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09.11.2018, Jamal Tuschick

Hingebungsvolle Gnadenlosigkeit

György Konrád erinnert sich

György Konrád und György Dalos

„Ein wirklicher Mensch kommt mit einer Identität nicht aus.“

„Worin besteht dein Judentum, wenn es sich dabei um keine Religion und keine traditionelle Gemeinschaft handelt?“ Amoz Oz´ feststellende Frage löste letztlich György Konráds Essayband „Über Juden“ aus. Er handelt auch von einer Solidarität aus dem Ofen: „Ich bin Jude, weil ihr uns umbringen wolltet“. Die Personalisierung nennt die Adressen. „Wenn ich voller Rasierschaum in den Spiegel schaue, kommt mir nicht in den Sinn, dass ich Jude bin“. „Kindergeschichten“ … „das sind so Kindergeschichten“ sagte Konrád seinen Reminiszenzen an eine verlorene Zeit nach, als „die Hälfte der Budapester Juden der Vernichtung zugeführt wurde:“ nicht zuletzt von der ungarischen Gendarmerie in ihrer „hingebungsvollen Gnadenlosigkeit“.
Als der zweite Weltkrieg ausbrach, war Konrád sechs. Im Radio „drohte eine unangenehme Stimme mit Ausrottung. Ich wusste, „Ausrottung“ ist das Wort der Stunde“. Das ungarische Parlament verabschiedete im Takt des Grauens zeitnah das 2. Judengesetz, „das Juden ein Auskommen fast unmöglich machte“. So beiläufig schnitzt Konrád in die Gitter der Geschichte mit ihr eigenen Feile. „History is a nightmare … der Abend in der Akademie oszillierte zwischen Gespräch und Vortrag, das ergab sich aus Ebenbürtigkeit auf dem Podium … from which I´m trying to awake (J.Joyce). Da saßen zwei kapitale Erklärer, vorbestraft aus lauter Freiheitsliebe. Es gäbe viel zu wenig vorbestrafte Dichter, hieß es dann auch. Konrád war Präsident der Akademie und ist immer noch, so Dalos, im Amt des „Paten“ eines turbulenten Viertels in Budapest, das – um es in den Worten des ambitionierten Grundschülers zu sagen, von der Gentrifizierung der Bionaden bedroht wird. Die beiden Großmeister sind längst Romanhelden, Marion Brasch hat sie sich vorgenommen. Konrád erzählte das Dalos - und Dalos erzählte, wie er Konráds frühe Sachen aus der Reinigung staatlicher Zensur wieder in den Zustand ihrer poetischen Ordnung gebracht hat, nämlich mit der Wiedereinsetzung der verbotenen Seiten im Samisdatstyle. Im Ruhm ging Konrád dem Kollegen voran, der indes feststellte: „Jeder Mensch hat mehrere Sehnsüchte von sich selbst in sich. Ein wirklicher Mensch kommt nicht aus mit einer Identität“.

Früh übte sich Konrád in der Disziplin des Außenseiters. „Einsamkeit muss genau so gelernt werden wie dieses Gemeinsam“. Das klang nach tragischer Anekdote, „die Sehnsucht der Juden nach Gemeinschaft ist ergreifend. - In Israel haben sie es geschafft, als Staat einsam zu sein“.

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