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07.11.2018, Jamal Tuschick

Den Preis für offenen Antisemitismus hoch zu halten, stellt sich als preisgegebenes Staatsziel der Republik dar.

Der Damm ist gebrochen

Es erinnert an ein Spiel. Ist es erlaubt, sagt man Rasse. Ist es nicht erlaubt, Rasse zu sagen, sagt man Kultur und stellt seinen Antisemitismus unter den Scheffel der Israel- und Zionismuskritik.

Wird ein Kippaträger in Berlin angegriffen, wer dreht sich aus der Zentrallinie des Gegners? Ein Zionist? Ein Israeli?

Der Damm ist gebrochen, sagt Arye Sharuz Shalicar.

Den Preis für offenen Antisemitismus hoch zu halten, stellt sich als preisgegebenes Staatsziel der Republik dar. Siebzig Jahre nach Auschwitz ist in den Auslagen des erweiterten deutschen Judenhasses schon wieder alles billig zu haben.

Arye Sharuz Shalicar, „Der neu-deutsche Antisemit: Gehören Juden heute zu Deutschland? Eine persönliche Analyse“, Hentrich & Hentrich, 154 Seiten, 16.90,-

Arye Sharuz Shalicar beginnt seine „persönliche Analyse“ mit Stichproben auf antisemitischen Allgemeinplätzen. Da treffen sich nun nicht zuletzt „links- und rechtsradikale Deutsche“ in Erwartung eines „Startschusses“ als Signal einer neuen Freiheit. Shalicar zieht Linien von seiner Jugend im Wedding, geprägt von „hunderten antisemitischer Zwischenfällen“, bis zu Parteinahmen in der internationalen Berichterstattung aus dem Gazastreifen zugunsten der Hamas. Auf Israel abgeschossene Raketen werden am medialen Rand abgehandelt. Das ist das Vermischte des Krieges.  

Shalicar will die Litaneimühlen der Relativierer schließen und Ross und Reiter schlankweg benennen. Er inspiziert die Abdeckungen. Eine Deckadresse ist „der Nahostkonflikt“. Der Konflikt liefert dem Antisemitismus einen Etablierungsrahmen. Die „Gewaltspirale“ kommt zum Einsatz – mit einschlägigen Suggestionen. Shalicar fragt dagegen, was wäre, zöge man Israel komplett aus dem Konfliktraum. Er stellt fest: der Nahe Osten braucht Israel nicht für seine Hegemonialkrisen, die ihre Ursprünge im Osmanischen Reich haben.

Auch der Judenhass braucht Israel nicht. Er braucht noch nicht mal Juden, so wie der Ausländerhass in seiner Genügsamkeit ganz ohne Ausländer auskommt. Die kurze Abschweifung dient der Annäherung an ein migrantisches Phänomen. Shalicar verbrachte seine Kindheit in Spandau und wurde da als Nachwuchs einer Einwandererfamilie wahrgenommen – als Deutsch-Iraner. Seine Eltern sind nicht religiös, Israel war für ihn ein Urlaubsziel und rangierte neben Italien auf der Attraktivitätsskala. Als Dreizehnjähriger kam Shalicar mit seinen sozial aufsteigenden Eltern in ein arabisch-türkisch dominiertes Gebiet. Sein Ausschluss ergab sich aus dem Umstand, dass er kein Muslim war. Aus dem Deutsch-Iraner wurde ein Jude.

Ahnungslose Halbwüchsige machten Shalicar zum Juden. Manche brachten es später doch noch dahin, seine Freunde zu werden, aber das Leben blieb für den Außenseiter gefährlich. Weit heikler noch sozialisierte sich Shalicars Bruder in beinah täglichen Kämpfen, die er mit Mut, Geschicklichkeit und einem  kontraintuitiv-antizipatorischen Konzept ohne Ausnahme gewann. 

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