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03.11.2018, Jamal Tuschick

Manche Kinder nutzen besser als andere „die Kräfte des Normalen“. Diese Formel stellt Meg Jay an den Anfang ihrer Darstellung „Die Macht der Kindheit – Wie negative Erfahrungen uns stärker machen“.

Supernormal

Niemand weiß, wie viel Energie manche Leute investieren, nur um normal zu sein. Albert Camus

„Scheidungen sind das häufigste Unglück, mit dem Kinder konfrontiert sind“, behauptet die Professorin für Klinische Psychologie Meg Jay. Jährlich erleben eine Million Kinder die Trennung ihrer Eltern. Der Vorgang stellt die Welt der Kinder auf den Kopf. Die Welt zerbricht vor ihren Augen.

„Jedes vierte Kind lebt mit einem Alkoholiker unter einem Dach. Alkoholismus ist vermutlich die häufigste Krankheit, die Kinder bei einem Elternteil beobachten können.“

Jay nennt Alkoholismus die (nach Depressionen) „zweitschlimmste psychische Störung“ in fortgeschrittenen Gesellschaften. Oft verbindet sich die Störung mit häuslicher Gewalt und Mobbing in der Schule. Doch nicht bei allen Kindern führen „überdurchschnittliche Belastungen“ in eine krisenhafte Existenz. Manche nutzen den Stress zu ihrem Vorteil. Ihr Verhalten geht positiv über die Erwartungen hinaus. Lange glaubte man, dass solche Kinder „Superkräfte“ besitzen. Heute weiß man, dass Resiliente nur besser als andere „die Kräfte des Normalen“ einsetzen. Kurz gesagt, ist das die Formel, die Meg Jay an den Anfang ihrer Darstellung „Die Macht der Kindheit – Wie negative Erfahrungen uns stärker machen“ stellt.

Meg Jay, „Die Macht der Kindheit – Wie negative Erfahrungen uns stärker machen“, Hoffmann und Campe, 458 Seiten, 24,-

Resilienz ist „Supernormalität“. Supernormale okkupieren ihre Wut (die von Freude ohnehin nicht so weit weg ist, wie man landläufig annimmt), um sich da fähig zu fühlen (zu ermächtigen), wo andere Ohnmacht erleben. Unbewusst ergreifen sie Chancen, die jedes Desaster transportiert. Das Gelingen setzt sich im Scheitern fort; nur nicht für jeden. Das ist der sozialevolutionäre Swing. Er erlaubt es uns, schmerzhafte Erfahrungen zu veredeln. Silvia Plath sah ihren Vater sterben, da war sie neun: „Diese neun Jahre sind verschlossen wie ein Schiff in einer Flasche – wunderschön … ein feiner weißer fliegender Mythos.“

Nach diesem Schema lassen sich Verluste in sagenhafte Gewinne verwandeln. Ein Vater wird nach seinem Ableben zum Ahnherrn eines Mythos. Er nutzt sich nicht weiter ab im Alltag. Mit ihm verbinden sich keine Enttäuschungen mehr. Der Vorgang beschreibt die Transformation einer Person in eine Erzählung. Jay versammelt diskursiv eingehegte Beispiele solcher Umwidmungen. Ihre Held*innen heißen Helen, Mara, Sam und Paul, ihre Supernormalität bildet sich oft nicht noch einmal in Hochbegabungsprodukten ab.

Ein Vater verlässt seine Familie und ein Sohn wird damit fertig, indem er sich seine Liebe für den Vater bewahrt. Er muss seine Erinnerungen nicht durch eine Jauche der Missachtung ziehen. Darin liegt die Stärke, die es einem Resilienten erlaubt den Rahmen passend zu machen, so dass man in den Normspuren bleibt.

Das funktioniert auch dann, wenn Eindrücke so stark sind, dass sie „fast eine Narbe im Hirngewebe“ zurücklassen, wie William James der Ältere 1890 bemerkte. Das Bild bestätigte Jean-Martin Charcot: „Schockierende Ereignisse“ können „geradezu verzehrend“ sein, „als wären sie Parasiten des Bewusstseins“. Freud meldete, dass manche Analysanten „größtenteils an Reminiszenzen“ leiden.

Die Kriege des XX. Jahrhunderts lieferten der Forschung die Erkenntnis, dass Liebeskummer so schwer wiegen und ebenso bewusstseinsverändernd wirken kann wie Kriegsgrauen. Entscheidend ist der Informationsgewinn – wir sind nicht auf Glück abonniert, sondern aufs Überleben. Deshalb prägen sich uns schlechte Erfahrungen tiefer ein als gute. Wer das weiß, kann sich vor Trugschlüssen bewahren.

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