MenuMENU

zurück zu Main Labor

31.10.2018, Jamal Tuschick

Im Kampf gegen die Tyrannei bewähren sich zivilradikale Widerstandsformate im Geist der Graswurzelrevolution

Störung der bürgerlichen Selbstzufriedenheit

Kletten ist eine graswurzelrevolutionäre Widerstandsform. Angeblich hat man mit Kletten den Bau eines Flughafens in der Nähe von Nantes verhindert. Ich weiß nicht, was Kletten ist. Google weiß es auch nicht. Um meine Ahnungslosigkeit nicht zur Schau zu stellen, unterlasse ich es, mich von der schicken Revolutionärin schräg hinter mir aktualisieren zu lassen. Sie ist die einzige Zuhörerin mit einem Haarschnitt. Alle anderen sind Abgesunkene, abgesehen von mir, und sehen so grau aus wie unsanierte Berliner Hinterhöfe im November, wenn ein böser Wind um die Ecken streicht. Sie liegen mehr als sie sitzen und erfüllen so leger den Raum mit dem Protest der Deodorantverweigerer. Der Referent führt ein Beispiel für gewaltlosen Widerstand im Massif Central an, wo Bauern fünftausend Juden vor faschistischen Schergen in Schutz nahmen. Pierre Sommermeyer ist der Sohn von Leuten, die ihr Überleben der Resistance verdanken. Er gehört zu den Herausgebern einer Dokumentation über gewaltfrei-revolutionäre Massenbewegungen in arabischen und islamischen Gesellschaften. Der Referent stellt den Sammelband vor, und ich erinnere mich an meine Zeit bei Graswurzelrevolutionären auf dem Kasseler Lindenberg. Ich war vier und viel mehr der Enkel eines Mannes mit enormer Bugwelle als der Sohn meiner Eltern. Mein Vater steckte noch in der Ausbildung, wir waren arm wie die Kirchenmäuse, lebten aber lustig in Mansarden. In unserer ersten Mansarde stand die Badewanne in der Küche. Abgedeckt mit einer Platte verwandelte sie sich in den Esstisch. Mein Vater war dritte Generation Kasseler SPD (damals noch eine Arbeiterpartei) und deshalb verbunden mit den lokalen Gewerkschaftsführern und Ostermarschorganisatoren. Eine Arbeitslosenkooperative hatte in den frühen Dreißigerjahren eine Siedlung gebaut und so bewiesen, dass man damals ohne Geld Eigentum erwerben konnte. Auch die Graswurzelaktivisten kamen aus dieser Eigenmächtigkeit des gemeinschaftlichen Hausbaus in gesunden Lagen. Ökologische Gesichtspunkte waren zentral. Diese Leute bewirtschafteten nicht nur große Gärten und unternahmen genossenschaftliche Wanderungen im Habichtswald, sie bemusterten sich auch gegenseitig mit den Samen von Heilpflanzen. Das waren Beerendoktoren. So war das auch bei unseren Hauswirten auf dem Lindenberg. Sie lebten mit einem verschwiegenen Irrwitz und einer inneren Reserve gegen das gesellschaftlich Vorherrschende. Sie hatten eine Tochter, die ich gemeinsam mit ihrem Mann, Jahrzehnte lang jedes Jahr zur Frankfurter Buchmesse wiedersah. Während ich von Party zu Party vorrückte, standen sie in der Oktoberkälte vor der Messehalle und bewachten ihren Graswurzelstand.

Morgen mehr.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen