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03.11.2018, Jamal Tuschick

Eine Geschichte der Gastarbeit in Osthessen XIV. Folge

Das Höllenfeuer in der Gießerei

Der Bosnier Damir Imamovi war Kadiras Lieblingsmusiker. 

Der auf einem osthessischen Knick in einer Enge zwischen Thüringen und Franken ansässige Unternehmer Amiran Vanilisi beschäftigt fast ausschließlich Migranten in seiner Fabrik für Schuhbodenteile. Seine Vorfahren flohen von einem Ufer zum anderen aus Georgien in die Türkei und bildeten da die nicht anerkannte Minderheit der Lasen. Das sind in der Mehrzahl sunnitische Muslime, vereinzelt auch orthodoxe Christen. Die kulturellen Trennlinien verlaufen umgekehrt proportional zu den Demarkationen zwischen den christlichen und den muslimischen Armeniern (Hemşinli), die sich in den gleichen Gebieten ausdifferenziert haben. Amirans Vorfahren stammen bis zur Generation seiner Eltern ausnahmslos aus der Provinz Düzce. Obwohl sie mit keiner markanten Ethnie auf dem Staatsgebiet der Türkei verwandt sind, nimmt man sie als Türken wahr.

Die Geschichte der Gastarbeit muss noch geschrieben werden.

Eingebetteter Medieninhalt

Aus den Annalen

Anfang der 1950er Jahre zieht der Aschaffenburger Fuhrmann Anton Schlosser in einem Behelfsbau am Rand von Finkenherd eine Holzabsatzproduktion auf. Er macht aus Tagelöhnern Arbeiter in festem Lohn. Zehn Jahre später sind die meisten in einem Verdrängungswettbewerb unterlegen, der robustere und genügsamere Männer aus Spanien, Portugal, Italien, Griechenland und dann auch aus der Türkei an ihre Stellen rücken lässt. Sie bilden den Belegschaftsstamm.

In den frühen Siebzigerjahren kuriert Schlosser ein schlimmes Bein am liebsten auf Gran Canaria. Er verlangt viel Geld für ein Auto, als gerade wenig Geld da ist. Die wirtschaftliche Lage der Firma interessiert ihn nicht mehr. Er fährt auch nicht mehr. Er guckt nur noch von oben auf das Auto. Das sind Betrachtungen am Fenster einer Eigentumswohnung, deren Wert ständig steigt, während überall auf der Insel Betonburgen hochgezogen werden. Schlosser sitzt die Restzeit ohne Freude an seiner Weitsicht ab und kommt lediglich zum Sterben nach Hause. Der Vorgang zieht sich hin. Schlosser erwartet von den letzten im Kasten verbliebenen Nachkommen Unterwerfung, Einsicht in ihre Unzulänglichkeit und Duldung seines Greisengrolls. Nachdem der letzte Erbe verprellt das Weite gesucht hat, wendet sich Schlosser an seinen besten Mann – meinen Großvater. Der alte Lase übernimmt von dem alten Franken just zu der Zeit, als die neue Mode der Plateauabsätze das unternehmerische Konzept von Mainschuh killt. Kulturell und seelisch unverbunden mit der deutsch-europäischen Lebensart, kommt der Analphabet zu seinen Ergebnissen nach einer Odyssee durch Schuhgeschäfte in Fulda, Hünfeld, Alsfeld, Hersfeld und Kassel. In der nordhessischen Metropole (Eigenwerbung) beschließt Großvater Schuhsockel zu produzieren, die wie reflektierende Fußbänke aussehen.

Wer läuft auf so was?

Alle, wie sich bald herausstellen wird. Schlosser erlebt Großvaters Triumph nicht mehr. Beim Streuselkuchen nach der Beerdigung sagt Schlossers älteste Schwester Erna (verh.) Schmidt: „Gut, dass er tot ist.“ Eine ihrer Töchter (Gabi Ziegler) resümiert in einem neuen Kostüm: „Endlich.“

Großvater und Vater schweigen sich aus. Noch einmal sitzen sie da wie Arbeiter am Tisch eines Herrn. Ihre knotigen Hände begraben die Tischplatte. Sie kehren schließlich in den Kasten zurück. Vater verdampft im nächtlichen Akkord. Im Schmelzofen der Gießerei unterhält er sein eigenes Höllenfeuer. Er gießt Formen wie im Fieber. So dicht an der Glut wähnt er sich in Sicherheit.

Es wird viel nachts gearbeitet, wegen des Termindrucks und weil nachts die Stromversorgung besser ist als tagsüber.

In meinem Geburtsjahr, 1988, ist Großvater achtundfünfzig und weit davon entfernt, alt zu sein. Er beherrscht alle. Alle Schlosser, Schmidts und Zieglers sind zufriedengestellt worden mit den Millionen, die zuerst der Absatzmarkt und dann die Geschäfte mit einer polnischen Außenhandelsgesellschaft hergegeben haben. Den wichtigsten Vertrag hat Vater an Land gezogen. Er wird alle sechs Monate neu ausgehandelt, Mainschuh liefert thermoplastischen Kautschuk, dass dem Kriegswaffenkontrollgesetz unterliegt, und deshalb versiegelt transportiert werden muss, an ein gigantisches Werk mit sechsunddreißigtausend Mitarbeitern in der Oberschlesischen Industrieregion (polnisch Górnośląski Okręg Przemysłowy).

Zwei Jahre später bricht das Geschäft mit dem erodierten Ostblock zusammen. Die letzte Kautschuklieferung vergammelt auf einer polnischen Halde. Großmutter siecht klaglos dahin, das herbeigesehnte Ende vollzieht sich im Halbdunkel einer Kammer voller giftiger Gerüche. Schließlich geht es nur noch darum: Wach zu sein mit Schmerzen, die leicht unerträglich werden, oder unterzugehen im Medikamentenschlummer nah der Bewusstlosigkeit. In ihren letzten Tagen blüht sie noch einmal auf. Noch einmal löst sich eine maskenhafte Starre und ihre Züge erinnern an die Farben eines dem zeitigen Verzehr entzogenen Apfels. Als mich verabschiede, nimmt Großmutter mich kaum wahr. Ich entdecke kein Zeichen von Rührung. Das kränkt mich.

Großvater regiert auf einen Schuhmarkt in Agonie, indem er wieder Schuhläden abklappert. Doch diesmal hat er keine Eingebung. Er wird nicht mehr schlau aus der Lage. Trotzdem gibt er das Heft nicht ab. Leute werden entlassen … wieder kommt es zu einer Konsolidierung. Achtzig Prozent der Belegschaft sind nun Eingewanderte aus GUS-Staaten. Diese Russen im weitesten Sinn nutzen die Gravitation von Mainschuh effektiver als alle anderen. Sie bringen den Nachwuchs im Kasten unter. Genossenschaftlich bauen sie Häuser. Sie verwandeln die Brache mit Fabrik in eine Siedlung. Sie sind interessiert und loyal. Sie laden die Unternehmerkinder zu den Geburtstagen ihrer Kinder ein. Allmählich ergibt sich ein Gegengewicht zu dem Finkenherd beherrschenden Gerster-Klan. Wir haben aber auch Kalabresen vor Ort. Wir sind ganz schön divers für ein Kaff in der Pampa.

Der Vierzehnjährige, der ich 2002 bin, darf jederzeit die Autoschlüssel seines im Vorjahr verstorbenen Großvaters vom Brett nehmen und Runden auf dem Hof drehen. Er träumt von Beschleunigung und Geschwindigkeit bei Tempo Fünfundzwanzig. Ein Radiosprecher erzählt dies und das. Das Radio ist ein Blaupunkt mit extra schmaler Blende. Es empfängt Ultrakurzwelle. Ein Lieferwagen rollt vom Hof. In seinem Schlepp werde ich zum öffentlichen Verkehrsteilnehmer.

Der Mercedes fährt sich leicht mit Servolenkung. Mir kommt ein Finkenherder Ureinwohner auf der Bahnhofsstraße in seinem Volkskäfer entgegen - ein verwachsener krankhaft reizbarer Landwirt, später Spross eines Geschlechts, das im Mittelalter seiner Vernichtung entging, als die Pest Finkenherd entvölkerte und nur sechs Fortpflanzungsfähige übrigließ.

Ich rechne ihn zu den Gespenstern meiner frühen Kindheit.

An einer Ampel wartet geduldig ein Onkel auf den Tod. Er wurde aus der Firma gedrängt und dann auch in seinem Elternhaus nicht mehr geduldet. Er hatte seinen eigenen Kopf und wagte den Widerspruch. Er lehnte sich gegen Großvater auf. Man nennt den Renegaten einen Versager. Das ist ein soziales Todesurteil. Sagt Mutter von einem Verwandten, dem mussten wir das Hochzeitsgeld vorschießen, dient die Information einer Vernichtung. Ein mittelloser Hochzeiter wird es nie zu etwas bringen. Das bedeutet, Amiran, lass dich mit dem auf nichts ein. Der goldene Mercedes vor seiner Haustür ist Blendwerk.

Der Onkel gilt so wenig wie ein Mensch fremden Blutes. Wer fremd ist, wohnt auch so in einer umgebauten Scheune oder in einer aufgelassenen Raiffeisenfiliale, die wieder Baracke heißt. Den bewacht ein deutscher Schäferhund. Der wird morgens auf die Baustelle gefahren und abends vor der Barackentür abgesetzt. Er schließt sich am besten freiwillig ein. Sonntags sieht man ihn auf dem Bahnhof. Da ist er angekommen mit seinem Pappkoffer.

Zwei Brüder meines Vaters mussten den Kasten verlassen. Einer lebt nicht mehr. Monate vor seinem Tod wurde eine Lebensversicherung über eine halbe Million fällig. Er hob alles ab, ohne noch in der Lage zu sein, großartig Geld auszugeben. Dennoch fand man nach seinem Tod keine zweitausend Mark. Gewiss werde ich auf das Vermögen stoßen wie auf einen Piratenschatz.

Finkenherd füllt ein Dreieck auf Sand und Lehm. Eingesessene könnten jedem Dahergelaufenen Artefakte aus der Karolinger Zeit zeigen, ihn zum Hügelgrab oder auf die Krimmer Trutz führen und bemerken: Für alt gilt bei uns etwas anderes. Der historische Kern von Finkenherd überformt ein mittelpaläolithisches Camp. Werkzeug, das vor hundertfünfzigtausend Jahren zum Einsatz kam, wurde unserem Boden entnommen. Im Paläolithikum brachten Neandertaler an der Fulda Mammute zur Strecke. Die Fulda war damals so breit wie der Amazonas. Sehenswert ist auch unser wurzelechtes weiterwachsendes Hochmoor.

Ich mache noch mal kurz da weiter, wo ich gestern aufgehört habe. Siehe Ausgerechnet Paul.

Marion zog mit den Kindern aus und Paul zog bald zu ihr. Ich weiß nicht, mit welchen Versprechungen, jedenfalls war auf seiner Seite von Scheidung nicht die Rede. Eines Tages wollte Paul bei sich daheim nur schnell ein paar Sachen holen und kam nicht wieder.

„Ich kenne nur Würmer“, konstatierte Marion. Ihre Beziehung zu Paul schaltete in einen extravaganten On/Off-Modus um. Immer noch sahen sich alle im Komitee.

Zur Erinnerung

Nach einem Schlaganfall in Russland wollte ich mich von meiner Frau trennen und sie vor die Tür setzen. Marion ertrotzte die Fortsetzung der Ehe, bis sie sich in den Faschingsprinzen Paul verliebte. Der Vereinsmeier ist verheiratet, die Paare sitzen pervers im Finkenherder Festausschuss.

Eines Abends versteinerte Pauls Frau bei der Anhörung einer Liebeserklärung ihres Mannes, die nicht für sie bestimmt war. Sie brach sofort auf und wurde im Auto von einem Herzschlag tödlich getroffen. Am nächsten Tag stand Paul mit einem Koffer bei Marion vor der Tür. Was ihm da vorschwebte, verdunstete in der Vereitelung seiner Absichten. Marion wandte sich wieder mir zu. Nur hielt ich mich gerade für verliebt in Daniela. Sie war manisch-depressiv. Vier Wochen später lieferte ich sie bei ihrer Mutter ab. In der Zwischenzeit zog ich mir bei einer Vasektomie einen multiresistenten Keim zu. Meine Hoden schwollen an, eine Orchiektomie erschien unvermeidlich und wurde doch abgewendet.

Mit unternehmerischem Kalkül wandte ich mich Lovescout24 zu. Ich wollte meinen Marktwert erfahren. Sechszehnhundert Interessentinnen signalisierten Interesse. Ich sondierte wie im Fieber. Das überwältigende Angebot legte meine kritischen Instanzen lahm. Eine Weile lebte ich in einer Flirtblase wie in einem surreal illuminierten Labyrinth voller Verheißungen. Alles schien möglich, bis hin zu Verabredungen mit einem halben Dutzend Frauen an einem Tag.

Die Pisten des Wahnsinns mündeten in einer Spur der Normalität. So wie man irgendwann aufhört, Diskotheken abzuklappern und anfängt, aus dem Suff in der Nachbarschaft die richtigen Schlüsse zu ziehen, ernüchterte ich als Teilnehmer an dem virtuellen Liebeswettlauf. Ich reagierte auf die zurückhaltende Performance einer Bosnierin oder Tochter von Bosniern mit deutscher Staatsangehörigkeit – passdeutsch, gefühlsbosnisch. Aber ohne eine Zirkusnummer daraus zu machen. Es ging nur darum, wo kauft man ein, was kommt auf den Tisch, welche Musik hört man.

Ein Funke sprang über. Ich begriff Kadira als alleinerziehende, schwer arbeitende Mutter mit zwei schwierigen Töchtern und einem fragwürdigen Ex-Mann.

Ich vermutete sie in Schwierigkeiten, konnte mir aber nicht vorstellen, welcher Art die Schwierigkeiten waren. Ich bat um ihre Telefonnummer. In den ersten Gesprächen wähnte ich Kadira in einer Grube. Manchmal verstand ich sie überhaupt nicht. Dann kamen bei mir nur Gurgelgeräusche an. Als ich sie zum ersten Mal mit ihren Eltern telefonieren hörte, glaubte ich einer Unterhaltung unter Walen nicht folgen zu können.

Morgen mehr.

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