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15.11.2018, Jamal Tuschick

"Meet your neighbours – Wir machen das" in der Berliner Tucholsky Buchhandlung

Unerzählte Geschichten oder Das Echo der Granaten

Fady Jomar

Von links: Rebecca Ellsäßer, Fady Jomar, Mariam Meetra, Annika Reich

 

Sie besuchte eine Untergrundschule in Kabul. Das war lebensgefährlich. Doch wollte Mariam Meetras Mutter, dass ihre Tochter Zugang zu der wichtigsten Ressource hat. Sie bewertete die Chancen der Bildung höher als alle Risiken, die ein frauenverachtendes System zur Unterdrückung bereithält. Meetra leitet aus ihrem Bildungsprivileg die Verpflichtung ab, nicht nur die eigene(n) Geschichte(n) zu erzählen. „Die unerzählten Geschichten der afghanischen Frauen“ sind ihr Metier.

Das erklärte die Autorin in der Berliner Tucholsky Buchhandlung, wo gestern Abend allgemein von Flucht und Vertreibung so wie vom Ankommen die Rede war. Neben ihr lasen Rebecca Ellsäßer, Annika Reich und Fady Jomar im Rahmen einer Meet your neighbours – Wir machen das Veranstaltung aus:

„Wir sind hier: Geschichten über das Ankommen“, herausgegeben von Katja Huber, Silke Kleemann, Fridolin Schley, Allitera Verlag, 16.90,-

Meetra trug das Gedicht „Abschiedsbrief“ vor. Darin steht: „Ich bin mein eigener Ausweis/ aus Träumen und Ängsten“. Die Dichterin verglich das Leben mit „einer unbehausten namenlosen Frau“.

Das war ergreifend.

„Straßen, die sich leeren/ vom Duft der Menschen, von Lebensfarben/ einer nach dem anderen treten wir ab.“

Wie wahr.

Schön auch das: „Wo immer ein Dach einstürzt, es stürzt auf mich herab.“

„In mir habe ich ein Haus errichtet, das ich nie verlasse.“

Initiatorin Annika Reich meldete fünfzig (auch von ihr organisierte) Begegnungen zwischen Geflüchteten und Einheimischen in Buchhandlungen seit 2016.  

„Es gibt keinen Grund für Sicherheit“, sagte Reich. 

Nach Meetra las der syrische Schriftstellerjournalist Jomar. Er habe mit der Tradition des Hocharabischen gebrochen, hieß es in der Vorstellung.

Notiert habe ich:

„In den Koffern verdurstet die Geduld der Flüchtlinge.“

Geschichten stecken in den Koffern.

„Wir fliehen vor dem Wort in ein Meer von Schweigen.“

„Die Koffer sind Gefängnis und Haus.“

Jomar riet, sich nie in einen Flüchtling zu verlieben. „Wenn du glaubst, er lache, ist das doch nur das Echo der Granaten.“

Für den Geflüchteten gibt es „keine Nacht, kein Verlangen, kein Erwarten. Nur pures Verlöschen.“

Aus dem Text der Veranstalter:

Während der Flüchtlingskrise wurden München und sein Hauptbahnhof weltweit zu Symbolen der Solidarität und großer Hilfsbereitschaft. Doch das eigentliche Ankommen beginnt meist erst nach dem Willkommen – und ist ein langer Prozess.

Wie kann das Ankommen gelingen?
Muss man sich für einen neuen Lebensort von der alten Heimat lösen?
Kommt man jemals ganz an?

Eine Gruppe Münchner Kulturschaffender öffnet diesen Fragen Räume. Unter dem Motto »Meet your neighbours« stellt sie regelmäßig KünstlerInnen aus aller Welt vor, die es aus ganz unterschiedlichen Gründen nach Deutschland verschlagen hat. Das vorliegende Buch sammelt ihre Erfahrungen. Mal erzählerisch, mal lyrisch, ob nach­denklich oder humorvoll: Fast immer greifen im Ankommen Vergangenheit und Zu­kunft ineinander, Verlust und Neuanfang, Trauer und Hoffnung.
Weil es stets beide Seiten braucht, kommen auch Einheimi­sche zu Wort. Der Band soll so nicht zuletzt an das erinnern, womit jedes Ankommen beginnt: ein Gespräch, ein Erzählen, das Nähe und Verbundenheit stiftet, aus Fremden Mitmenschen werden lässt – und manchmal Freunde.

Im Rahmen dieses „unerhörten Konzepts“ (Annika Reich) entstand die Anthologie „Wir sind hier: Geschichten über das Ankommen“ mit Texten von Banu Acun, Galal Alahmadi, Ramy Al-Asheq, Ayeda Alavie, Raaed Al Kour, Angelica Ammar, Friedrich Ani, Afraa Batous, Daniel Bayerstorfer, Linda Benedikt, Björn Bicker, Barbra Breeze Anderson, Rebecca Ellsäßer, Heike Geißler, Lena Gorelik, Sandra Hoffmann, Katja Huber, Yamen Hussein, Fady Jomar, Silke Kleemann, Björn Kuhligk, Suli Kurban, Mercedes Lauenstein, Martin Lickleder, Ariel Magnus, Mariam Meetra, Rania Mleihi, Rudolf Ohlbaum, Denijen Pauljević, Georg Picot, Annika Reich, Kathrin Reikowski, Fridolin Schley, Johano Strasser, James Tugume, Andreas Unger, Senthuran Varatharajah und Nora Zapf.

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