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23.11.2018, Jamal Tuschick

Amos Mokadi - Engel in der Kuppel 1. Folge

Vom Abschiedsschmerz getrübte Vorfreude

Vor dreiundachtzig Jahren stand ein solider Bräutigam auf dem Oberdeck des Frachters Galila, der in Hamburg ablegen und Kurs auf Palästina nehmen sollte. Während das Schiff mit Vieh und Zeug beladen wurde, versuchte er im Trubel die Aufmerksamkeit seiner vor Liebreiz berstenden Braut zu gewinnen. Erich war gerade achtzehn geworden, Berta war noch jünger; beide stammten aus wohlhabenden jüdischen Elternhäusern in Frankfurt am Main und hatten lange genug eine sorglose Jugend gehabt, um das Leben auf die leichte Schulter nehmen zu können. Gerade schickten sie sich an, auf den Routen einer zionistischen Kibbuzemeinschaft nach Palästina zu emigrieren.

Während Vorbereitungen zum Ablegen getroffen wurden, empfanden Berta und Erich vom Abschiedsschmerz getrübte Vorfreude. Ihre Eltern und viele Verwandte bildeten so unauffällig wie möglich eine Trauergemeinde am Kai.

Berta und Erich waren Auserwählte. Sie erwartete die Freiheit von Eretz Israel.   

Erich sagte: „Wir müssen gleich mit den anderen reden. Wir gehören jetzt zu einem Kollektiv.“

Kollektiv. Das unvertraute Wort erreichte Berta nicht. Sie dachte an ihre Eltern und an ihre Cousinen und dann tauchten ihre Tanten und Onkel wie aus Nebeln in einer Gedankenwolke auf. Einige konnte Berta im Abschiedskomitee sehen. Die Zurückbleibenden waren einander zugewandter als dem großen Geschehen. Sie durften nicht offen Abschied nehmen. Stauer rempelten sie an, vielleicht sogar aus Versehen. Aber natürlich konnte man gar nichts wissen, als siebzehnjährige Braut in der Obhut eines aufgeregten Jünglings; versprochen der Zukunft in einem Kollektiv.  

Sie lehnten an der Reling, Berta und Erich, zwei Koffer manierlich zu ihren Füßen. Jedes Mitglied der Gemeinschaft durfte nur ein Gepäckstück und sonst nichts Loses mitführen, außer Erich, der eine als Kibbuzeigentum registrierte Rolleiflex an einem Riemen um den Hals trug.

Die Verwandten am Kai rechneten mit gravierenden Provokationen. Zuletzt war ein Schneider namens Grünberg totgeschlagen worden, weil er einen hingeschmierten Davidstern von seinem Schaufenster zu wischen gewagt hatte.

Auch die Galila garantierte keine Sicherheit. Der Frachter durfte nur Waren, darunter zwei Dutzend holländischer Zuchtbullen transportieren. Die Flüchtlinge, die sich selbst als Pioniere begriffen, konnten im Verlauf der Fahrt jederzeit behördlich vom Schiff geholt werden. Sie würden an Deck kampieren und dem Risiko ausgesetzt sein, bei schwerer See von Bord gespült zu werden.  

Morgen mehr.

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