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04.11.2018, Jamal Tuschick

Auf besonderen Wunsch präsentiert das Mainlabor den neuen Roman von Luna Al-Mousli - Als Oma, Gott und Britney sich im Wohnzimmer trafen, oder: Der Islam und ich - auf sagenhaften dreizehn Seiten.

Zocken mit Opa

Luna Al-Mousli

Das neue Buch von Luna Al-Mousli ist da! 

Nach dem Erfolgsbuch Eine Träne. Ein Lächeln. Meine Kindheit in Damaskus neue Erinnerungen an eine Kindheit zwischen Ost und West,
dem Ruf des Muezzin und den neuesten Hits von Britney Spears, zwischen unzähligen Cousinen und Cousins, Haribo und Ramadan, unverheirateten Tanten und einem sprechenden Papagei.

»Luna Al-Mouslis Geschichten sind so rührend komisch, dass sie während der Lektüre ein Lächeln ins Gesicht zaubern.« Buchkultur

Auszug aus: Als Oma, Gott und Britney sich im Wohnzimmer trafen, oder: Der Islam und ich © weissbooks.w, 2018

Ob Frühling, Sommer, Herbst oder Winter, Opa Najm blieb auf dem Land bei seinen Blumen und Bäumen. Außer zum Ramadan. Der Fastenmonat Ramadan bildet die vierte Säule des Islam und ist auch der einzige Monatsname, den ich mir vom islamischen Mondkalender gemerkt habe. Mich nach dem Mondkalender zu richten, fiel mir schwer. Denn im Gegensatz zum gregorianischen Kalender verschob sich alles ständig. Daher fasteten wir auch jedes Jahr zehn Tage früher als im Vorjahr.

Zum Ramadan zog also selbst Opa für einen Monat zu uns nach Damaskus in die Stadt. Wer wollte schon Ramadan alleine verbringen und alleine fasten? Er hätte alles verpasst, was diesen Monat besonders und erträglicher machte. Als ich noch ganz klein war, beobachtete ich, wie die Erwachsenen fasteten, und half bei der Zubereitung des Iftār. Ich wollte eines Tages auch so fasten wie sie, obwohl ich nicht ganz verstand, was sie da genau taten. Das lernte ich erst viel später. Nachdem man von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf Essen und Trinken verzichtet hat, folgt das Iftār, das Fastenbrechen, die große, gemeinsam eingenommene Mahlzeit nach Sonnenuntergang. Im Fastenmonat ließen sich viele Veränderungen beobachten. Plötzlich wurden alle ruhiger. Plötzlich wurden alle gläubiger. Plötzlich wurden alle aufmerksamer, gegen Abend jedoch auch zunehmend gereizter. 

Mittags war die Wohnung mucksmäuschenstill, alle hatten sich für ein Mittagsschläfchen hingelegt, um die letzten Energiereserven zu sammeln, sodass dem großen Kochen später nichts im Wege stand. Bis dahin war die Küche aber wie verlassen. Erst kurz vor Sonnenuntergang wurde sie zum Mittelpunkt des Geschehens. Plötzlich hielten sich alle in diesem kleinen Raum auf und hatten eine gemeinsame Mission zu erfüllen – das Essen rechtzeitig zum Iftār fertig zu haben und zu servieren. Die Gerichte durften weder zu kalt noch zu heiß sein, sonst konnte man ja nicht gleich mit dem Essen anfangen.

Bereits am Vortag machten sich meine Oma, meine Mama und Amme Samira Gedanken darüber, was sie zum Iftār kochen könnten. Sie sammelten Ideen, fragten nach den Wünschen aller Familienmitglieder und erkundigten sich sogar, was Freunde und Nachbarn in den letzten Tagen gegessen hatten. Rechtzeitig wurden die fehlenden Zutaten im kleinen Supermarkt nebenan gekauft oder aus dem Abstellraum geholt, der sich in einer Zwischenetage über der Küche befand. Meistens war es Mama oder eine meiner Tanten, die von dort oben Lebensmittel holten. Dafür musste extra die große Metallleiter aufgestellt werden. 

Ich wäre immer am liebsten den ganzen Tag in diesem Abstellraum geblieben oder gleich ganz dort eingezogen, durfte aber nie hinauf, weil es zu gefährlich war. Zur Abschreckung erzählte mir Tante Shaza, dass dort oben ein Bösewicht lebe. Sie hatte Erfolg. Für einige Wochen traute ich mich nicht mehr alleine in die Küche. Ich ging nur in Begleitung meiner Schwester hinein oder wenn schon ein Erwachsener in der Küche war. 

Doch eines Tages beschloss ich nachzuschauen, denn dieser Bösewicht war erstaunlich leise. Meine Schwester, meine Cousine und ich stellten die weißen Plastikstühle übereinander und ich kletterte hinauf. Am grünen Kühlschrank neben der Luke konnte ich mich abstützen und einen Blick in den Abstellraum werfen. Es war dunkel, also tastete ich mich an der kalten Wand entlang und vor bis zum Lichtschalter, während meine Cousine und meine Schwester gespannt auf ein Zeichen warteten. Ich warf eine der Klopapierrollen runter, die ebenfalls im Abstellraum aufbewahrt wurden. Anstelle des Bösewichts fand ich aber nur Lebensmittel, Packungen mit Taschentüchern, Aleppo-Seife, Klopapier und Kerzen. 

Da wusste ich, dass der Abstellraum wie für mich geschaffen war. Ich passte perfekt hinein. Wenn ich mich ausstreckte, konnte ich die Decke berühren und fühlte mich endlich groß. Mama hingegen musste sich bücken. In diesem Abstellraum gab es alles: Reis, Nudeln, Bulgur, Linsen, Mehl und Zucker. Alles war in riesige Säcke verpackt, die so schwer waren, dass sie immer von zwei Personen hinaufgebracht werden mussten. Damit wir zum Kochen nicht wieder die ganzen Säcke runterbringen mussten, wurde von jedem Lebensmittel ein Glas abgefüllt, das erst wieder aufgefüllt wurde, wenn es leer war. Papa und Opa kauften diese Lebensmittel auch nur einmal im Jahr. Das Olivenöl wurde in einem großen Kanister gelagert und für den Normalgebrauch in Glasflaschen umgefüllt. Nüsse und ganz viel eingelegtes Gemüse war in kleinen und großen Gläsern nebeneinander aufgereiht. Das Gemüse kam selbstverständlich aus Opas Garten. Am häufigsten sah man Gläser mit grünen und schwarzen Oliven, Roter Beete und Gurken. Auch Opas selbst gemachte Marmelade wurde im Abstellraum aufbewahrt. Ich war sicher, dass es diese Marillenmarmelade auch im Paradies geben würde, denn es war die beste Marmelade der Welt. Ich erkannte sie genau am Geschmack und an der Konsistenz und aß auch immer nur diese Sorte. Im Verwandtenkreis wurden oft Gläser mit hausgemachten Lebensmitteln ausgetauscht, denn jeder hatte seine eigene Rezeptur. 

Nachdem alle notwendigen Zutaten aus dem Abstellraum geholt worden waren, begann die Iftār-Vorbereitung. Orangen wurden gepresst, Zwiebeln gehackt, Soßen gerührt. Es wurde gekocht, gebacken und gebraten – und zwar auf gut Glück, denn Abschmecken durfte man nicht, damit hätte man sein Fasten gebrochen. Meine Tanten sahen das allerdings nicht alle gleich streng. Die eine kostete und sagte der anderen, ob noch Salz oder Pfeffer fehlte. Aber es fehlte trotzdem meist noch etwas.

Während des Ramadan wurden wir ständig eingeladen oder luden selbst Gäste ein. Die servierten Speisen waren daher immer so besonders und aufwendig, dass ich mich oft nach einfachem Reis mit Joghurt sehnte. Ich liebte es, wenn ich bei den Vorbereitungen helfen durfte, und übernahm gern unterschiedliche Aufgaben. Wenn wir Bulgur kochten, wurde dieser genauestens untersucht. Auf einem Tablett überprüften wir jedes Korn, denn manchmal versteckten sich kleine Steine dazwischen. Ein Korn nach dem anderen wurde zur guten oder zur schlechten Seite geschoben. Dann schüttete meine Mama die nächste Portion Bulgur aufs Tablett, und die Arbeit begann von vorn.

 

Oma konnte während des Ramadan nicht die ganze Großfamilie zu sich einladen, weil wir bei ihr in Schichten hätten essen müssen, aus Platzgründen. Iftār war aber eine Mahlzeit, die alle gemeinsam und gleichzeitig zu sich nahmen. Im Wohnzimmer schaltete Opa auf den Lokalsender um, damit wir ganz genau hörten, wann der Muezzin »Allahu Akbar«, also »Gott ist groß«, und somit auch zum Iftār rief. In der Küche hing zur Orientierung ein spezieller Kalender mit den genauen Zeiten des Sonnenuntergangs. In den letzten zehn Minuten vor dem Iftār wurden alle nervös. Sobald die ersten Töne des Adhān aus dem Fernseher kamen, strömten alle in die Küche. Gleichzeitig ertönte der Gebetsruf auch aus allen Moscheen in der unmittelbaren Nähe. Die Speisen standen punktgenau auf dem Tisch und die Gläser wurden mit Wasser gefüllt. Nach dem Tischgebet wurde zuerst eine Schachtel mit Datteln herumgereicht. Unser Dattelkonsum stieg zum Ramadan auf das Tausendfache! Außerdem gab es ganz verschiedene Dattelsorten. Je nach Herkunftsland unterschied sich die Konsistenz, der Geschmack und die Größe der Datteln. Manche waren süßer als Schokolade.

Jetzt konnte das große Essen beginnen. Teller, Gläser, Schüsseln und Töpfe wanderten von einer Hand in die nächste. Sobald alle etwas auf dem Teller hatten, herrschte Stille, bis irgendjemand mit einer Geschichte anfing oder das Essen lobte. Oma hatte die Gabe, die Menge des Essens immer genau richtig einzuschätzen, selten blieb etwas übrig für den nächsten Tag.

 Ich kann mich an mein erstes Fasten sehr gut erinnern. Meine gleichaltrige Cousine Laila und ich nahmen es uns gemeinsam vor. Sie übernachtete bei mir. Mitten in der Nacht (oder eher am sehr frühen Morgen), bevor die Sonne sich zeigte, wurden wir liebevoll zu Sahūr aufgeweckt. Aber eigentlich hatten wir gar nicht richtig geschlafen, sondern die ganze Nacht hindurch getratscht und im Bett Rätsel gelöst. 

Sahūr ist die Mahlzeit vor Sonnenaufgang und ähnelt einem großen Frühstück. Wir konnten also zunächst etwas essen und trinken, bevor dann mit dem Sonnenaufgang das Fasten begann. Auch die übrigen Familienmitglieder wurden eines nach dem anderen geweckt. Meistens war es Oma Habiba, die diesen Dominoeffekt auslöste. Sie legte sich erst nach Sahūr schlafen. Bis dahin las sie im Koran, betete und schaute fern. Während des Ramadan kamen lauter neue Serien raus, die wollte sie auf keinen Fall verpassen. Sie wusste genau, welche Serie auf welchem Sender lief und ob beziehungsweise wann sie wiederholt wurde. Dank eines genau ausgetüftelten Plans war sie in der Lage, mehr als zehn unterschiedliche Serien und Shows zu verfolgen. Während der Werbung schaltete sie um und schaute für ungefähr zwei Minuten eine andere Serie, bevor sie wieder zurückschaltete. Die Fernbedienung wich nicht von ihrer Seite. 

Diese Serien erzählten zwar unterschiedliche Geschichten, doch oft traten die gleichen Schauspielerinnen und Schauspieler auf. Das fand ich äußerst verwirrend. Es gab auch eine Zeit, in der sich jede Schauspielerin einer Schönheitsoperation unterzog. Ob sie wohl Gruppenrabatt bekamen? Hinterher hatten sie alle die gleiche spitze Nase, die gleichen überbetonten Wangen und die gleichen aufgespritzten Lippen, da tat ich mich noch schwerer damit, sie auseinanderzuhalten. Manchmal schaltete Oma nach Sahūr den Fernseher an und schaute ein paar Folgen. Damals konnte man noch nicht streamen, also musste sie ständig auf die Uhr schauen und pünktlich den Fernseher anschalten, um nichts zu verpassen.

 

Auch zu Sahūr wurde manchmal richtig groß aufgetischt. Frische Eierspeisen, Tomaten, Gurken, Labneh (eine Art arabischer Frischkäse), Zatar, Oliven, eingelegte Paprika und natürlich Opas selbst gemachte Marillenmarmelade. Dazu gab es Schwarztee mit frischer Minze vom Balkon. So ein Mahl war aber nicht immer möglich, denn hin und wieder standen wir so spät auf, dass nur Zeit für etwas Wasser und eine Dattel blieb. Ein paarmal kamen auch meine Tanten zu diesem sehr frühen Frühstück vorbei. Als ich älter war, war es auch üblich, zu Sahūr auszugehen. Man war entweder zu Bekannten eingeladen oder ging in ein Restaurant. Ich fand es ziemlich absurd, sich gegen drei Uhr nachts schick zu machen, um auszugehen! Pünktlich zu Sahūr und Iftār war dann aber niemand mehr auf der Straße zu sehen. Keine Menschen. Keine Autos. Keine Busse.

Fasten war echt hart, weshalb meine Cousine Laila und ich ab und zu schummelten. Wir schlichen uns heimlich in die leere Küche, öffneten den Kühlschrank und aßen ein paar Gurken mit Käse und Brot. Wenn niemand zu Hause oder alle beschäftigt waren, machten wir uns ein Sandwich und aßen es auf dem Balkon, wo uns niemand sehen konnte – außer Gott. Er würde es verstehen, denn er wusste, wie schwer Fasten und wie groß unser Hunger war.

 

Während des Ramadan lernte ich Karten spielen. Opa hatte in der Stadtwohnung so viel Zeit, dass er mir, meiner Cousine und meiner Schwester Kartenspiele beibrachte. Er war deshalb so unterbeschäftigt, weil er sich ohne die Erlaubnis meiner Oma nicht bemächtigt fühlte, etwas in der Wohnung zu tun. Selbst beim Gießen der Pflanzen fragte er sie um Rat, denn er war nicht eingeweiht in Omas Rituale. Irgendwann übertrug sie ihm die Verantwortung für das gesamte Grünzeug in der Wohnung. Gießen, Düngen, Schneiden. Er unterhielt sich auch gern mit den Pflanzen, wenn er sie goss. Doch irgendwie war diese – wenn auch anspruchsvolle – Aufgabe nicht ausreichend, um Opas Zeit ganz auszufüllen. Zudem fielen während des Ramadan seine Frühstücks- und Kaffeerituale aus. Er durfte sich auch keine Zigaretten anzünden, wenn er fastete. Der Verzicht auf Kaffee und Zigaretten war für ihn die größte Herausforderung. Er rauchte nämlich sehr viel. Als wir lernten, dass Rauchen schlecht für die Gesundheit ist, fingen wir an, Opas Zigaretten zu zählen, um ihm vor Augen zu führen, wie viel er rauchte. Dann fingen wir an, ihm seine Zigaretten zu klauen und sie in einer Box zu verstecken. Immer wenn er sein Mittagsschläfchen machte, klauten wir die Zigaretten aus der Brusttasche seines Morgenmantels. 

 Später ergriffen wir noch härtere Maßnahmen. Wir drohten, dass wir ihm die Zigarette aus dem Mund nehmen, sie ausmachen und zerbrechen würden, wenn wir ihn rauchen sähen. Opa rauchte auf dem Balkon, wenn wir in der Küche waren. Er rauchte in der Küche, wenn wir im Wohnzimmer waren. Und er rauchte im Wohnzimmer, wenn wir auf dem Balkon waren. Opa Najm lief uns immer davon, doch wir waren so viele, dass wir ihn immer erwischten. Wenn Oma sah, wie wir ihrem Mann auf die Nerven gingen, wurde sie schnell wütend. Wir sollten ihn in Ruhe lassen. Opa konnte nur ungestört rauchen, wenn Oma Habiba im gleichen Raum war. Sie beschützte ihn vor uns. Oft rauchten sie dann gemeinsam. Opa selbst widmete uns viel Zeit, nahm alles mit Humor und schimpfte nie mit uns. Wir hätten uns aber nie getraut, Oma ihre Zigaretten wegzunehmen. Sie war nicht so geduldig wie ihr Mann, weshalb sie auch nie mit uns Karten spielte, selbst wenn wir sie dazu drängten.

Abends war Karten spielen die Lieblingsbeschäftigung der Erwachsenen. Zu viert saßen sie dann um einen Tisch herum und ordneten ihre Karten zu Fächern. Einer von ihnen legte einen Zettel und einen Stift neben sich und schrieb Zahlen auf. Auf dem Boden standen Shishas, die einen fruchtigen Duft verströmten. Ich wollte immer mitspielen, durfte aber nicht. Ich durfte nur zuschauen, musste aber leise sein. Oft war ich mir nicht sicher, ob ihnen das Spiel überhaupt Spaß machte, denn sie sahen alle so ernst und konzentriert aus. Vor allem beim Austeilen und Ordnen der Karten sprachen sie kaum miteinander. 

Dann aber wurde die Stille durch ein »Yalla« unterbrochen. Damit war das Spiel eröffnet. Ich sah Karten in die Tischmitte fliegen. Einer nach dem anderen legte eine Karte ab, dann wanderte der Stapel zu einem der Spieler. Sie lachten und gaben lustige, mitunter aber auch wütende Kommentare ab. Alle wollten gewinnen. Zum Glück waren unsere Partien mit Opa nicht so ernst. Er kaufte Karten und erklärte uns, wie das Spiel funktionierte. Im Wohnzimmer stellten wir den Tisch auf und holten zwei zusätzliche Plastikstühle aus der Küche, damit wir alle Platz hatten. Schon nach kurzer Zeit waren wir so gut, dass wir ihn schlagen konnten. Wir spielten eine Runde nach der anderen und lachten so viel, dass wir kaum merkten, wie schnell die Zeit verging. 

Wenn Oma Habiba vorbeiging, sagte sie nur, wir sollten nach der Runde beten gehen, und erinnerte auch Opa an das Gebet. Am Wochenende spielten wir die ganze Nacht hindurch, bis Mama uns ins Bett schickte. In den Sommerferien spielten wir mit Opa einmal so lange, dass wir gemeinsam den Sonnenaufgang sahen. Im Wohnzimmer wurden die Wände zuerst rosarot, dann orange und dann weiß. Während des Ramadan beobachtete ich dieses Schauspiel häufiger. Zu keiner anderen Zeit im Jahr baute ich solch eine Beziehung zur Sonne auf wie in diesen Wochen.

 

Der Ramadan hatte seine ganz eigenen Rituale. Ich liebte es, wie sich dann die Stadt veränderte und ihr Tempo anpasste. Alles wurde zunächst langsamer, um sich zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang wieder zu beschleunigen. In Wien hingegen verändert sich nichts. Alles um uns herum bleibt gleich. In den ersten Jahren machte mir das Fasten dort keinen Spaß. Mir fehlten die Rituale, die große Familie, das gemeinsame Essen und die allgemeine Akzeptanz. Ich war es nicht gewohnt, wegen dieser Rituale Rede und Antwort stehen zu müssen. Am härtesten war es in der Schule. Alle packten in der Pause ihr Brot aus, nur ich nicht. Alle gingen nach der Schule ein Eis essen, nur ich nicht. Ich erfand dann immer Ausreden und erzählte, mein Bruder sei allein zu Hause oder dass ich einen Arzttermin hätte. Doch das ging nicht lange gut, und schon bald fingen die Fragen an. »Aber wieso willst du nicht mitkommen? Du hast heute den ganzen Tag noch nichts gegessen. Machst du dieses Ramadan-Ding? Fällt dir das nicht schwer? Trinkst du auch nichts? Nicht einmal Wasser? Ist das nicht ungesund und gefährlich?«

Ich versuchte, immer geduldig und höflich zu bleiben. Ich erklärte, dass die ersten zwei Tage besonders schwer seien, ich trotzdem zwei bis drei Liter Wasser am Tag trinken würde und ich, falls es mir schlecht ginge, auch aufhören würde zu fasten. Ich erläuterte, dass es darum ginge, besser auf den eigenen Körper zu hören und seine Energiereserven einzuteilen. »Und jetzt hör bitte auf, mir mit deinem Sandwich vor der Nase herumzufuchteln.« Diesen Teil dachte ich mir aber nur.

Mit der Zeit fiel mir das Fasten auch in Wien leichter. Ich gewöhnte mich an die Fragen, an die kleinere Familie und entdeckte die Vorteile des Fastens. Während des Ramadan konnte ich tagsüber fast doppelt so viel erledigen wie an Tagen, an denen ich nicht fastete. Oma meinte, das läge an der Heiligkeit des Monats. Ich sah das anders. Es lag schlichtweg daran, dass ich keine Zeit mit Essen verschwendete. Ich musste nicht kochen, nicht einkaufen, mir zwischendurch kein Wasser holen und auch nicht so häufig aufs Klo. Statt Mittagspausen machte ich Mittagsschläfchen. Nur kurz vor Iftār war ich sehr reizbar und vereinbarte daher vor dem Essen keine Termine. Gute Freunde gewöhnten sich daran und nahmen Rücksicht. Sie aßen nicht in meiner Anwesenheit, und wenn wir gemeinsam Essen gingen, versuchten sie, den Termin so zu legen, dass es nach Sonnenuntergang war. Was mir in Wien aber bis heute fehlt, ist der Masaharati.

In Damaskus kam jede Nacht ein Masaharati vorbei, lief singend die Straße entlang und spielte auf seiner Trommel. Seine Aufgabe war es, die Fastenden aufzuwecken, damit sie vor Sonnenaufgang noch eine Kleinigkeit essen und trinken konnten. Er zog von einer Straße zur nächsten und seine schöne Stimme hallte durch die leeren Gassen. Er war der beste Wecker, denn er ließ sich nicht einfach ausschalten, und wir wollten ihn auch nicht verpassen. Also sprangen wir auf und rannten zum Fenster, um ihn zu beobachten. Er bemerkte uns, und wir winkten uns gegenseitig zu. Oma und Opa fragten den Masaharati dann, ob er ein Glas Wasser haben wolle. 

Nach ein paar Tagen legte er bei uns immer eine kurze Pause ein. Wir liefen die Treppen runter, gaben ihm ein Glas Wasser und ein paar Datteln. Er bedankte sich, wünschte uns einen gesegneten Ramadan und machte sich wieder auf seinen Weg. Bei jedem Besuch erfuhren wir mehr über ihn und er auch über uns. Er hieß Ibrahim und hatte zwei Kinder. Schon sein Vater war Masaharati gewesen, und Ibrahim lief als Kind mit ihm gemeinsam durch die Straßen. Eines Tages würde auch er seine Kinder mitnehmen, im Moment seien sie noch zu klein für die lange Strecke. Für den letzten Tag des Ramadan hatte Mama zwei kleine Säckchen für Ibrahims Kinder vorbereitet. Schokolade, Kekse, ein paar Bonbons, zwei Buntstifte und Tiersticker waren darin und sie waren mit buntem Geschenkband zugebunden. Mama kräuselte das Geschenkband mit der Schere, so sah es noch viel schöner aus. Ibrahim bedankte sich. Wir würden ihn erst im nächsten Jahr wiedersehen – und irgendwann gar nicht mehr.

 

Opa war froh, wenn er Ramadan und die anschließenden Feierlichkeiten hinter sich hatte und er aufs Land zu seinen Blumen und Bäumen zurückkehren konnte. Die Wohnung war ihm trotz ihrer Größe zu eng, zu laut und zu voll. Außerdem musste er nach Omas Pfeife tanzen. Er genoss die Einsamkeit auf dem Land, weit und breit nur Stille und Natur.

Im Sommer aber durfte sich die ganze Familie an Opas Garten erfreuen. Wir verbrachten den Großteil der Sommerferien dort. Plötzlich verlagerte sich das Kommen und Gehen von der Stadt aufs Land. Dort konnte man gut ohne Strom auskommen, denn es war nicht so heiß und auch nicht so dunkel. In der Stadt war es ohne Klimaanlage kaum auszuhalten. Man schwitzte permanent. Vielleicht kam mir Oma deswegen im Sommer immer kleiner vor. Sie schmolz in der Sonne um ein paar Zentimeter.

In den ersten Tagen drehte sich alles darum, es uns gemütlich zu machen. Schon in der Stadt wurde genau überlegt, was wir mitnehmen wollten, und alles von Bade- und Spielsachen bis hin zu Lebensmitteln eingepackt. Das Auto war bis unters Dach vollgestopft. Mama packte auch Lese- und Malbücher ein und hoffte, dass wir so ein bisschen beschäftigt wären. Aber in den Sommerwochen nahmen wir dann nur einen Stift in die Hand, um den Punktestand beim Karten spielen zu notieren oder uns Herzchen-, Sternchen- und Blümchentattoos auf die Schenkel zu zeichnen. Außerdem waren wir zu sehr damit beschäftigt, Frösche, Schnecken und Eidechsen zu verfolgen und Oliven, Weintrauben und Blumen zu pflücken, was uns eigentlich verboten war.

 

Oma Habiba ließ sich zu keiner Zeit davon abhalten, uns trotzdem weiterhin an die Gebete zu erinnern. Wie in der Stadtwohnung erinnerte sie uns immer wieder, wenigstens kurz beten zu gehen, denn auch im Sommer würde Gott gern von uns hören.

Zum Glück waren im Landhaus die Vorbereitungen für das Gebet viel kürzer. Irgendjemand sagte, es würde schon ausreichen, wenn wir für die Gebetswaschung in den Pool sprängen. Dadurch, dass Chlor im Wasser sei und immer wieder neues hinzugefügt werde, sei es ja immer sauber und rein. Für uns war es das beste Gerücht, das je im Umlauf war. Wir sprangen kurz in den Pool und hatten somit die Waschung schnell hinter uns gebracht. Nicht nur Gesicht, Hände und Füße waren gewaschen, auch Bauch, Po und Rücken! Über die Bikinis und Badehosen zogen wir anschließend das Gebetsgewand. Meine Cousins zogen sich Röcke von Oma über ihre Badehosen. Wir waren aber noch so nass, dass wir überall Abdrücke hinterließen. Je nach Größe und Form des Abdrucks wussten wir ganz genau, wer welches Gewand getragen hatte. Und ein Jahr später hieß es dann, der Pool sei doch nicht rein genug.

Besonders rund um die religiösen Themen kursierten viele Gerüchte. Vieles, das heute noch erlaubt war, war es morgen schon nicht mehr. Auch innerhalb der Familie kam es darüber hin und wieder zu Diskussionen. Jeder brachte seine Argumente vor, man konnte sich nicht einigen, Tee wurde serviert – und schon landete man beim nächsten Thema. Man einigte sich, dass man sich nicht einigen konnte. Vor allem die Frauen in der Familie hatten immer viel beizutragen. Sie waren gute Beobachterinnen und hauptsächlich für die Sozialkontakte verantwortlich. Ihre Erzählungen und Witze waren stets sehr lebendig. Tante Amal wusste mit Abstand am meisten. Wenn man wissen wollte, wer zuletzt ein Kind bekommen hatte, fragte man sie. Wenn man wissen wollte, wessen Hochzeit bevorstand, fragte man sie. Wenn man wissen wollte, wie die Kinder der Nachbarin in ihren Prüfungen abgeschnitten hatten, fragte man sie.

Ihre Kontaktfreudigkeit hatte sich auch auf ihren Papagei Modi übertragen. Er war ein grau-weiß-schwarzer Vogel mit roten Schwanzfedern. Brav begrüßte er jeden, der die Tür öffnete, und gab sich als meine Tante aus. Er konnte ihre Stimme exakt nachahmen und auch Floskeln, die sie gelegentlich gebrauchte, warf er im richtigen Moment ein. Oder es kam plötzlich aus einer Ecke des Wohnzimmers ein spitzer Kommentar, der alle zum Schweigen brachte. Modi! Er ließ alle in der Wohnung nach seiner Pfeife tanzen. Ständig liefen meine Tante, ihr Mann, meine Cousine und mein Cousin zwischen Telefon und Tür hin und her, denn er konnte die Klingeltöne des Telefons und der Haustür imitieren. Meine Tante ließ ihre Zimmertür daher tagsüber immer offen, um besser unterscheiden zu können, ob es der Papagei ist, oder ob es wirklich klingelt. Sie wollte nicht so oft umsonst zur Tür laufen müssen. Nach einiger Zeit lernte Modi meine Tante auch dann zu imitieren, wenn sie wütend war. Da schrie er meine Cousine und meinen Cousin an, schickte sie in ihr Zimmer und gab ihnen Hausarrest. Er konnte dabei noch überzeugender sein als meine Tante. Wenn sie mal Ruhe brauchte, gab sie ihm Sonnenblumenkerne. Die liebte er besonders und schälte konzentriert die Kerne mit seinem kleinen Schnabel. Auch ansonsten knabberte Modi gern an allem, was ihm zu nahe kam. Er streckte seinen Kopf aus dem Käfig und kratzte mit seinem Schnabel an der Tischkante oder knabberte die Pflanzen an, was meine Tante wütend machte.

 Ich mochte Modi eigentlich immer sehr gern, habe mich viel mit ihm unterhalten und auch versucht, ihm meinen Namen beizubringen. Doch auf einen Schlag änderte sich unsere Beziehung. Ich spielte mit meiner Cousine, wir waren bei ihr zu Hause. Hinter mir saß Modi in seinem Käfig und knabberte unbemerkt an meinem T-Shirt. Als ich aufstand, war es bereits rückenfrei. Es blieben nur die lila-blauen Rüschenärmel übrig. Außer mir vor Wut weinte ich und schrie Modi an, denn das T-Shirt war noch neu und ich liebte es. Ich hatte sogar eine dazugehörige lila-blaue Hose. Meine Cousine hingegen konnte sich vor Lachen kaum mehr auf den Beinen halten und musste sich hinlegen. Mama und Tante Amal eilten ins Zimmer, weil sie mich weinen hörten. Aber auch sie konnten sich das Lachen nicht verkneifen. Seitdem hielt ich Abstand von Modi, und Tante Amal stellte ihn auf den großen Esstisch, sodass links und rechts nichts neben ihm lag.

Im Sommer durfte er in den Hof, um die Sonne und die frische Luft zu genießen. Seitdem war er offiziell ein muslimischer Papagei, denn dort lernte er, die Schahāda, das islamische Glaubensbekenntnis, zu sprechen. Im Religionsunterricht erwähnte meine Lehrerin einmal, dass man Moslem würde, wenn man sich nur zu einem einzigen Gott bekenne. Doch da überprüfte keiner, ob man es wirklich ernst meinte. Man unterschrieb nichts und schwor auf nichts. Ich habe selbst gehört, dass Modi die Schahāda sprach.

Modi war sogar so religiös, dass er den Adhān gleichzeitig mit dem Muezzin sang. Oma Habiba erzählte, dass die syrischen Muezzin einen speziellen Gesangsunterricht besuchen mussten und deshalb den Adhān so schön vorsingen und die hohen Töne halten konnten. In keinem anderen Land sängen sie so schön wie in Syrien. Und sie hatte recht: Ich war in Marokko und Ägypten, und da bekam man Angst, wenn der Adhān anfing. In Syrien rief jeder Muezzin fünf Mal singend zum Gebet. Jeder von ihnen hatte eine eigene Stimme und eine eigene Art zu singen. Wenn es in der Moschee nebenan zum Beispiel einen neuen Muezzin gab, konnte Oma das an der Stimme erkennen. Manchmal war sie über den Wechsel erfreut, manchmal nicht. Ich fragte mich, wieso die Muezzin nicht bei einem Song-Contest vorsangen. Das wäre doch mal etwas gewesen. So hätte sich Oma auch für Song-Contests interessiert und nicht umgeschaltet, wenn wir uns welche anschauen wollten.

 

Damaskus war zwar die Hauptstadt, aber fühlte sich immer an wie ein Dorf. Tante Amal bekam ihre Informationen von überall, als hätte sie Spitzel an jeder Straßenecke, die ihr Auskunft gaben. Doch die Menschen teilten ihr alles freiwillig mit. Ständig begrüßte meine Tante irgendwelche Leute auf der Straße, selbst dann, wenn sie im Auto saß. Auf einmal fuhr sie schneller oder langsamer, um mit einem anderen Auto mitzuhalten und mit den Insassen ein Gespräch anfangen zu können. Sie war eine miserable Autofahrerin. In ihrem Auto hatte ich immer Angst um mein Leben. Obwohl sie die älteste Tante war, hatte sie als Letzte den Führerschein gemacht. Ihre Schwestern hatten sie zwar dazu ermutigt, doch hatten sie am Ende auch Angst, mit ihr zu fahren.

Wie wichtig es war, sich anzuschnallen, lernte ich durch die Fahrten mit Tante Amal. Ihr Fahrstil machte jeden gläubig. Auf dem Rücksitz aufgereiht, beteten ich, meine Cousine und meine Schwester zu Gott, er solle uns heute noch nicht sterben lassen. Leise wiederholten wir alle Bittgebete und Sprüche, die wir kannten. Wenn meine Tante fuhr, mussten wir mucksmäuschenstill sein, sonst konnte sie sich nicht auf den Verkehr konzentrieren. Wir durften keine Fragen stellen, keine Musik hören und keine Witze reißen. Ich ging mit meinen Cousinen und Cousins lieber zu Fuß, als in ihr Auto zu steigen.

Um im chaotischen Verkehr Syriens überleben zu können, musste man schon waghalsig und verrückt sein und sich ständig vordrängeln. Da galten keine Verkehrsregeln, und wie in der Wildnis hatte der Stärkere Vorrang. Entweder war das Auto so groß, dass andere automatisch Abstand hielten, oder man erkannte am Fahrstil, dass der Fahrer es ernst meinte. Das Problem war, dass meine Tante immer ein Faible für kleine Autos hatte. An einem Nachmittag holte sie ihre Kinder von meiner Oma ab. Feierlich schritt sie zum großen Fenster im Wohnzimmer und fragte stolz: »Seht ihr dieses Auto dort? Das ist meins.« Wir schauten raus und hielten Ausschau nach dem besagten Auto. Oma hätte es eigentlich direkt auffallen müssen, denn sie kannte alle Autos in der Nachbarschaft.

Das Auto meiner Tante war klein und gelb, weshalb alle es für ein Taxi hielten. Als Oma fragte, wieso es ausgerechnet ein gelbes Auto hatte sein müssen, meinte meine Tante, so würde sie es nicht verlieren. In der Tat war das Auto ein Hingucker und stach zwischen all den schwarzen und blauen Autos heraus. Wenn sie damit anhielt, stiegen fremde Leute einfach in ihr Auto ein und nannten ihr Adressen, bis sie sich umdrehte und erklärte, das sei kein Taxi, sie hole nur ihre Kinder ab. Nachdem so etwas häufiger vorgekommen war, gewöhnte sie sich an, das Auto zu verriegeln.

Tante Amal hätte sich ruhig auch den Fahrstil der syrischen Taxifahrer abgucken können. Die wussten genau, wie man sich vordrängelte, und scheuten sich nicht davor, anderen Autos extrem nahe zu kommen und sie zu bedrängen. Das Auto meiner Tante war aber nur äußerlich ein Taxi, ihr fehlte der Wagemut, es auch wie ein Taxi zu fahren. Andere Autofahrer rechneten mit der entsprechend aggressiven Fahrweise, wenn sie sie sahen – und wunderten sich dann über die vorsichtige Fahrerin, die alle vorließ. Es kam nicht selten vor, dass Tante Amal im Kreisverkehr stecken blieb, weil sie nicht wusste, wie sie es anstellen sollte, wieder hinauszukommen. Dann fuhren wir im Kreis, bis mir schlecht wurde. Meine Cousine Laila auf dem Vordersitz erklärte ihrer Mutter schließlich, wie wir da wieder rauskämen: »Mama, wir schaffen das. Du musst dich nur trauen. Du tust jetzt, was ich sage, ja?« Meine Cousine gab ihr ganz selbstbewusst Anweisungen, dabei war sie erst zwölf Jahre alt. Wir feuerten meine Tante an und schrien, als ob wir in der Achterbahn säßen. Und ein paar Minuten später waren wir tatsächlich wieder draußen aus dem Kreisel – ein Erfolgserlebnis.

Je erfahrener meine Tante wurde, desto gefährlicher wurde ihr Fahrstil. Jedes Mal, wenn wir einem Auto zu nahe kamen, blieb mein Herz kurz stehen. Doch irgendwann gewöhnten wir uns auch daran. Tante Amals Auto bekam so viele Dellen und Kratzer, dass es sich nicht lohnte, es zur Reparatur zu bringen. Es ähnelte immer mehr einem echten Taxi, und die Taxifahrer hatten jetzt wirklich Angst vor ihr. Taxifahren fand ich immer faszinierend. Meistens waren es männliche Fahrer, nur ganz selten gab es auch Fahrerinnen. Das Innere des jeweiligen Taxis sagte viel über seinen Besitzer aus. Es war erstaunlich, was die Fahrer alles unternahmen, um ihr Taxi zu personalisieren. Von komischen Plüschtieren und Lichterketten bis hin zu bunten Teppichen, Präsidentenfotos und Duftstäbchen gab es einfach alles. Da stieg man in ein Auto ein, in dem es roch wie in einer Kirche, und in einem anderen wie in einer Eisdiele. Manche Taxifahrer fingen ein Gespräch mit einem an, andere waren eher still und konzentrierten sich auf den Verkehr. Oder sie hatten das Radio an und summten oder sangen leise mit.

In Österreich hatten die vielen Taxifahrten ein Ende für mich. Höchstens wenn ich am Wochenende unterwegs und zu müde war, mit der Nightline nach Hause zu fahren, stieg ich noch in ein Taxi.

 

Da die Eltern meiner Mama in Österreich lebten, konnten wir anfangs nur ein Mal im Monat mit ihnen telefonieren. Wir mussten immer auf die Zeit achten, das lange Telefonieren konnte schnell teuer werden. Mama redete am längsten, während wir nur kurz »Hallo« sagen und die üblichen Fragen über Schule und Alltag beantworten durften.

Später kauften wir uns ein Faxgerät. Es war eine Sensation und im Salon wurde ein ganzer Tisch dafür freigeräumt. Alle Glas- und Kristallfiguren wurden auf die anderen Tische verteilt, selbst jene, die normalerweise nie ihren Platz wechselten. Meine Cousinen und Cousins waren extra zu uns gekommen, um sich das neue Gerät anzuschauen. Alle Lichter im Salon wurden eingeschaltet, sowohl der große Kristallleuchter als auch die zwei Stehlampen in den Ecken. Mama rief in Wien an, um eine Fax-Probesendung anzukündigen. Zuerst schickte uns Opa einen Zettel aus Wien, dann schickten wir einen Zettel zu ihm. Alle starrten das Faxgerät an, denn das Telefon klingelte bereits. Ein Licht blinkte und das Faxgerät machte ein tickendes Geräusch. Das konnte nur Magie sein. Alle staunten und beobachteten die weiße Papierrolle, die sich langsam ausrollte und mit Buchstaben und Zeichen füllte. Bestimmt saßen kleine Männlein oder Engel in dem Gerät, die diese Buchstaben schrieben. Vielleicht konnte ich jetzt anstatt zu beten auch ein Fax an Gott schicken? Bestimmt hatte sich Gott inzwischen auch so ein Gerät zugelegt, wenn nicht gleich mehrere. Das Fax gehörte nicht nur uns, sondern der ganzen Familie. Fortan kam jeder, der etwas verschicken musste, zu uns: Familienmitglieder, Freunde und Freundinnen meiner Tanten, deren Eltern oder Nachbarn. Wir schickten meinen Großeltern in Wien Briefe, Zeichnungen, Kopien von amtlichen Dokumenten und Fotos. Einmal schickte Mama auch Röntgenbilder der Schwiegermutter meiner Tante, denn mein Opa in Wien war Arzt und wurde immer zurate gezogen. Wir Kinder versuchten, auch andere Dinge zu schicken, doch nichts war dünn genug. Die Schokolade machte alles dreckig und klebrig. Die Socken brachten das Gerät laut zum Piepen. Was aber funktionierte, waren Haare.

Eines Abends schoben meine Cousine Laila und meine Schwester vorsichtig meine Haare ins Faxgerät. Anfangs war es aufregend, denn ich wollte zu Oma Hayat nach Wien. Ich freute mich auf die Reise mit dem Faxgerät und malte mir aus, wie es wohl sein würde. Ob ich dann in schwarz-weiß ankäme und ganz flach? Doch schon bald spürte ich nur noch Schmerz. Meine Haare hatten sich verfangen. Ich schrie so lange, bis die Erwachsenen den Stecker zogen und ich langsam befreit wurde. Aus der Traumreise wurde ein Albtraum, denn um mich zu befreien, mussten mir die Haare abgeschnitten werden. Das Faxgerät wurde auseinandergeschraubt und die Haare einzeln herausgezogen. Hätte dieser Testlauf funktioniert, hätte ich nach der Schule nach Wien gefaxt werden und am Abend zurück in Damaskus sein können. Ich hätte keine Koffer packen und nicht auf den Sommer warten müssen.

Ich hätte so viel Kinderschokolade essen können, wie ich wollte. Wenn Oma Hayat im Sommer aus Wien nach Damaskus kam, brachte sie uns immer ein Stück Österreich mit. Dieses Stück Österreich bestand hauptsächlich aus Schokolade, Schwarzbrot, Puten-Extrawurst, Marillenknödeln, Germknödeln, Zwetschgenknödeln und Süßigkeiten von Haribo. Damals störte sich noch keiner an der Frage, ob die Haribo-Produkte halāl – also nach islamischem Recht zulässig – waren oder nicht. Anfangs beschränkte sich Omas Auswahl auf Haribo Goldbären. Einmal brachte sie Lakritze mit, was bei uns Kindern überhaupt nicht gut ankam. Das meldeten wir natürlich sofort, damit Oma ein solcher Fehler beim nächsten Besuch nicht noch mal unterlief. Dass Haribo-Produkte Tiergelatine enthielten, erfuhr ich erst in Wien, als eine Mitschülerin mich komisch ansah und meinte: »Das darfst du doch gar nicht essen. Es ist harām, also verboten.«

Ich war irritiert. Sie wusste besser Bescheid als ich? Sie war doch gar keine Muslima. Woher wollte sie also wissen, was halāl war oder harām? Manchmal wusste ich es selbst nicht, und auch meine Familie war sich nicht immer einig. Außerdem hatte ich in meinen vierzehn Jahren in Damaskus oft aus Österreich importierte Gummibärchen gegessen, aber nie hatte jemand etwas dagegen gesagt. Wahrscheinlich lag es daran, dass es in ganz Syrien keine Haribo-Produkte gab und sich deshalb auch niemand je mit den Zutaten beschäftigt hatte. Wie konnte etwas so süß sein – und trotzdem Schwein enthalten? Das verstand ich einfach nicht. Für mich brach eine Welt zusammen. Ich hatte Angst, durch das Essen von Haribo-Süßigkeiten so viele Sayi'aat, also Minuspunkte, auf meinem Karma-Konto angesammelt zu haben, dass mich Gott deswegen nicht mehr mochte. Plötzlich war mir auch klar, warum er kaum auf meine Gebete reagierte. Ich spuckte die Gummibärchen aus und gab die Tüte meiner Mitschülerin. Jetzt musste ich nur eine Ersatz-Süßigkeit finden, doch an die Goldbären kam nichts ran. Als ich nichts Vergleichbares fand, erklärte ich sie kurzerhand wieder zu halāl. Als der Vegetarismus hip wurde, kamen vegetarische Varianten von Haribo auf den Markt. So war zumindest dieses Problem gelöst.

Doch dann kam irgendwoher das Gerücht auf, in Milchschnitte, Kinder Bueno und Milka Tender sei Alkohol enthalten und diese Süßigkeiten daher ebenfalls harām. Als Mama uns und den Kindern ihrer Freundin Milchschnitten gab, brach ein Streit zwischen den Müttern aus. Mamas Argument war, dass wir Kinder ja nicht zehn Stück äßen, sondern nur eines, was uns wohl nicht gleich zu Alkoholikern machen würde. Doch ihre Freundin blieb hart, so was käme ihr nicht ins Haus. Also packte Mama die Milchschnitten wieder in den Kühlschrank und gab uns stattdessen ein Stück Erdbeerschokolade. Später grummelte sie, dann dürfe sie uns ja auch keine Äpfel und anderes Obst mehr geben, da es durch die Gärung doch auch Alkohol enthalte, wenn auch von Gott gemachten. Ich hatte das Gefühl, Mama nervten solche Diskussionen, vor allem wenn ihr Gegenüber überkorrekt wurde und es um die Religion ging. »Wir sollten den Blick für das Wesentliche nicht verlieren«, pflegte sie dann zu sagen.

 

Aus meiner Zeit in Damaskus kann ich mich kaum an eine Diskussion erinnern, bei der wir über halāl oder harām sprachen. Einziger Streitpunkt bei den Süßigkeiten war, dass wir so wenig leckere ausländische Süßigkeiten hatten, dass Mama sie gerecht auf- und einteilen musste. Sie versteckte alles gut, denn es musste für ein ganzes Jahr reichen. Die Knödelpackungen ordnete sie ins Tiefkühlfach. In einer Packung Marillenknödel waren immer acht Stück drin. Damit sie nicht so schnell ausgingen, machte Mama immer nur einen Knödel pro Person. Einen für sich, einen für meine Schwester, einen für meinen Bruder und einen für mich. Als mein Bruder noch nicht auf der Welt war, durften meine Schwester und ich uns einen weiteren Knödel teilen. Bis es wieder einmal Knödel zu essen gab, vergingen mehrere Monate. Die Wurst wurde auch eingefroren, und Mama holte sie nie allein für uns raus, sondern immer nur dann, wenn meine Cousinen und Cousins bei uns zu Gast waren. Das ärgerte mich, denn so konnte ich die Puten-Extrawurst nie richtig genießen. Die Packung reichte höchstens für zwei solcher Treffen aus und bei jedem Treffen bekam ich nur eineinhalb Brote.

Eigentlich brachte Oma Hayat diese Luxusgüter ja für mich und meine Geschwister mit. Ich verstand nicht, wieso wir immer alles mit den anderen teilen mussten. Bei der Schokolade war es nicht anders. Mama gab uns nur dann ein Stück, wenn meine Cousinen und Cousins bei uns waren. Ich wollte doch nur ein Mal eine ganze Tafel für mich alleine haben!

Mir blieb also nichts anderes übrig, als Mamas Schokoladen-Versteck zu finden. Da sie es mir nicht verraten wollte, fragte ich Gott nach dem Versteck. Ich betete und betete, doch nichts. Kein Zeichen. Ich bemühte mich, besonders brav zu sein, damit Mama mir das Versteck doch noch verriet. Es half wieder nichts. Ich musste mir etwas einfallen lassen. In den kommenden Tagen passte ich also auf und beobachtete Mama ganz genau. Ich lief ihr durch die ganze Wohnung hinterher und hoffte, sie würde uns bald ein Stück Schokolade geben. Als es so weit war, ging sie in ihr Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Ich presste mein Ohr an die Tür und versuchte, anhand der Geräusche zu erkennen, welchen Schrank oder welche Schublade sie aufmachte. Weil es quietschte, konnte es nur der hintere Schrank sein. Dann hörte es sich so an, als würde sie Sachen verschieben. Das waren handfeste Hinweise.

Als Mama mit Oma zu einer Beerdigung ging, schlichen sich meine Schwester und ich in ihr Zimmer. Wir hatten ungefähr zwei Stunden Zeit, um nach der Schokolade zu suchen. Wir öffneten den hinteren Schrank, doch alles darin sah so aus wie immer. Unten standen Mamas Handtaschen und Stöckelschuhe (von denen sie manche nie anzog, weil sie sich dann zu groß fand). Auf dem oberen Regalbrett lagen Hosen. Wir wühlten zwischen den Schuhen und plötzlich fanden wir ein Schoko-Bons-Papierchen. Meine Schwester und ich räumten die Handtaschen aus und schauten in jede hinein, bis wir schließlich die Schoko-Bons-Packung fanden. Jetzt mussten wir überlegt vorgehen. Wenn wir alles aufaßen, würde Mama es herausfinden und ein neues Versteck suchen. Also nahmen wir jede nur zwei Stück und legten die Taschen danach genau so wieder zurück, wie wir sie vorgefunden hatten. Schnell gingen wir ins Badezimmer und verriegelten hinter uns die Tür. Wir setzten uns in die leere Badewanne und holten die Süßigkeiten aus unseren Hosentaschen hervor. Weil ich aber einen der Schoko-Bons zu lange in der Hand gehalten hatte, war er geschmolzen. Ich leckte die Schokolade vom Papier, genoss, wie sie auf meiner Zunge zerging und ich dann die Milchfüllung schmeckte. Meine Schwester steckte sich beide gleichzeitig in den Mund. Aber dann hörten wir Amme Samira, die nach uns rief.

Um unsere Spuren zu verwischen, gingen wir in die Küche und schmissen die Papierchen in den Müll. Dann aßen wir schnell eine Banane, damit die Schale das Papier verdeckte. Unser Plan ging auf. Mama kam zurück und merkte nichts. Ich wünschte mir, dass alle Pläne so gut aufgehen würden, doch das taten sie nicht immer.

 

Meine Cousinen und Cousins, meine Geschwister und ich träumten immer davon, einmal gemeinsam einen großen Garten zu besitzen, in dem wir Zitronen- und Olivenbäume anpflanzen könnten. Wir planten, alle zusammen in einem mehrstöckigen Haus zu wohnen, damit wir alle Nachbarn wären und immer gemeinsam essen und Verstecken spielen könnten. Ich nahm mir auch vor, eine große Syrien-Reise zu machen, auf der ich dann Geschichten über vergangene Königreiche und prächtige Ruinen hören würde. Doch manche Pläne gehen einfach nicht auf, sie bleiben Träume.

 

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