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04.11.2018, Jamal Tuschick

Eine Geschichte der Gastarbeit in Osthessen XV. Folge

Der amerikanische Dämon

Osthessen

Der auf einem osthessischen Knick in einer Enge zwischen Thüringen und Franken ansässige Unternehmer Amiran Vanilisi beschäftigt fast ausschließlich Migranten in seiner Fabrik für Schuhbodenteile. Seine Vorfahren flohen von einem Ufer zum anderen aus Georgien in die Türkei und bildeten da die nicht anerkannte Minderheit der Lasen. Das sind in der Mehrzahl sunnitische Muslime, vereinzelt auch orthodoxe Christen. Die kulturellen Trennlinien verlaufen umgekehrt proportional zu den Demarkationen zwischen den christlichen und den muslimischen Armeniern (Hemşinli), die sich in den gleichen Gebieten ausdifferenziert haben. Amirans Vorfahren stammen bis zur Generation seiner Eltern ausnahmslos aus der Provinz Düzce. Obwohl sie mit keiner markanten Ethnie auf dem Staatsgebiet der Türkei verwandt sind, nimmt man sie als Türken wahr.

Die Geschichte der Gastarbeit muss noch geschrieben werden.

Eingebetteter Medieninhalt

In einer Broschüre des Fremdenverkehrsamts von 1980 amtiert der Brunnenstein als Keltischer Opferstein. Die dramatisierende Umdeutung verdankt sich Bürgermeister Julius Gerster. Auch Sarah ist eine Gerster. Sie grüßt den Pubertier im Daimler unbefangen oder weggetreten, Amiran ringt sich eine kaum angemessene Geste der Entgegnung ab. Auf der Straße ist er auch im Auto schüchtern. Er hofft, Sarah in der Tanzstunde zu treffen; Förmlichkeit erleichtert den Umgang mit Gleichaltrigen.

Was zuvor geschah

Der Vierzehnjährige darf jederzeit die Schlüssel für den Daimler seines im Vorjahr verstorbenen Großvaters vom Brett nehmen und Runden auf dem Hof drehen. Er träumt von Beschleunigung und Geschwindigkeit bei Tempo Fünfundzwanzig. Ein Radiosprecher erzählt dies und das. Das Radio ist ein Blaupunkt mit extra schmaler Blende. Es empfängt Ultrakurzwelle. Ein Lieferwagen rollt vom Hof. In seinem Schlepp wird Amiran zum öffentlichen Verkehrsteilnehmer.

Der Mercedes fährt sich leicht mit Servolenkung.  

So geht es weiter

Sein Interesse an Mädchen erreicht schmerzhafte Ausmaße. Amiran fürchtet, in die Falle einer seltenen Krankheit getappt zu sein. Ständig muss er sich ins Bad oder in sein Zimmer zurückziehen, um nicht verrückt zu werden.

Sein Fahrverhalten ist vorbildlich. Nichts hat sich ihm so eingeprägt wie das Repertoire eines gewissenhaften Fahrzeugführers. Nichts regt ihn so unmittelbar zur Nachahmung an.

Die Kabine bewahrt den Geruch des alten Lasen, der nie eine Fahrstunde absolviert und seine Fahrtüchtigkeit wie der Enkel auf dem Fabrikhof erworben hatte. Amiran bemerkt auf dem Beifahrersitz eine formlose Kreatur, wie man sie aus dem Film Geisterjäger kennt. Der amerikanische Dämon löst sich in Luft auf.

Die Spritztour bleibt unbemerkt. Amiran taucht im Maschinenraum ab. Er setzt sein Leben im Rhythmus der Anwandlungen seiner Eltern fort. Unzufriedenheit untergräbt den Vater und die Mutter. Vor der totalen Verknöcherung bewahrt sie die Aussicht auf noch mehr Geld. Amiran erscheinen die beiden kalt, fischig und unzuverlässig. Sie haben nicht aus Liebe geheiratet und doch nie etwas anderes erwogen, als eine arrangierte Ehe. Sie sind so überzeugt von dem Modell, dass Amiran und seine Geschwister, die Zwillinge Lika und Levan, sich darauf verlassen können, verheiratet zu werden, wenn sie sich nicht wehren.

Die Deutschen haben das Problem nicht. Amiran möchte trotzdem kein Deutscher sein. Er fühlt sich anders, anders auch als die echten Türken in seiner Schule und in der Gegend. Amiran besucht eine Tanzschule und spielt Tennis im 1. Tennisclub Finkenherd als erster und einziger „Türke“ der Vereinsgeschichte. Man hat ihm da schon für die Verrichtung niedriger Dienste ein Taschengeld angeboten, Amiran hat das nicht nötig.   

Dem Filius lässt sein Vater vom Faktotum ausrichten, dass die Mutter im Haus sei. Die Mutter lebt sich in Krankheiten aus. Zurzeit heißt der Schauplatz ihrer Rekonvaleszenz Schloss Gaibach. Das ist auch nicht typisch für eine „türkische“ Familie; eine Mutter, die sich nicht durch den Schlauch eines totalen Einsatzes ziehen lässt.

Amiran kehrt dem Boten, eine erschütternd saftlose Figur namens Michel, den Rücken zu. Michel wurde beruflich noch nie mit Nachnamen angesprochen. Er ist ein von Kindern geduzter Niemand, der vor einer hochgezogenen Braue davonläuft, um seine dünne Haut zu schützen.

Amiran startet seinen Tagtraumturbo. Der Vater kreuzt auf und scheitert bei dem Versuch, dem Sohn freundliche Aufmerksamkeit als Gratifikation zukommen zu lassen. Er musste zu viel einstecken, um die eigenen Verluste nicht stets zu bedenken und zu berechnen. Für Vater gab es nur Volksschule.

Kinder verpassten ihm den Indianernamen Auf Wunsch. Er kürzte eine Floskel ab, mit denen sie auf den Höfen gehalten wurden: Auf Wunsch des Vaters wird … vom Unterricht befreit. Das Kindeswohl war dem alten Lasen egal. Er hatte einen Knecht und zwei Renegaten gezeugt. Er verstand sich auf die Nutzung aller Kräfte in Reichweite, nicht aber auf die Verschleierung der zynischen Formate.

Die väterliche Unbeholfenheit macht Amiran wütend. Man sollte keine Kinder in die Welt setzen und so tun, als könne man ein erwachsenes Leben führen, wenn man nichts in den Griff kriegt. Die Fabrik gehört ihm und er verhält sich wie ein Produktionshelfer. Amiran hasst das süffisante Lächeln, mit dem Vater Überlegenheit vortäuscht und die Verachtung für einen Ausschuss produzierenden, jede Schuld von sich weisenden Arbeiter kaschiert.

Der Vater lächelt seine mit Ärger gepaarte Geringschätzung weg. Er hat trotzdem keine Chance, dem Spottgericht der Arbeiter zu entgehen. Sie werden ihn heute Abend in der „Drehscheibe“ oder gleich in ihren beheizbaren Nasszellen und maroden Elternhäusern herabsetzen und sich über den Kanaken erheben.

Für Vater gibt es keine Erleichterung. Er trägt Krawatte und ein steif gebügeltes Button-Down-Hemd unter dem grauen Kittel. Er sieht viel widerstandsfähiger und glücklicher aus als er ist. Die Gedanken und Gefühle sind frei. Wie es in einem aussieht, geht keinen etwas an. Vater steht vor seinem größten Feind und möchte ihm vertrauen. Amiran möchte ihm eine reinhauen. Er streckt sich in dem Verlangen nach physischer Dominanz. Er macht einen Schritt auf Vater zu und nimmt ihm Raum.

Vater steckt in der Klemme. Er begreift das nicht.

Amiran sieht Levan im Treppenhaus. Der Bruder kniet im Freiraum unter dem tiefsten Aufgang und stößt Verwünschungen aus. Er betreibt Blasphemie wie ein vom Wahnsinn in die Gosse Getriebener. Er verflucht den Vater und die Fabrik.

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