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22.11.2018, Jamal Tuschick

In „Engel in der Kuppel“ resümiert Amos Mokadi den Schmerz der Völker.

Grand Tour der schuldbewussten Hilfsbereitschaft

Mutterschaft

„Mit zehn verlor ich meinen Vater. Er ging in den Osten, er war ein glühender Kommunist. Er wurde unerreichbar für mich. Kein Mensch konnte den Verlust ersetzen. Vielleicht wollte ich deshalb nicht Mutter werden, weil mein Vater mich verlassen hatte.“  

Jonah sitzt vor seinem Teller, ohne das Essen anzurühren.

„Ich sah nur Schlechtes. Ich glaubte, dass ich in dieser Welt einem Kind nicht genug Liebe geben könne. Und dann geschah das Wunder. Ich war im Libanon, ich stand vor einem zerschossenen Betonunterstand in den Bergen südlich von Beirut. Ein israelischer Offizier sprach von einem Gemetzel vor Ort und erklärte die Grenze nach Israel vorübergehend für unpassierbar. Deshalb fuhr ich weiter. In einem Flüchtlingslager begegnete ich einem Jungen, dessen Mutter gestorben und dessen Vater verschwunden war. Verschollen oder untergetaucht. Näheres ließ sich nicht in Erfahrung bringen. Der Junge war auf sich gestellt, vermutlich war auch er versprengt worden. Sonst wäre da Verwandtschaft gewesen. Es liefen noch mehr Straßenkinder herum, Wildlinge, die sich nicht einfangen ließen, aber dieser Junge von sechs oder sieben ließ mich nicht mehr los. Er adoptierte mich, verstehst du? Er streckte seine Arme aus, auf eine Art, die ich noch nicht kannte. Er ergriff von mir Besitz.

Ich konnte nicht wissen, dass er jeden Tag Allah anflehte, ihm seine Mutter wiederzugeben. Ich verstand ihn nicht. 

Ich wusste nicht, was ich tun sollte. In den Libanon war ich inoffiziell eingereist. Ich hatte keine Ahnung, wie ich wieder herauskommen würde. Ich gab dem Jungen einen Zettel mit meiner Telefonnummer.“  

„Und dieser Junge ist Achmed“, sagt Jonah. Das ist keine Frage. Er betrachtet Simone, getönte Gläser schützen seinen Blick.    

Grand Tour der schuldbewussten Hilfsbereitschaft

In „Engel in der Kuppel“ resümiert Amos Mokadi den Schmerz der Völker

Berlin vibriert an den europäischen Wertschöpfungsketten vorbei. Die Hauptstadt produziert Bagatellen und belanglose Prominenz. Ihre Gehwegschäden sind zu Billigmarkenzeichen geworden. Der bürgerliche Besucher sehnt sich in Berlin bald nach Berchtesgaden. Das ist der gediegene Standpunkt. Da setzt die Migration den Zirkel an, um einen anderen Radius zu beschreiben. Achmed Mualam stammt aus einer palästinensischen Familie im Libanon. Das Massaker von Sabra und Schatila gehört zu seiner Geschichte. Flucht und Vertreibung bilden das Kreuz seiner Koordinaten. In den Neunzigerjahren kommt Achmed nach Kreuzberg, eine Deutsche nimmt ihn auf. Simone behütet ihn wie einen Sohn. Jetzt besucht er sie. Jetzt ist Winter im Roman, Böen fegen die Görlitzer Straße.  

Ohne eine räumliche Bewegung wurde Simone zur Fremden. Es existiert nicht einmal ein Milieu, in dem sie sich als Marginalisierte begreifen könnte. Während Achmed in Kreuzberg seine Ideallinie beschreitet. Wo er steht und geht kommen ihm die Verhältnisse entgegen. Jugend vor Migrationshintergrund – so könnte das Bild zum Berliner Augenblick heißen. Die Prisen der Zugehörigkeit verschwendet Achmed an seine Verlustempfinden.

Der Roman geht von einer Moschee aus und hin zu einer Kreuzberger Kindheit und Jugend. Achmed will sich nach islamischem Recht mit Fatma verloben, die bereits eine Wohnung mit ihm teilt. Das ist die verdichtete Unterschiedlichkeit in der Nussschale: die religiöse Verbindung zur Libertinage. Amos Mokadi beschreibt eine Antinomie der Vergangenheit, die in einem Labor der Zukunft die Fasson bloßer Widersprüchlichkeit kriegt. Das Übliche eben.   

Achmed wird zum Protagonisten eines Zeitenwechsels, versteht selbst aber nur die Kehrseiten der Entwicklungen, deren Angelus novus er ist. Simone erwägt, ihre Wohnung an der Spree aufzugeben, als Opfer einer Verdrängung auf allen Feldern des Wettbewerbs. Achmed wundert sich, „dass eine Deutsche, die in Berlin geboren ist, ihre Wohnung, in der sie fast ihr ganzes Leben verbracht hat, einfach aufgibt“.  

„Engel in der Kuppel“ erzählt Kalten Krieg durch die Blume der Biografie, die Simone zur Verliererin macht. Simone könnte zu Verwandten in eine brandenburgische Versorgungssteppe emigrieren. Als Leser steigt man entspannt in einen Zug der Reichsbahn, man glaubt die narrative Strecke zu kennen, die vor einem liegt, aber Amos Mokadi kontert die Erwartung mit Achmeds Herkunftsgeschichte. Der jugendliche Held kam in Abu-Schuscha auf die Welt, „in einem Dorf, das zerstört wurde, nachdem die Zionisten seine Familie vertrieben (und seine Mutter getötet) hatten“.  

Achmed grübelt in arktischer Kälte, man ahnt die Armut, den Irrsinn und Übermut in Windfängen: „Jede Mutter muss sich von ihrem Sohn trennen, jeder Sohn verlässt seine Mutter. Daran ist doch nichts Schlechtes, bismillah ar-rahman ar-rahim (im Namen Allahs, des Barmherzigen, des Gnädigen)! Ohne die Ehe gibt es keinen Fortschritt, so steht es im Koran.“

Simone empfängt den Sohn mit Kakao, sie erscheint Achmed wie eine „Renaissancemadonna“.  Einst kam sie „wie ein Engel nach Sabra“. Sie brachte Trockenfrüchte mit und ließ ihre Telefonnummer zurück. Simones Grand Tour der Hilfsbereitschaft führt zur größten Überraschung im Roman. Ihre Wohlfahrt verknüpft modernes Flagellantentum mit einem Rucksacktourismus auf Routen des Leidens. 

Achmed bestürzt, dass ihn vor der Moschee „ein Jude aus Palästina, aus dem Teil, den sie erobert haben und Issra'il nennen“ angesprochen hat. „Stell dir das vor, der fängt an, mit mir zu reden.“

Amos Mokadi lässt diesen Erzählfaden fallen, der Autor lädt den Leser auf das „Oberdeck des Frachters Galila mit Kurs auf Palästina“ zu einer Zeitreise ein. 1937 verlassen Berta und Erich Pomeranz Deutschland. In Palästina wird aus Berta Judith, stets übernimmt sie „die schwerste Arbeit, die der Kibbuz zu vergeben hat“. Zehn Jahre später kommt ihr Sohn Jonah zur Welt, er fällt im Sechstagekrieg von 1967. Seine Freundin, „eine deutsche Volontärin“ ist von ihm schwanger. Sie entbindet, bevor sie verschwindet – und zwar ohne „Jonah, den Zweiten“. Jonah wächst bei den Großeltern auf. Die Geschichte bleibt deutsch im Orient.  

Der Autor nennt Jonah „einen geborenen Anführer“. Der Knabe übernimmt diese Einschätzung, seine Umgebung folgt ihm. In einem langen Prozess verliert Jonah den Anspruch auf Suprematie an die Einsicht, in extremen Lagen kopflos zu handeln. Man muss ihm das klar machen, dass er es begreift. Mit seinen Freunden, den „fünf Musketiere“ tritt er „getreu der Palmach-Devise „Triebe, Hiebe und Liebe““ seinen Militärdienst an. Unzertrennlich wollen die Wehrpflichtigen bleiben, doch dabei bleibt es nicht. Jonah ist nicht dabei, als seine Freunde zerfetzt werden. Um ihn auszuhärten, setzt man ihn an der Stelle ihres Todes als Kommandeur ein. Er lässt vor Ort eine Gebärende verbluten, den Blick einer Zeugin seines Versagens wird er nicht mehr los. „Augen blau wie der Morgen, der Blick wie ein Messer… Die gehört nicht zu den anderen, diese Blondine. Ich kann ihr Parfum riechen. Was macht sie hier, zum Teufel? Warum lässt man solche Leute durch? Walla, was für ein Blau… Technicolor! Wie ein Schlag in die Magengrube.“ Es kommt so weit, dass Jonah nach Berlin fährt, um „die deutsche Hure“ da zu suchen.

Vorher nimmt er ein Studium auf und verliebt sich. Die Rhapsodie des Lebens im Heiligen Land – Jonah trägt sich in die Reproduktionsliste ein, Sigal singt mit ihm das Lied von Tamar, der Tochter, geboren in der Erfüllung von Jerusalem. – Achmeds Kreuzberg scheint so fern.

Alle Verflechtungen schließen ein Verhängnis ein. Der Lauf der Welt raucht. Auf einer Schmauchspur gerät Jonah außer sich und außer Landes. Seine Suche nach einem Palästinensertreffpunkt in Berlin führt ihn zu der Moschee in der Flughafenstraße. Er spricht Achmed an, gibt sich als Engländer aus. Welch ein Bogen! Wie breit die Bahnen des Erzählens. Amos Mokadi synchronisiert den Schmerz der Völker.

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