MenuMENU

zurück zu Main Labor

03.11.2018, Jamal Tuschick

Prosa der Verhältnisse #11 - Ein regelmäßiger Termin im Studio Я des Berliner Maxim Gorki Theaters mit Deniz Utlu. Diesmal war Menekşe Toprak sein Gast.

Prisen des Leichtsinns

Menekşe Toprak, Deniz Utlu

Menekşe Toprak pendelte in ihrer Kindheit und Jugend zwischen Deutschland und der Türkei. Mitunter wird sie in der Türkei als „deutsche“ Schriftstellerin wahrgenommen im Rahmen der Almancılar Zuordnung. Die Einschätzung liefert sich der Forderung nach Unterscheidung aus, denn mit Deutsch ist in diesem Kontext die Türkischstämmigkeit von in Deutschland Ansässigen gemeint. Hält man sich da auf, kommt man schnell da hin, wo Deniz Utlu im Gespräch mit der Toprak am Beispiel von Murathan Mungan feststellte, wie wenig türkisch der in Istanbul geborene arabisch-kurdische, als türkischer Kulturgutlieferant wahrgenommene Schriftsteller und Aktivist ist.

Durch die Erscheinungen der Gegenwartsmigration pulst eine ewige Völkerwanderung als humane Konstante. In einer Geschichte von Toprak sucht Claudia ihren türkischen Erzeuger in der Türkei. Sie hat ihn nie als Vater erlebt, glaubt aber, den Mann als Identitätsfaktor ermitteln zu müssen; natürlich in dem Wahn, dass er Jahrzehnte zurückgehaltene Liebe für sie in seinem Vorrat habe.

Man muss sich selbst noch einmal erschaffen, will man nicht Claudia sein. Fatma hat sich jedenfalls durchgebissen. Die kurdisch-alevitische Heldin in Topraks Roman „Die Geschichte von der Frau, den Männern und den verlorenen Märchen“ kehrt im Alter von siebenunddreißig Jahren unverheiratet und kinderlos in die Türkei zurück und trifft da einen, der sich aufführt wie Kevin Costner als Wolfflüsterer.

Ich weiß nicht mehr, ob das aus dem Gespräch oder aus dem Vortrag, es las Mareike Beykirch einnehmend einen die Phantasie hochfahrenden Text, kam:

Wie klischeehaft Männerrollen sind.

Das ist auf jeden Fall eine Feststellung von Toprak. Kerem trägt sich wie ein Landstreicher und streicht so seine Zugehörigkeit zur gebildeten Mittelschicht heraus. Er kassiert die Prisen des Leichtsinns.  

Fatma fürchtet Hunde, als Erzählerin ist sie eine eher zaghaft Erlebende. Ihre Vergangenheit ruht vulkanisch. Sie verschweigt sich.

Sie kommt aus Istanbul und findet es reizvoll, ihre Urbanität in einem Schäferspiel in der Tradition barocker Bukolik und des Arkadischen zu inszenieren. Sie scheint Spielräume zu haben.

Ist Fatma eine Jetsetterin?

Auf jeden Fall ist sie eine Waise; aufgewachsen in einem Gecekondu – einer illegalen Siedlung. Sie bemerkt ein Kind in einer Regenhaut. Ein Sturm zieht auf. Erinnerungen an Erniedrigungen und Straßenköter, die Gassen kontrollierten, unterstützen die Dramatik des Wetters.

Fatma hat in Potsdam studiert und in Holland gearbeitet.

Die Inselbekanntschaft ist Aktivist. Egal, wen du zurzeit fragst: Was bist du? - Er sagt dir: Ich bin Aktivist.

Was war ein Aktivist früher?

Utlu fragte, ob Familien in der Türkei besser funktionieren als in Westeuropa. Toprak machte dem Gastgeber klar, dass die europäischen Atomisierungen in der Türkei gebietsweise längst bildbestimmend sind. Die Familien werden kleiner und die Scheidungsrate nimmt zu.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen