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06.11.2018, Jamal Tuschick

Frühgeschichtliche Romanzen - Migration und Anpassung in Europas Vor- und Frühgeschichte aus genetischer Sicht.

Verdrängung oder Ideentransfer?

Wieviel Ausländer steckt in dir?

Belegen Archäogenetiker Reinräume hoher Klassen, um die genetische Historie der Menschheit zu erkunden, indem sie zu DNA-Analysen prähistorisches Skelettmaterial heranziehen, dann schützen sie sich in der Quarantäne nicht vor Kontaminationen.

„Vielmehr schützen wir das Material vor uns.“

Das sagt Dr. Wolfgang Haak vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte. Wir unterhalten uns über Migration und Anpassung in Europas Vor- und Frühgeschichte aus genetischer Sicht. Erfasst man zehn Generationen einer Heiratsgemeinschaft (Population), kommt man bereits auf tausend Personen, die zu einem Gegenwärtigen beigetragen haben. Erweitert man den Ahnenkranz kollabiert das Ergebnis in dem Umstand, dass Zahlen erreicht werden, die die Anzahl der Lebenden zum Zeitpunkt X überbieten.

In jedem von uns stecken zwei Prozent Neandertaler und alle glauben zu wissen, wie es dazu kam. Ein Narrativ der Menschheit ist die Invasion. Der moderne Mensch verdrängte den Neandertaler, obwohl er körperlich und territorial im Nachteil war. Das jedoch könnte ein falsches Narrativ unserer Vorgeschichte sein. Rechtsradikale arbeiten mit dem Invasionsbegriff im Kontext der „Umvolkung“. Eine Bevölkerung wird demnach „ausgetauscht“. Was aber lässt sich austauschen? Wie entsteht ein Volk in seiner Leiblichkeit? Was unterscheidet Deutsche von Finnen und Polen genetisch?

Frühgeschichtliche Romanzen

In der Steinzeit der Bioinformatik wurden lange humane Sequenzen von degradiertem Material isoliert. Bei der aktuellen Shotgun Sequenzierung kopiert und fragmentiert man DNA-Abschnitte, ermittelt Überlappungen und gelangt so zu genetischen Charakterisierungen etwa aus den Anfängen der Bauerngesellschaften. Sie formierten sich auf dem „Fruchtbaren Halbmond“ des Zweistromlandes zwischen Euphrat und Tigris. Wieder zeigt sich die Neigung, eine Verdrängung zum Nachteil nomadischer Wildbeuter anzunehmen. Man sollte aber auch Assimilationen im Wege des Ideentransfers erwägen und die Kraft frühgeschichtlicher Romanzen nicht ignorieren. Die Expansion der bäuerlichen Lebensweise veränderte das Antlitz der Welt. In uns allen wirkt ein anatolischer Landwirt in den Jugendstilen der Steinzeit. Die Protagonisten präkeramischer Kulturen sahen an der Saale nicht anders aus als in der Türkei. Auf der Vermischungsachse zwischen Wildbeutern und Ackerbauern tritt als dritter Komponentenlieferant der Hirte auf. Er ist zuerst ein Phasenphänomen in der Ära des Trichterbechers – noch nicht sesshaft, aber schon nicht mehr frei umherschweifend. Er dient schon dem Domestizierungsbetrieb der Menschheit – ihrer Verhausschweinung.

Die Hirten bringen die Steppensignatur mit. So setzt sich der Herkunftskomponentenmix aller Europäer seit wenigstens fünftausend Jahren zusammen.  Und jetzt kommt das, was fürwahr invasiv ist. Seit Menschen und Tiere (das ist die biblische Unterscheidung) unter einem Dach leben, gibt es Infektionskrankheiten. Die Mobilität der Erreger stellt alles in den Schatten, was ihre Wirte fertigbringen.

Es ist anzunehmen, dass unsere genetische Signatur sich nicht gewaltsam ergeben hat, sondern opportunistisch auf den Bahnen der Anpassung. Wir sind alle Türken.   

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