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27.11.2018, Jamal Tuschick

Ein deutsches Gericht hat vor ein paar Tagen einem Berliner Künstler verboten, sein künstlerisches Schaffen als EINZIGARTIG zu bezeichnen. Kein Witz. Das haben deutsche Anwälte tatsächlich einem deutschen Richter verklickern können! Es besteht seit Kurzem eine einstweilige Verfügung gegen Holger Ehlers, nach der die ...

Holger Ehlers

„Liebe Künstlerkollegen, liebe Journalistenfreunde, liebe AG-DOKler, ein deutsches Gericht hat vor ein paar Tagen einem Berliner Künstler verboten, sein künstlerisches Schaffen als EINZIGARTIG zu bezeichnen. Kein Witz. Das haben deutsche Anwälte tatsächlich einem deutschen Richter verklickern können! Es besteht seit Kurzem eine einstweilige Verfügung gegen meinen Freund Holger Ehlers, nach der die Veröffentlichung von – im Übrigen von mir als seinem Dramaturgen bereits 2013 (!) verfassten und damals schon von ihm übernommenen und publizierten – Textpassagen über die eigenen Shows auf seiner Künstler-Homepage verboten wurde! Die nun erwiesenermaßen wahrlich mächtige Rechtsanwaltskanzlei Heuking Kühn Lüer Wojtek PartGmbB, die dieses Verbot erwirkt hat, arbeitet im Auftrag der Apassionata World GmbH – Tochterfirma eines chinesischen Immobilienkonzerns (Hongkun) mit Johannes Mock-O’Hara, Xiongxiong Lin und Weihao Zhao als Geschäftsführer. Ich habe mich bezüglich des (very dirty) Apassionata-Markenstreits zwischen Peter Massine und Thomas Bone-Winkel/Hongkun-Konzern die letzten Jahre, so gut ich konnte, zurückgehalten, weil meiner Meinung nach beide Seiten irrational, unternehmerisch katastrophal und selbstzerstörerisch gehandelt haben. Wie man so sagt: Da konnte man nix machen. Aber dieses Verbot, dieses Gerichtsurteil betrifft direkt auch mich als Künstler und all meine künstlerisch tätigen Kollegen. Der chinesischen Tochterfirma Apassionata World GmbH geht es hier im Kern darum: einen Künstler – der zwischen die Fronten eines Gesellschafterstreits um die Rechte an der Marke APASSIONATA geraten ist – mundtot zu machen und finanziell durch Gerichtsprozesse zu ruinieren. Weil er es wagt, seine Apassionata-Shows, die er als Komponist seit 2001 sowie als Komponist, Autor und Regisseur seit 2009 jedes Jahr neu kreiert, weiterhin – inzwischen jedoch für Live Nation als Veranstalter – zu produzieren. In diesem "Streit" ist die Ausgangssituation völlig klar: auf der einen Seite ein chinesischer Milliardenkonzern mit einer der teuersten und größten Anwaltskanzleien Deutschlands, auf der anderen Seite ein überschuldeter Künstler, dem auf Androhung von 250.000 Euro (die er nicht hat) oder 6 Monate Haft verboten wird, auf seiner eigenen Künstlerhomepage zu schreiben: 1) dass seine Shows ein "einzigartiges Erlebnis" darstellen (obwohl das stimmt), 2) dass seine Shows unerreicht und/oder ohnegleichen und/oder beispiellos seien (obwohl er jedes Recht hat, das zu behaupten), 3) seine Shows über eine 15jährige Tradition verfügen (obwohl das stimmt), 4) seine Shows ein weltweites Publikum haben (obwohl das stimmt). All diese Verbote sind absurd – sogar unabhängig davon, dass sie auch in der Sache die Realität regelrecht negieren. Sie erscheinen mir – als Bewunderer von Kafkas Literatur – total skurril und abgefahren, weil sie das Potential besitzen – wenn man dieser Logik bis zum Ende folgt –, das Urheberrecht an sich in Frage zu stellen. Dieses Urteil sieht geflissentlich davon ab, dass JEDES Kunstwerk EINZIGARTIG ist. Abgesehen davon, greift dieses Urteil auch in das Recht auf freie Meinungsäußerung eines jeden Künstlers ein … Der sich doch in seinen Werken und auf seiner eigenen Internetseite bezeichnen kann, wie er will: "Ich bin Jesus!", "Ich bin Beethoven!", "Ich mache die geilste Show der Welt!", "Ich habe etwas zustande gebracht, das einmalig ist.", "Ich bin der Größte", "Ich bin der Show-Gott" etc. etc. Welches deutsche Gericht würde solche Bekundungen verbieten? Ich bin gespannt, ob jemand mein neues Kunstprojekt verbieten wird ... Darin heißt es: "Ich bin Holger Ehlers! Ich mache die größte, einzigartigste, spektakulärste, schönste Apassionata-Show des Universums! Es gibt keine bessere Show weltweit! Meine Show verfügt über eine 100jährige Tradition. Die Chinesen, die Amis, die Liechtensteiner und die Eskimos strömen in meine Show. Denn: JE SUIS HOLGER!" Liebe Kollegen, könnt ihr euch vorstellen ... Nein, anders: Liebe Kollegen, so, wie die Verhältnisse sich ändern, könnt ihr euch wohl vorstellen, dass ein deutsches Gericht (und paradoxerweise zudem auf Betreiben eines chinesischen Konzerns) mich zwingen kann, zu beweisen, dass Chinesen und Eskimos in meine Show kommen, und wenn ich es nicht kann und ich es weiterhin behaupte, ich dafür ein halbes Jahr in’s Gefängnis muss ... So scheint es, ist der Stand der Dinge. Ich bin mir sicher, Joseph Beuys würde sich im Grabe umdrehen, auferstehen und sich mit einsperren lassen – und ich wäre in diesem Fall sein Coyote: "Ich liebe Deutschland, und Deutschland liebt mich" ... (Wobei ... Vielleicht hätte Beuys in Deutschland einen Schäferhund als Begleittier gewählt.) Die ganze Angelegenheit wirkt auf mich beängstigend absurd. Eigentlich wollte ich einen sarkastischen Text schreiben, aber der Gedanke, dass Holger Ehlers für sechs Monate in’s Gefängnis muss, weil er auf seiner eigenen Künstler-Homepage behauptet, seine Show sei einzigartig, hat dazu geführt, dass ich das alles nicht zum Lachen finde. Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass so etwas in einem demokratischen Staat mit Kunst- und Meinungsfreiheit noch möglich ist! Wobei – das mit dem "demokratisch" würde ich dann schon in Frage stellen. Die "kreativen" – auf 25 Seiten (!!!) festgehaltenen – Spitzfindigkeiten der Anwaltskanzlei, die es brauchte, damit ein deutsches Gericht quasi an den Grundfesten des Urheberrechts und des Grundgesetzes rüttelt, sollten jedoch veröffentlicht und meinen Comedy-Kollegen als Vorlage für ihre nächste Show oder Sendung zur Verfügung gestellt werden. Das hübscheste Argument aus dieser Vorlage, die dazu diente, dem Künstler zu verbieten, auf seiner persönlichen Homepage die von ihm entworfene und als Autor, Komponist und Regisseur realisierte Kunst als EINZIGARTIG zu bezeichnen, lautet sinngemäß (hier von mir "poetisch" umschrieben): Pink Floyd darf sich nicht "einzigartig" nennen ..., weil es Depeche Mode gibt! Ergo: Stefan Raabs Sendung darf sich nicht einzigartig nennen, solange es eine Harald Schmidt-Show gibt. Der Louvre darf sich nicht einzigartig nennen, weil es die Tate Gallery gibt. Die Mona Lisa darf nicht als einzigartig bezeichnet werden, weil es die Sixtinische Madonna gibt. Ein Werk von A.R.Penck ist nicht einzigartig, weil es ebenso ein Werk von Baselitz gibt. Die Lyrik von Ingeborg Bachmann ist nicht einzigartig, weil es auch Lyrik von Sarah Kirsch gibt. Der Reichstag? Ist nicht einzigartig! Kucken Sie sich mal das Planetarium an! Hier eine Kuppel, da eine Kuppel. Beides Halbkugeln. Nehmen Sie doch noch eine Magdeburger Halbkugel dazu! Zehn Pferde hat Otto von Guericke für sein Experiment gebraucht. Oder waren es zwölf? Pferdchen hier, Pferdchen dort. Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass ein Gericht allen Ernstes so etwas verfügen könnte. Und es hat für mich eine gehörige Portion Tragikomik, dass ein deutsches Gericht eine chinesische Firma und deren deutsche Auguren und Anwälte darin unterstützt, deren eigenes "Urheberrechts(un)verständnis" durchzusetzen, um einen Künstler zu "vernichten". Es geht immerhin um eine Show, wo für jede Sekunde Musik komponiert und Film produziert wurden, eine Show, die sekundengenau einer nach Drehbuch realisierten Storyline folgt, darin eingebettet Tanz, Artistik und Pferde-Dressur, Kostüm-, Licht- und Bühnen-Design. Ein Gesamtkunstwerk – wie eine "Oper", in einer Arena halt. Von der es allein schon bei youtube hunderttausende Videos mit über 100 Millionen Views gibt, die in dutzenden Ländern von bislang mehr als 6 Millionen Live-Zuschauern gesehen wurde und deren weltweit vertriebene DVDS 12mal Gold und 3mal Platin erhalten haben, von den CDs ganz zu schweigen. Und jetzt untersagt ein deutscher Richter dem Urheber, auf seiner Homepage feststellen zu dürfen, dass diese Shows einzigartig sind und ein weltweites Publikum haben. Das ist der purre Irrsinn. (Sorry für diesen Ausdruck.) Asteris Kutulas Anmerkung 1: Dieser Text ist eine Zusammenfassung eines ausführlichen Gesprächs, das ich mit einem Freund über dieses Thema führte. Diesem Freund gab ich in diesem – noch zu veröffentlichenden – Dialog den Decknamen Pittiplatsch, um ihn vor einer eventuellen Klage der – durch chinesisches Kapital entfesselten – mächtigen deutschen Anwälte zu schützen. Ich als Grieche und Kind einer Partisanenfamilie bin mit Diktaturen und Gefängnissen eher vertraut und quasi damit aufgewachsen. Mein Freund A.R. ist es nicht, geboren 1952 in Stuttgart. Hat nie zu hören bekommen: „Komm’ Se ma mit!“ Anmerkung 2: Ich schicke jedem interessierten Kollegen und Journalisten gern den Text von Holger, den glorreichen Verbots-Antrag der Anwaltskanzlei Heuking und Partner sowie die Verbots-Verfügung des Berliner Landgerichts zu.“

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