1989 als Kinder koreanischer Einwanderer und Einwanderinnen geboren wurden, wird dieser Frage nachgegangen. Es sind sehr individuelle Geschichten, die vom Heranwachsen im Deutschland der 1970er- bis 1990er-Jahre handeln. Sie zeigen das stetige Aushandeln von fremd- und selbstbestimmten Identitäten und beschreiben, wie sich die inzwischen erwachsenen Ise zwischen Ausnahme und Normalität, zwischen „Ausländer“- und Deutschsein, zwischen Deutschland und Korea positionieren. Die Erzählungen stellen gefestigte Vorstellungen von „deutschen“ und „koreanischen“ Identitäten infrage und zeigen die Vielfalt der Erfahrungen der zweiten Generation. Zugleich dokumentieren sie eine bisher weitgehend unbekannt gebliebene Facette der koreanischen wie auch deutschen Migrationsgeschichte. Die Idee zu diesem Buch gab es schon lange, konkrete Formen nahm es 2014 an. Der Ausgangspunkt war ein persönlicher: Ich wollte wissen, wie es für andere Ise war, in Deutschland aufzuwachsen. Es brauchte einige Umwege, um an diesem Punkt anzukommen: Nachdem vor und während des Studiums andere Themen für mich wichtig waren, begann ich mit Mitte 20, mich mehr für Korea zu interessieren. Als Amerikanistin näherte ich mich der koreanischen Migrationsgeschichte über die USA an, indem ich mich in meiner Dissertation mit der koreanischen Diaspora in den Vereinigten Staaten auseinandersetzte. So begann ich, nicht nur viel über koreanische (Migrations-)Geschichte zu lernen, sondern auch ihren Stellenwert sowohl im Herkunfts- als auch im Zielland der Migration zu erkennen. Inhaltlich kehrte ich im Anschluss nach Deutschland zurück und gab gemeinsam mit Sun-ju Choi und der Koreanischen Frauengruppe das Buch „Zuhause“ heraus, in dem die Lebensgeschichten von Frauen aus der ersten Generation geschildert werden. Danach hatte ich weiter, auch wissenschaftlich, mit koreanischer Migrationsgeschichte zu tun und bin mit diesem Buch bei der zweiten Generation und somit auch bei einem Teil meiner eigenen Geschichte gelandet. Die Umwege waren nützlich, da ich auf diese Weise die Kontexte für mich erarbeiten und erschließen konnte. Sie sind aber auch – wie viele der hier versammelten Texte zeigen – in gewisser Weise typisch für die Beschäftigung der zweiten Generation mit sich selbst und ihrem koreanischen Hintergrund. (Aus dem Vorwort)

Man habe über Integration nicht nachgedacht. Es gab kein Gespräch zwischen den Generationen und wenn man sich nah kam, dann mit fürsorglichen Absichten in einem robusten Rahmen. Gut versorgt war jeder, der ein Dach über dem Kopf hatte, genug zu essen und ordentliche Kleidung.

Die Identitätsfrage musste sich jeder selbst beantworten.

Vom Rassismus wurde man gestreift und selten richtig erwischt. Man hielt sich zurück, blieb für sich - und so es eine koreanische Gemeinde gab, ging man darin auf.

Es gab koreanischen Frauenrechtsaktivistinnen. Deren Kinder waren dem Verdacht ausgesetzt, Kommunisten zu sein.

Der Untergrundbischof Pierre Grammont

Das ostdeutsche Äquivalent dokumentiert der Film Verliebt, verlobt, verloren.

Kein Film ist in der Kamera, mit der ein Mann, die Ankunft seiner Tochter auf der Welt dann doch nicht festhält. Trotzdem wird es für Helena Parada-Kim ein Leben lang so sein, als sei bereits ihre Geburt filmreif gewesen. In einer prosaischen Zusammenfassung ist Helena die Tochter einer katholischen koreanischen Krankenschwester …

die katholische Mission erreichte Korea erst 1794 auf Geheiß von Papst Pius VI. als geheimes Kommandounternehmen. Der James Bond des Vatikans hieß Pierre Grammont. Der Bischof wirkte im Untergrund. Das prägte die Gemeinde. Die Gläubigen fühlen sich gleichzeitig auserwählt und stigmatisiert. Sie leben im ewigen Wind von Dangjin. Der Wind fegt durch die Glockentürme einer katholischen Kirche. Die Kirche von Hapdeok wurde 1929 zum Trotz der Christenverfolgung erbaut. Sie ist ein Kristallisationspunkt des koreanischen Katholizismus in der Provinz Süd-Chungcheong …

und eines spanischen Pflegers. Aber dieser Pfleger hat es in sich. Der Mann aus Salamanca ist Theologe und war Mönch. Er hat in Mexiko missioniert. Er lebte im Zölibat, bis er sich in Helenas Mutter verliebte.

„Sie fand ihn exotisch.“

Er sie bestimmt auch.

Man richtet sich im Kreis der Köln-Riehler Heimstätten ein. Der Spanier fühlt sich in der Gesellschaft von Koreanern wohler als unter Deutschen. Die in Deutschland geborene koreanisch-spanische Helena wächst in einer Diasporagemeinschaft auf.

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