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15.11.2018, Jamal Tuschick

In „Eiscafé Europa“ widmet sich Enis Maci „identitären Postergirls“, den „rechten Sternchen“, „hot, sweet und schlau“, die zum Mitmachen animieren, so wie Alina Wychera, „die sich als superfeminine, adelige Kämpferin für das Abendland“ stilisiert – oder wie Melanie Schmitz, die dichter an der Härte performt.

Information und Raserei

Enis Maci

Als Mussolini Albanien nach einem fünftägigen Feldzug 1939 Italien einverleibte und zu einem faschistischen Königreich erklärte, berief er sich auf die Mitgift jener Helena Dukaina Angelina, die im 13. Jahrhundert Angelinas Gatten Manfred von Sizilien in den Besitz von Albanien gebracht hatte. Rom, Byzanz und Bulgarien hatten zuvor in Albanien Macht ausgeübt, es folgten Osmanen, Italiener, Deutsche und Serben. Enis Maci verlegt eine biografische Spur nach Albanien. Sie chiffriert die Resignation und den Traditionswillen der Okkupierten – ältere Verwandte, die in einem albanisch-türkischen Sprachkosmos wie in einem Kassiberlabyrinth existieren – mit Wörtern, die in der einen Sprache dies und in der anderen das bedeuten: Hinweis oder Botschaft. Das Trapperwissen der Kolonisierten wird in westdeutschen Gastarbeiterwohnungen über Dönerbuden transferiert. Da holt es Enis Maci ein und verschmilzt mit der Lyrik von Sido und Ansichten der Linksjugend.

Enis Maci, „Eiscafé Europa“, Essays, Suhrkamp, 240 Seiten, 16,-

Die Verwandlung der bekannten Welt vor unseren Augen in eine unbekannte Welt ist das größte Schauspiel. Niemand, der lange genug am Leben bleibt, entgeht einer Diaspora der Zeit. Aber erst einmal hält man Geschichte für vergänglich und „die Moorsoldaten-Einlage der Falken-Gruppe“ von Gelsenkirchen für eine gültige Intervention im Kampf gegen Nazis.

In einer Auseinandersetzung gewinnt Maci Boden allein deshalb, weil kein Kombattantenschick sie ausweist als jemand, der aufzuhalten ist. Sie ist nicht aufzuhalten. Das folgt einer archaischen Logik … „und ich lernte eine Lektion, nämlich, dass eine geschminkte Frau keine ist“, die aufgehalten werden muss. Der Lippenstift erfüllt Funktionen eines Passes.

Die Essayistin analysiert Konzepte der relaunchten Rechten und erklärt sie zu Travestien linker Aktionsformen und Ästhetik. Sie weist Übernahmen nach. Das besetzte Casa Pound mit Hausband und gleichnamiger Bewegung illustriert eine Bereitschaft zur Kopie, die wenigstens so gut klappert wie die vermutlich längst verdrängten Vorbilder. Alles gehört stets dem, der am meisten damit anfangen kann.

Maci widmet sich „identitären Postergirls“, den „rechten Sternchen“, „hot, sweet und schlau“, die zum Mitmachen animieren, so wie Alina Wychera, „die sich als superfeminine, adelige Kämpferin für das Abendland“ stilisiert – oder wie Melanie Schmitz, die dichter an der Härte performt.

Maci zeigt in Gegenlichtbetrachtungen, dass es keine Frage von links oder rechts ist, in welche Attraktivitätsfallen man tappt. Weder der Look noch die literarischen, vielleicht auch musikalischen Illuminationen (Beglaubigungen/Aufwertungen) der Netzwerk-Auftritte indizieren die Zugehörigkeit eindeutig. Nur die Slogans verkünden die Standpunkte.

Maci betrachtet die Ästhetik der Aktivistinnen. Sie kommt von Jeanne d’Arc und Sophie Scholl auf „kurdische Kämpferinnen, unfassbare Augen haben die, jaja auch ungeschminkt im Kampfoutfit äußerst fotogen“. Die Älteren und sichtbar Traumatisierten, so Maci, werden nicht gezeigt. Eine immer noch glamouröser als du – die „exotischste aller Frauen ist und bleibt die … israelische Soldatin mit Glitzersteinchen auf den Nägeln“.

Maci verkoppelt Bestandsaufnahmen aus den Arsenalen des Ewigen mit transitorischen Impressionen. Sie erinnert den Besuch eines Nichtraucherkonzerts von Sido in Halle, ihr Einverständnis mit des Künstlers Art zu altern und Enttäuschungen über dessen nachlassende Schlagkraft in Mikrodosen.

Während die biografische Spur zuerst für Verwehungen anfällig ist und mich an eine Wüstenpiste denken lässt, die manchmal nur von ihren Wegrandmarkierungen bewiesen wird, kommt Albanien schließlich voll zur Sprache. Macis Vater schrieb Märchen für Radio Tirana. Im Umfeld dieser Information taucht die Elektrikerin Margarita auf. Sie war so wie Maci sein will: ein Mysterium.

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