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26.11.2018, Jamal Tuschick

Amos Mokadi - Engel in der Kuppel 3. Folge

Zionistischer Cowboy

Was zuvor geschah.

Berta und Erich, Sprösslinge des assimiliert-jüdischen Frankfurter Bürgertums, musisch begabt, körperlich ungeschickt, handwerklich unerfahren so wie allen natürlichen Härten abhold, wurden einer zionistischen Mission eingegliedert, um im letzten Augenblick ihrer Vernichtung nach Palästina entgehen zu können. Auf dem für Personentransporte ungeeigneten, auch mit holländischen Zuchtbullen beladenen Frachter Galila sind sie den unvertrauten Verkehrsformen eines alles vergesellschaftenden Kibbuzkollektiv unterworfen. In der neuen Umgebung leidet Erichs Anziehungskraft. Tüchtigere Flüchtlinge zeigen sich an Berta interessiert, allen voran der gusseisern-glühende Chefaktivist Menachem Schwarz; Pionier des Jiu Jitsu basierten Krav Maga und ein Mann der Haganah. Er begegnet Berta auch im Traum und erinnert sie da an ein Versprechen, von dem sie nichts mehr weiß, sobald sie wach ist.

Eines Tages führt Menachem Erichs Braut nach einer Hebräischstunde in den Laderaum.

So geht es weiter.

Zum ersten Mal stand die großbürgerlich behütete Großstädterin, deren Kontakte zu Tieren sich bis zu dieser Stunde auf die Foxterrier ihrer Cousine Edna beschränkt hatten, den kolossalen Bullen gegenüber. Widerwillig atmete sie die dungschwangere Stallluft ein und beobachtete wie gebannt das Schauspiel des Ausmistens.

Der Emissär Issachar Rabinovitz stand an der Schwelle zu seinem dreißigsten Lebensjahr. Auch er war als Intellektueller aus bürgerlichen Verhältnissen in die zionistische Landwirtschaft geraten, die Zäsur lag lange genug zurück für eine gelungene Verwandlung. Issachar erschien Berta als sehniger Veteran des Kibbuzkollektivismus, so eisern wie Menachem und in gewisser Weise noch attraktiver und entschlossener.

Ein düsteres Feuer glomm in seinen Augen.

Issachar hielt nicht viel von den deutschen Flüchtlingen, die nur der Not gehorchend nach Palästina auswanderten, voll des Heimwehs nach ihrem fucking Deutschland. Umso erstaunter war er, als Berta ihn fragte, ob sie ihm helfen dürfe.

Issachar stellte seine Forke ab und gab Menachem das Zeichen, zu verschwinden. Erforschend nahm er Berta in Augenschein. Sein Killerblick ließ sie erschaudern. Ihre Nackenhaare richteten sich auf.

Natürlich hatte Issachar Berta an Deck schon gesehen und ihren Liebreiz bemerkt.  

„Und du, Mädchen?“, fragte er spöttisch, „kann ich dir irgendwie helfen?“

Seine Stimme passte nicht zu seinen Augen. Issachar hatte gelernt, seinem Kampfgeist keinen verbalen Ausdruck zu verleihen. Er war ein Genie der Kontraintuition – unlesbar für eine Naive.

„Ich heiße Berta.“

Berta kannte sich nicht mehr. Sie taumelte seelisch.

„Und du bist Issachar.“

„So sagt man“, entgegnete Issachar achselzuckend.

„Wieso?“, fragte sie verwirrt. „Ist das denn nicht dein richtiger Name?“

„Was sind schon Namen?“

Issachar war es leid. Er sah den weiten Weg, den Berta vor sich hatte, bis sie als Kombattantin wertvoll sein würde.

„Also, nun sage mir ruhig: Wie kann ich dir helfen?“

Mit frischem Mut, der sich als Himmelsmacht unerwartet Geltung verschaffte, sah Berta den faszinierenden Mann herausfordernd an.

„Woher weißt du, dass ich Hilfe brauche?“

Issachar lachte leise; ein Applaus für den Vorwitz.

Inzwischen, so Berta in ihren Aufzeichnungen aus dem Jahr 1954, hatte ich das Gefühl, mit einem alten Freund zu reden. Selbst die Bullen machten nun einen freundlichen Eindruck. 

Die Autorin erklärt nicht, was inzwischen war. Die Leser*innen müssen mit einer unbeholfenen Erzählmanier vorliebnehmen. Ich fasse zusammen. Berta gesteht Issachar, dass sie Rat & Hilfe nötig hat. Er sagt generös:

„Ich erlaube dir gern, mir zu helfen, alsbald du die Last losgeworden bist, die dich zu mir geführt hat.

Alle Wetter. Woher wusste der zionistische Cowboy, wie ihr zumute war? - Ein Fremder, der ein passables Deutsch mit polnischem Akzent sprach. 

„Oh ja“, stieß Berta hervor, während Issachar einen Strohballen zu ihrer Bequemlichkeit heranzog.  

„Sprich frei heraus“, verlangte er.

„Ich hatte einen Traum.“

„Und den möchtest du mir erzählen.“

„Ja doch, ja!“

Morgen mehr.

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