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18.11.2018, Jamal Tuschick

„Aischa, der Tanz und wir“ - Mit dem Dokumentarfilm würdigen Christel Bartel und Sabine Welzel die dreißigjährige Arbeit der Tänzerin und Lehrerin Aischa Schurkus.

Tanz

Aischa Schurkus

Ein Kind steht in der Ecke und die Hoffnung lässt eine Montgolfière steigen. Das Kind heißt Brigitte. Es kann den Namen nicht leiden. Es ist aus dem Heim geholt worden zurück zu den Leiblichen. Es wurde vor seiner Wortmächtigkeit traumatisiert. In der Ablehnung des Taufnamens steckt ein Keim des Widerstands. Der Vater kümmert sich nicht, die Mutter steckt in der Überforderung und sucht Heil in der Selbstentmündigung. Aischa Schurkus, geboren als Brigitte X., nennt zwar ihre französische Geburtsstadt Colmar, lässt aber die Umgebung ihrer Kindheit und Jugend in einem Landschaftsbegriff untergehen.

„Ich bin im Schwarzwald aufgewachsen. Da war alles zu eng.“

Aischa, der Tanz und wir, Deutschland 2018. Eine Dokumentation von Christel Bartel und Sabine Welzel.

Aischa Schurkus will weg. Dahin geht ihre Vehemenz. Wollten badische und schwäbische Jugendliche in den Siebzigerjahren weg, sagten sie: Wir ziehen in die Stadt. „Die Stadt“ war ein Synonym für Berlin.

„Ich gehörte dann zur Berliner Subkultur.“

Aischa Schurkus packt als Siebzehnjährige im Schwarzwald ihre Sachen und erreicht Berlin mit einem Koffer und siebzig Mark im Portemonnaie – ohne einen Anlaufpunkt. Sie kommt unter, übernachtet in Wohngemeinschaften, findet ein Zimmer, das Klo auf halber Treppe. In der Küche ist ein Pinkelbecken. Der Ofen zieht nicht.

Aischa Schurkus genießt das Glück der Freiheit. Sie bringt eine angefangene Ausbildung zur Zahnarzthelferin zu Ende. Sie folgt der Spur ihrer Leidenschaft und landet beim orientalischen Tanz. Jemand nennt sie Aischa und sie findet, der Name passt zu einer Frau, die das Leben annimmt.

Das erzählt „Aischa, der Tanz und wir“. Die Dokumentation geht von Zeugnissen aus, die ihre Vernichtung eher zufällig überlebt haben.

„Man muss sich auch trennen können.“

Weggefährtinnen kommen zu Wort. Die ersten Schülerinnen erinnern sich vor der Kamera. Aischa Schurkus erscheint als charismatische Tänzerin, Lehrerin, Ehefrau und Mutter in verwackelten Mitschnitten etwa von Tanzabenden oder Probestunden, die das Exemplarische ihres Daseins sehr gut bewahren. Durch den Film zieht sich ein Interview. Aischa Schurkus lässt sich Zeit, formuliert präzise und schmeckt die Klangfarben der Silben ab. Es findet alles Beachtung. Kein Duft und keine Anmutung entgehen der Prüfung vor den inneren Instanzen. Das hat etwas in jeder Hinsicht Aus- und Einladendes.  

Aischa Schurkus organisiert Workshops und avanciert im Verlauf ihrer Karriere zur Herrin eines Gehöfts in Umbrien, das sie im Verein mit Vielen zeitgemäß als Tanzlager und Kulturwerkstatt nutzt. Die Toskana Fraktion lässt grüßen. Die Zuschauerin schwelgt an einer Peripherie historischer Bewegungsräusche, die sich mit der Natur verbinden.

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