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02.11.2018, Jamal Tuschick

Paul war verheiratet und Vorsitzender des Festausschusses, Finkenherds drittwichtigstem Zusammenschluss. Er warb offensiv um Marion, sie ging so weit, sich mit mir zu beraten und ich ging so weit, sie zu ermutigen. Sie ging dann unter Aufsicht fremd. Meine Eifersucht brachte mich fast um. Andererseits machte der Liebhaber Marion so scharf, dass die Reste besser schmeckten als vorher oft das ganze Gericht.

Ausgerechnet Paul

Der auf einem osthessischen Knick in einer Enge zwischen Thüringen und Franken ansässige Unternehmer Amiran Vanilisi beschäftigt fast ausschließlich Migranten in seiner Fabrik für Schuhbodenteile. Seine Vorfahren flohen von einem Ufer zum anderen aus Georgien in die Türkei und bildeten da die nicht anerkannte Minderheit der Lasen. Das sind in der Mehrzahl sunnitische Muslime, vereinzelt auch orthodoxe Christen. Die kulturellen Trennlinien verlaufen umgekehrt proportional zu den Demarkationen zwischen den christlichen und den muslimischen Armeniern (Hemşinli), die sich in den gleichen Gebieten ausdifferenziert haben. Amirans Vorfahren stammen bis zur Generation seiner Eltern ausnahmslos aus der Provinz Düzce. Obwohl sie mit keiner markanten Ethnie auf dem Staatsgebiet der Türkei verwandt sind, nimmt man sie als Türken wahr.

Die Geschichte der Gastarbeit muss noch geschrieben werden. 

Eingebetteter Medieninhalt

Wie viel glücklicher hätten wir sein können, wenn ich nach der Arbeit sonst wohin nach Hause gekommen wäre. Ich glaubte so lange Marions Bestimmung zu sein, bis sie es selbst glaubte. Ich unterwarf sie dem Regime meiner eigenen Abrichtung. Ich installierte die Konstellation des Unglücks meiner Eltern. Wir setzten unsere drei Kinder in die Welt und spielten die Kugeln unserer Enttäuschungen über Bande.

Zur Erinnerung

Marion hasste den Kasten. Sie hatte mich nach der Hochzeit gebeten, nicht im Unternehmerhaushalt meiner Eltern durch den Fleischwolf eines Lebens ohne Feierabend gedreht zu werden. Ich hatte sie genötigt und bequatscht, sie rächte sich mit spitzen Bemerkungen. Sie holte mich vom hohen Prinzenross.

Gemeinsam wurden wir da schwerfällig und nachtragend, wo wir einmal leichten Herzens gewesen waren. Von Mutter lernte Marion, wie man mich lenkt. Sie musste nur meine Einwände und Ausflüchte ignorieren und aus ihren Forderungen eine Litanei machen.

Ich zerriss mich, sobald es um die Fabrik und die Familie ging. Ich dachte, irgendwer muss den Laden zusammenhalten, und wer, wenn nicht ich. Mein Bruder Levan war aus dem vollen Lauf der Jugend mit Anfang Zwanzig schlagartig zu einem alten kranken Mann geworden. Er übertraf unseren Vater an Erbärmlichkeit. Seine Fußballfreunde liefen in Trikots mit unserem Firmenlogo auf. Mainschuh hatte etwas Besseres verdient, als von dieser Gurkentruppe repräsentiert zu werden.

Levans Herz hängt an der Kreisklasse. Er ist der Typ, der sich immer irgendwo abstützt, weil ihm das eigene Gewicht zu viel ist. Er sucht die Gesellschaft von Leuten, die ihm nichts abverlangen und ihm nach dem Mund reden, weil er am Ende mit dem größeren Auto vom Parkplatz fährt. Weil er ein Vanilisi ist. Vielleicht sogar auch deshalb, weil er mal ein guter Spieler war. Er konnte das alles, Billard, Karten, an Autos rumschrauben und bei Schlägereien die Oberhand behalten.

Levan hat seine Ausbildung im Kasten gemacht und es genossen, der Sohn vom Chef zu sein. Jetzt ist er der Bruder vom Chef und genießt nichts mehr.

Nie wieder Offenbach

Entnervt flog ich zu einer Messe nach Sankt Petersburg. Am Stand holte mich etwas aus dem Nichts von den Füßen. Als ich wieder zu mir kam, war ich halbseitig gelähmt. Der Arzt diagnostizierte einen Schlaganfall. Er bot mir eine Wette mit dem Tod an und ich schlug ein.

Ich spielte Russisch Roulette und gewann die Wiederherstellung sämtlicher Funktionen in vierundzwanzig Stunden mit einem Medikament, das in Deutschland nicht zugelassen ist. Die Blitzgenesung erlebte ich in einer Klinik mit der Ausstattung eines Fünfsternehotels. Ich hatte eine Schwester für mich allein. Ihr Dekolleté half mir gesund zu werden.

Ich kehrte an den Messestand zurück und überstand auch noch einen Wodkaabend als hochgedopter Rekonvaleszent. Mich hatte eine Entscheidung gerettet, die in sieben von zehn Fällen zum Tod führte. Die Alternative hätte mich auf keinen Fall umgebracht, aber auch die Lähmung nicht beseitigt. Mein Mut war belohnt worden. Ich fühlte mich titanisch. Auf dem Heimflug beschloss ich, der Langeweile ein grausames Ende zu bereiten. Ich konfrontierte Marion mit dem Entschluss, kaum dass ich im Kasten angekommen war. Ich setzte ihr eine Frist von drei Monaten. Ich hatte sie in Verhältnissen festgehalten, die sie ablehnte(n), jetzt schmiss ich sie raus.

Das war unverzeihlich.

Marion versuchte mich mit meinem eigenen Text weich zu kochen. Was uns verbindet, ist Fügung. Wir gehören zusammen nach einem kosmischen Konzept, das sich erst mir und dann Marion offenbarte. Dagegen anzugehen bedeutete, sich gegen die stärksten Lebenskräfte zu versündigen. Ich gab Marion recht, nur meine Gefühle gingen nicht mit. Meine Gefühle zogen mich in den Flausch einer Offenbacher Zweizimmerwohnung voller verlockender Düfte und rührend zusammengetragenen Nippes. Das Arrangierte war natürlich genau das, was ich bei Marion ausgeschlagen hatte, weil die Vision sie mir als Bewohnerin des Kastens gezeigt hatte.

Ich ließ Offenbach sausen und suchte noch einmal den Anschluss an meine Einheit. Das Leben band mir den Hafersack der Genügsamkeit immer fester um. Ich bekam in jeder Hinsicht gerade genug, um nicht seelisch zu kollabieren. Ich hielt mich an Durchhalteparolen. Es gab Schönes mit den Kindern. Ich war der Bezwinger ihrer Ängste. Ich konnte Dämonen von ihnen fernhalten. Mir war auch der Blick für Marions Schönheit nicht verstellt. Ich erkannte in ihr weiterhin mein Ideal. Ab und zu erreichten wir gemeinsam die Schlossstraße meines erotischen Multiplex, in dem Filme im Hollywoodformat gezeigt wurden.

Marions spukhafte Bereitschaft, sexuell nicht nur die Gemüsesuppe für unter der Woche auszuteilen, blieb rätselhaft. Dann löste sich etwas, die Verbindung leierte aus. Nun fing Marion an, sich zu verlieben. Die furchtbarste Zeit brach an. Ich reduzierte mich und machte mich zu einem Bettler mit viel Geld. Ich bewirtete meine Familie wie eine Besatzungsmacht.

Ausgerechnet Paul. Er war verheiratet und Vorsitzender des Festausschusses, Finkenherds drittwichtigstem Zusammenschluss. Er warb offensiv um Marion, sie ging so weit, sich mit mir zu beraten und ich ging so weit, sie zu ermutigen. Sie ging dann unter Aufsicht fremd. Meine Eifersucht brachte mich fast um. Andererseits machte der Liebhaber Marion so scharf, dass die Reste besser schmeckten als vorher oft das ganze Gericht.

Mittags hatte sie sportlichen Sex mit Paul und abends saßen die zerpflückten Ehepaare zusammen in einer Ausschusssitzung. Marion saß da eine Rugbyspielerin nach der Partie. Ich hätte das besser ertragen, wären nicht so viele Beziehungsrechnungen offen gewesen. Endlich fiel ein Satz, den ich wie einen Tritt in den Abgrund empfand: „Paul ist besser im Bett als du.“

Ich ökonomisierte meinen Gefühlshaushalt und übte mich in einer Versachlichung des Schmerzes. Mit letzter Kraft erzwang ich noch einen gemeinsamen Urlaub. Marion und ich hatten ihn mit mehr gutem Willen als Vorfreude geplant. Die Vorbereitungen waren trotzdem nicht frei von Versprechen gewesen. Warum sollten wir uns nicht in einem - den gnädigen Umgang begünstigenden – mediterranen Rahmen wieder zusammenraufen und mehr gönnen als ein soziales Gnadenbrot.

Obwohl Marion den Urlaub im Trennungsschmerz von Paul absolvierte, erschienen wir befreundeten Paaren als liebesaktives Ehepaar. Wir müssen wie verrückt heile Welt gespielt haben, ohne es zu merken. Marion rief im Schlaf nach dem Geliebten. Sie fuhr auf der Heimreise vom Flughafen direkt zu ihm, wo auch immer er steckte. Pauls Haus kann nicht das Ziel gewesen sein. Da saß seine Frau und kochte.

Ich wollte Marion töten. Stattdessen ließ ich mich von einem Arzt ruhigstellen. Er riet zu einer Therapie und machte ein paar deprimierende Vorschläge. Er schien selbst nicht auf der Höhe zu sein. Ich malte mir in dem Behandlungszimmer einem Selbstmord aus, der sich als Autounfall schildern ließ. Das Szenario befriedigte mich stärker als das leiernde Arztgerede.

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