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08.11.2018, Jamal Tuschick

Der Jüdische Zukunftskongress in der Fahimi Bar - Zwischen Club Voltaire und Club Odessa – Signierte Aneignungen und Neugründungen von Kulturräumen.

Der Jüdische Zukunftskongress in der Berliner Fahimi Bar - Von links: Micha Brumlik, Noam Brussilovsky, Tal Alon, Mirjam Wenzel 

Eine Krux des Alters besteht darin, dass man mit lauter Museumswissen aufwarten und der Welt wie ein Archäologe der Gegenwart erscheinen kann, aber die Nachkommenden unter viel Patina keine gültigen Währungen mehr entdecken. Micha Brumlik, ein Kongressreisender vor dem Herrn und seit Jahrzehnten im Dienst, ordnete in einem Gespräch über jüdisch signiertes Clubbing die längste und Verschiedenheit am stärksten verdichtende Clubgeschichte im Nachkriegsdeutschland dem Club Voltaire in der Frankfurter Hochstraße zu – als dem ersten Treffpunkt einer von Adorno geschulten außerparlamentarischen Opposition. Man habe da (viel später) auch eine jüdische Zeitung gemacht, die es mit einer von Martin Buber und Salman Schocken herausgegebenen Monatsschrift der Zwanzigerjahre aufnehmen konnte. Der Verweis auf das Periodikum „Der Jude“ ging in der Fahimi Bar so unter wie ein Bekenntnis zur „staatsbürgerlichen Integrität“ – in Opposition zu Max Czolleks Desintegrationsverfahren.

Danach war gar nicht gefragt worden. Neben Brumlik saßen die Israelis Noam Brussilovsky und Tal Alon mit den richtigen Markern des akuten Jetzt. Alon macht Spitz, „das erste hebräische Magazin auf deutschem Boden seit der Shoa“.

„Spitz“ ist ein Medium der Israelis in Deutschland, die sich von deutschen Juden im offensiven Gebrauch des Hebräischen nicht zuletzt unterscheiden. Für Alon ist es wichtig, der Sprache in Berlin Raum zu geben und sie so dicht wie möglich an ihrem Familienleben zu halten; so dass ihre Kinder in Israel keine Sprachbenachteiligungen erfahren werden. Im Gegenzug schafft Brussilovsky, der erst als Erwachsener Deutsch gelernt und an der Hochschule für Schauspielkunst Regie studiert hat, Kunst in einer Fremdsprache. Sein Hörspiel „Broken German“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von Tomer Gardi.

Für ihn, Alon und Gurzhy, der gemeinsam mit Wladimir Kaminer der Russendisko Weltgeltung verschaffte, scheint ganz Berlin als Club in Frage zu kommen, in dem postsowjetische und israelische Informationen stilbildend kursieren. Im Zug der Zukunft wird Hebräisch gesprochen.

P.S.

Ich finde gerade eine Notiz, ins Dunkle hineingeschrieben. Wer auch immer, eine(r) in der Runde gab folgende Auskünfte:

Ich habe keine Anschlüsse an die jüdische Geschichte. Mich drängt nicht das Bedürfnis, mein Schicksal zu teilen. Ich gehöre zu keiner Gruppe.  

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