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05.11.2018, Jamal Tuschick

Migration im Kino

Mariangel Böhnke

Eingebetteter Medieninhalt

„Ich war noch nie bei dir zuhause.“

Das stellt Laura nach Jahren enger Freundschaft fest. Charo (Mariangel Böhnke) fährt mit Vollgas in die Vermeidung. Sie lockt Laura in die Schönheitsabteilung eines Kaufhauses, um sie auf andere Gedanken zu bringen. Charo überspielt ihre Not. Zwei, drei Szenen später haben die Mädchen eine peinliche Befragung hinter sich. Die Kamera konzentriert sich auf Lauras Befremden, angesichts einer theatralischen, ein Dutzend biografischer Lügen der Polizei auftischenden Performance ihrer Freundin.

Warum macht sich Charo zum Affen?

Die Mädchen kommen frei und finden erst einmal nicht wieder zusammen. Für Laura ist nichts passiert, während sich Charo am Rand eines Abgrunds wähnt. Sie schreit:

„Du verstehst das nicht. Du bist deutsch und du bist reich.“  

Charo ist auch reich, aber anders reich als Laura. Frieder Schlaichs und Claudia Schäfers wahren Begebenheiten nachspürender Film „Weil ich schöner bin“ handelt sowohl von Migration als auch von Resilienz. Ganz zum Schluss, wenn das Scheitern in den prekären Verhältnissen illegaler Einwanderung im Eingeständnis der Niederlage besiegelt scheint, sagt Charos Mutter den entscheidenden Satz:

„Du bleibst in Deutschland. Du schaffst das hier, du bist stärker als ich.“

„Weil ich schöner bin“, Regie: Frieder Schlaich. Buch: Claudia Schaefer. Mit Mariangel Böhnke, Mira Aring, Angeles Aparicio, Andrea Sánchez del Solar, Anton Buchenhorst, Lavinia Wilso.

Die drei Zitate funktionieren wie Kapitelüberschriften. Am Anfang beobachtet man Familienleben hinter verschlossenen Türen und am Ende findet das Familienleben vor geschlossen Türen statt. Dazwischen tobt sich der Ehrgeiz und Lebensmut einer dreizehnjährigen Kolumbianerin aus, die mit ihrer Mutter Inés, einer Tante und deren Sohn illegal in Berlin lebt. Eingereist mit einem Touristenvisum vor Jahren, führt der Verband ein Schattendasein im Verhältnis zu den Behörden. Nicht nur Charo verbindet den Schleichfahrtmodus mit vitalen Ausbrüchen. Alle sind lebhaft integriert. Eine soziale Nabelschnur verbindet sie mit einer Anwältin, die ihre Schützlinge durch eine Batterie leerstehender Wohnungen schleust. Nichts ist von Dauer, ständig droht ein Ermittlungserfolg von Kommissar Zufall.

Inés putzt, Charo badet in der Zwischenzeit im Luxus der Leute, die ihre Mutter illegal beschäftigen. Manchmal übernachtet die Familie im Haus der  arbeitgebenden Madame Ludwig. Irgendwann fliegt Inés auf. Sie entgeht dem Gefängnis in die Bereitschaft, zügig auszureisen. Charo will in Deutschland bleiben; wäre sie legal, könnte sie aufs Gymnasium gehen. Die Geschichte erzählt von phantasievollen Anstrengungen, ohne brauchbare Papiere weiter zur Schule gehen zu können.

Das Selbstverständliche wird zum Hexenwerk. Der Kampf um Normalität, Zugehörigkeit, Teilhabe erfährt in „Weil ich schöner bin“ eine berührende, wenn nicht verstörende Schilderung. Der Titel bezieht sich übrigens auf eine Selbsteinschätzung der Heldin.

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