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25.11.2018, Jamal Tuschick

Amos Mokadi - Engel in der Kuppel 2. Folge

Theoretischer Schusswaffengebrauch

Was zuvor geschah.

Berta und Erich haben Glück. Ihnen bietet sich fast in letzter Minute die Chance einer Überfahrt nach Palästina auf dem Frachter Galila, der unter anderem holländische Zuchtbullen geladen hat und für Passagiere nicht eingerichtet ist. Berta und Erich gehören einer zionistischen Jugendgruppe an und haben sich dem Aufbau eines Kibbuz versprochen. Die Selbstverpflichtungen reichen so weit, dass sie ihre persönliche Verbindung von der Kibbuzleitung genehmigen lassen (mussten). Egal, Hauptsache weg aus Nazideutschland.

Die jungen Leute schlafen angeleint auf Deck. Schwere Seen gehen über sie hinweg und rauben ihnen den Atem. Die Besatzung zeigt keine Anteilnahme. Das Vieh ist jedenfalls sicherer verwahrt.

Andächtig lauschen die Flüchtlinge den Worten ihres Gruppenführers Menachem Schwarz, der sie auf eine schwierige Einreise vorbereitet. Zwar haben alle „Zertifikate“, jene kostbaren Papiere, ohne die sie in Jaffa gar nicht an Land gelassen würden, aber es steht zu befürchten, dass die Galila vor Alexandria in Quarantäne festgehalten werden würde.

So geht es weiter.

Die Gerüchte jagten sich und luden zu Verstimmungen ein. Erich weigerte sich, Charakterschwächen bei den Aktivisten für möglich zu halten, doch Berta war nicht so naiv. Sie zweifelte daran nicht, dass Mancher sein Barvermögen entgegen der Kibbuzvorschriften Menachem nicht ausgehändigt - und noch nicht einmal die Absicht hatte, in Palästina zu landen. Für solche Verräter war das zionistische Projekt nur ein Freifahrschein in die Freiheit. Sie wollten nach Amerika, das war für sie das Gelobte Land. Im Grunde ihres Herzens hatte Berta Verständnis für die Trickser. Die Tochter, Enkelin und Urenkelin von Großkaufmännern haderte mit der Degradierung zur landwirtschaftlichen Arbeiterin, die ihr als Segen in Aussicht gestellt worden war. Sie war zu klug, um ihre Vorbehalte zu äußern. Sie spürte Menachem forderndes Interesse und fühlte sich so ungeschützt wie noch nie.   

Jaffa war berüchtigt für seine arabischen Hafenarbeiter, die beim Umsteigen der Passagiere in die Landungsboote Frauen bedrängten, offen mit Terroristen sympathisierten und die Einwanderung der europäischen Juden behinderten, wenn nicht sabotierten. Menachem stellte den Kollektivisten die Hoffnung zur Verfügung, die Galila könne in dem brandneuen hebräischen Frachthafen von Tel Aviv anlegen. Passagiere durften da nicht an Land gehen. Trotzdem geschah dies ständig. Die britischen Behörden duldeten es willkürlich. Man konnte sich nicht darauf verlassen. Menachem schwor die Gruppe ein.  

Berta stellte für sich fest, dass ihr Leben auf zu vielen Ungewissheiten gründete. Sicher war lediglich, dass nicht nur Erich sie fest in die Arme schließen wollte. Das Interesse der Männer war alles, vorauf sich Berta verlassen konnte. Sie war zu Liedern von Schubert erzogen worden, nun erwarteten sie schwere Handarbeiten und andere Grobheiten.  

Eine Tagesordnung regelte alle Aktivitäten genau, nichts blieb verborgen oder einer Laune überlassen. Die Überfahrt war dem Unterricht gewidmet - Hebräisch, Agrarwissenschaften, theoretischer Schusswaffengebrauch, Zeltaufbau bei jedem Wetter.

Bei alldem kam Berta kaum mit Erich zusammen. Menachem hielt die beiden auseinander. Er hatte sich auch Erichs Kamera bemächtigt. Berta nahm Zuflucht zu Tagträumen. 

Ein Emissär aus Eretz Israel war für die Bullen verantwortlich. Genosse Issachar konspirierte mit Menachem und präsentierte sich den jungen Pionieren als alter Hase.

Berta und Erich entfernten sich rasch voneinander. Jeder gab dem anderen die Schuld an der Entfremdung. Berta entzog sich Erichs Umarmung und fand keinen Trost in der hilflosen Zärtlichkeit des Freundes.  Er gehörte zu einem anderen Leben.

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