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15.11.2018, Jamal Tuschick

Female Pleasure - Barbara Miller exponiert exemplarische Lebensläufe, in denen die Katharsis der Selbstbefreiung zu einem feministischen Katalysator wurde.

Sie wuchs zwar mit Blick auf die Skyline von Manhattan auf, doch blieb für Deborah Feldman der weltberühmte Stadtteil so unerreichbar wie ein Stern. Ihre Grenzen waren enger gesteckt als die Quartiersgrenzen von Williamsburg, einem New Yorker Village unserer Tage. Feldman gehörte der in Williamsburg ansässigen chassidischen Satmar Gemeinde (an), in der es für sie nur Unterwerfung in frauenverachtender Lebensstrenge gab. Man zwang sie mit einem fremden Mann ins Bett zu gehen, denn nichts anderes als fremd war ihr der zugewiesene Gatte. Feldman fand nicht nur die Kraft, sich zu befreien, sie brachte es zudem fertig, ihr Kind den religiösen Extremisten zu entziehen. Heute lebt sie glücklich in Berlin.

Feldman ist eine von fünf Heldinnen in Barbara Millers Dokumentation „Female Pleasure“. Feldmann verweigert die Opferrolle, genauso wie Leyla Hussein, die als Kind in Somalia genital verstümmelt wurde und nun einen Kampf gegen genitale Verstümmelungen führt.

#Female Pleasure, Dokumentation, Deutschland/Schweiz,/Indien/Japan/USA/Großbritannien 2018. Regie: Barbara Miller.

Miller exponiert exemplarische Lebensläufe, in denen die Katharsis der Selbstbefreiung zu einem feministischen Katalysator wurde. Wenn Hussein erklärt, dass auch in England Mädchen verstümmelt werden, erzeugt das Fassungslosigkeit. Männer brechen in Stuhlkreisen unter der Last des Begreifens zusammen, nachdem Hussein ihnen sehr drastisch klargemacht und vorgeführt hat, wie die brutal-primitive Chirurgie praktiziert wird und was sie anrichtet. Hussein spricht darüber auch mit weiblichen Massai, die wie sie verstümmelt wurden und nun für ihrer Töchter zu Schutzschildern werden sollen und wollen.

Die japanische Künstlerin Rokudenashiko wurde vor Gericht gezogen, weil sie ihre Vagina zu einem Gegenstand der Kunst gemacht hat. Während die japanische Pornografie schrankenlos ist und es ein alljährliches Penisfest gibt, bei dem viel phallisch modelliertes Eis verzehrt wird, hält man Rokudenashikos skurrile Kommentare für obszön. In dieser Einschätzung, so sagt es die Künstlerin, offenbart sich die institutionalisierte Diskriminierung des weiblichen Geschlechts.

Der Wunsch, die genitalen Dimensionen von Frauen so wie ihre Sexualität mit Scham zu besetzen und an Erniedrigung zu binden, kommt aus einem Feindbild, das zumal in Religionen überlebt. Miller weist nach, dass in allen Weltreligionen Frauen als Gefahr für die (patriarchale) Ordnung dargestellt werden. Feldman führt aus: „Was wir Gottes Wort nennen, sind Behauptungen von Männern.“

Die in einem Kloster körperlich und seelisch missbrauchte Ex-Nonne Doris Wagner geht noch weiter. Sie glaubt, dass Kirchen als männliche Herrschaftsinstrumente geschaffen wurden – dass die Legitimation von Macht eine genuine Funktion göttlicher Repräsentanz ist. Wagner wurde von einem Priester in Papstnähe mehrmals vergewaltigt. Der Mann durfte sich sicher sein, unangetastet zu bleiben. Er ist noch immer in Amt und Würden.   

Vithika Yadav fordert die Menschheit auf, offen über Sexualität zu reden und die weibliche Lust so selbstverständlich zu finden wie die männliche. Sie hat eine Sexualaufklärungsplattform gegründet – und informiert da gegen sexuelle Belästigungen von Mädchen und Frauen, die nach wie vor zu den Selbstverständlichkeiten des indischen Alltags gehören.

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