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27.10.2018, Jamal Tuschick

Eine Geschichte der Gastarbeit in Osthessen VIII. Folge

Gefolgschaftliche Übernahme

Harry Rowohlt und Ingomar von Kieseritzky unterstützten die Ermittlungen.

Der auf einem osthessischen Knick in einer Enge zwischen Thüringen und Franken ansässige Unternehmer Amiran Vanilisi beschäftigt fast ausschließlich Migranten in seiner Fabrik für Schuhbodenteile. Seine Vorfahren flohen von einem Ufer zum anderen aus Georgien in die Türkei und bildeten da die nicht anerkannte Minderheit der Lasen. Das sind in der Mehrzahl sunnitische Muslime, vereinzelt auch orthodoxe Christen. Die kulturellen Trennlinien verlaufen umgekehrt proportional zu den Demarkationen zwischen den christlichen und den muslimischen Armeniern (Hemşinli), die sich in den gleichen Gebieten ausdifferenziert haben. Amirans Vorfahren stammen bis zur Generation seiner Eltern ausnahmslos aus der Provinz Düzce. Obwohl sie mit keiner markanten Ethnie auf dem Staatsgebiet der Türkei verwandt sind, nimmt man sie als Türken wahr.

Die Geschichte der Gastarbeit muss noch geschrieben werden.

Eingebetteter Medieninhalt

Großvater hätte die Fabrik nie übernommen, wäre der Fabrikgründer kein so schräger Vogel gewesen. Der Aschaffenburger Fuhrmann Anton Schlosser lebte am Durchschnitt vorbei. Er und seine Familie wurden in Finkenherd beobachtet, als Städter in einem ländlichen Milieu und als sektiererisch Gläubige mit verdächtigen Zusammenkünften unter zünftigen Katholiken, die Rutengänger und Geistheiler für Satans Verbündete halten. Schlosser zog eine Schleppe des Misstrauens hinter sich her. Sein vulkanisches Wesen erschütterte eine wie in Stein gehauene Ordnung. Man rieb sich an dem Unternehmer, der mit seinem Erfolg Fremde dazu einlud, Claims in einem Gebiet abzustecken, auf das lange nur eine Handvoll scharfzüngiger Eingesessener Zugriff gehabt hatte.

Schlosser überwarf sich dann aber auch mit seinen Nachkommen, bis keiner mehr unter seiner Fuchtel stand und nur noch der Eismann zu ihm hielt. Das war Großvaters Kriegsname in der Zeit der Dachlattenschlägereien. Großvater war so etwas wie ein Großknecht, Herr des Gesindes, aber dann auch wieder so unterwürfig (als von Geburt an Unterworfener im Reich eines türkischen Gutsherrn), dass er sich duzen ließ von einem, den er siezte.

Großvater übernahm nicht herrschaftlich, sondern gefolgschaftlich. Er war der Anführer des Gefolges und er wusste sehr wohl, dass die Gefolgsleute lediglich für ihre Fürsten, nicht aber um den Sieg kämpfen. Ihre Abhängigkeit definiert sie. Ihre Referenz ist der Fürst, nicht der Sieg. Nicht umsonst hießen die japanischen Ritter als Galionsfiguren des Gefolgschaftswesens Bushi. Das benennt einen Dienenden. Bushido ist folglich der Weg des Dieners, nicht des Kriegers. Gehorsam war wichtiger als Begabung und Loyalität der Systemschlüssel.

Ein Gefolgsmann, der um den Sieg kämpft, ist ein Rivale seines Fürsten. Ihn belasten drei Faktoren. Er kann körperlich und sozial verletzt werden und er kann die Sache des Fürsten verbocken.

Der alte Lase wurde für den alten Franken zum Rivalen, als er begriff, dass Schlossers großartig wirkende Position entblößt war. Da täuschte ein Scheinriese Standfestigkeit vor. Mit dieser Erkenntnis verband sich ein Totalverlust der Loyalität.

Es gibt einen Mitschnitt. Schlosser hat ein Selbstgespräch meines Großvaters aufzeichnen lassen; wir fanden die Konserve in einer Schublade seines Schreibtischs. Schlosser war zwar nach der Abhöraktion nicht klüger als vorher gewesen, doch kannte er von da an wenigstens sein Schicksal. Die Asozialen der Gegend kletteten an Schlosser. Für ihn arbeiteten Leute aus Tagelöhnerdynastien, die nachts rund um die Fabrik in die Büsche kackten.

Auch Vater war ein Erfinder. Seine Verbesserungen im Maschinenraum erinnern mich jeden Tag an das Unrecht, das in der Rolle lag, die zu spielen ihm übrigblieb. Auch Vater war eine treibende Kraft. Jeder Zug, der seine Bestimmung bewies, vergrößerte die Einsamkeit. Sein Vater behandelte ihn wie ein Geschöpf, dessen Bedeutung sich in seinem Nutzen erschöpft.

Auf den Starschnitten der Siebziger stehen alle Musiker auf massiven Sockelsohlen. Die produzierten wir dann auch. Ich erinnere mich an Jahrzehnte in Spinden hängengebliebene Starschnitte von Abba, Gary Glitter, Alice Cooper, The Sweet, The Slade, T. Rex und Suzie Quatro.

Neben den Plateauabsätzen nahm Vater Einlagen im Programm auf. Die Einlagen nötigten ihn zur Erschließung neuer Absatzwege. Er meldete sich bei orthopädischen Schuhmachermeistern und besuchte Sanitätshäuser. Als der Kasten wieder einmal vor der Pleite stand, kam die Rettung von dort. Ein bayrischer Meister Eder, der gern alle und alles anfasste und sich erklären ließ und seine Nase zwanghaft in Angelegenheiten anderer Leute steckte, versuchte Vater für einen Gesundheitsschuhbodenkomponentenbau zu erwärmen, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte. Der Handwerker hatte begriffen, dass viel Handarbeit bei der Herstellung eines Gesundheitsschuhs keine Meisterqualifikation braucht und folglich der Schuh in verkappter Weise zu teuer produziert wird. Vater zeigte sich skeptisch, ihm waren die Margen zu gering. Die Fabrik auf millionenfachen Ausstoß eingestellt, der Betrieb widerstand Umstellungen und Anpassungen im Kleinbereich. So wie man sich auf kein Dreirad mehr setzt, wenn man erst mal Fahrrad fahren kann. Vater wollte nicht. Vielleicht fühlte er sich von dem Potential eines anderen Meisters in seiner Gewichtsklasse herausgefordert.

Ich witterte eine Chance, meine erste Marke abzusetzen und meinen Willen zur Macht dem Betriebsprofil einzuprägen. Ich unterbreitete Vater Vorschläge zur Erweiterung unserer Produktion. Der Konfliktscheue antwortete mit einem verbalen Achselzucken: „Wenn du nach der Arbeit noch genug Energie für ein Hobby hast, kannst du ab acht von mir aus experimentieren bis in die Puppen.“

Die Bemerkung sollte mich entmutigen. Ich nahm sie als Ermutigung, sogar mit auffordernden, zumindest herausfordernden Akzenten. Ich verstand Vater nicht absichtlich falsch. Obwohl ich wusste, dass Hobby für ihn ein Schimpfwort war. Er verachtete das Freizeitverhalten anderer Selbständiger, die es genossen, nach einem Sieg über die Konkurrenz sich an der Bar des 1. TCF (Tennis Club Finkenherd) mit Gin Tonic abzudichten.

Wir haben schon darüber geredet. Ich habe nicht Fußball gespielt und nicht geboxt oder gerungen oder was Asiatisches gelernt so wie die anderen „Türken“, sondern ich bin in der Konsequenz einer strategischen Entscheidung und nach Absprache mit meinem Bruder standesgemäß TCF-Mitglied geworden, als erster „Türke“ im Club. Inzwischen stellen die ethnisch Differenten ein Drittel der Aktiven.

Außer Vater begriff die Clubmitgliedschaft kein Mensch als Hobby. Tennis setzte wirtschaftliches Handeln mit anderen Mitteln fort. Die richtigen Leute trafen sich im Club und verbesserten ihre Skills im entspannten Wettbewerb.

Tennis gehört in Finkenherd nach wie vor zu einer mittelständigen Existenz, genauso wie privater Musikunterricht für den Nachwuchs der Einwanderer aus den GUS-Staaten, die gern mit Russlanddeutschen verwechselt werden und inzwischen für die Drecksarbeit landmannschaftlich diverse Muskelverbrecherkartelle einsetzen. Ich komme noch darauf zurück. Wir leben in unruhigen Zeiten und für viele ist der Rechtsstaat nur noch eine Hohlform, die sie mit privater Gewalt illegal ausfüllen. Während Anton Schlosser zu seiner Zeit vor lauter ins Schloss gefallenen Türen stand, bilde ich mit meiner Familie und meinen Leuten eine genauso uneinnehmbare wie unsichtbare Festung. Mein Konzept basiert auf einer babylonischen Überlieferung. Dazu morgen mehr.

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