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27.11.2018, Jamal Tuschick

Amos Mokadi - Engel in der Kuppel 4. Folge

Die hebräische Kuh

Was zuvor geschah.

Berta und Erich sind als jungfräuliches Liebespaar und als des Lebens Unterpfand an Bord des Frachters Galila gekommen. Die jüdischen Großbürgerkinder gehören zu einer zionistischen Aktionsgemeinschaft, die in Palästina den Aufbau eines Kibbuz vorantreiben soll. Amos Mokadi erzählt von einer Auswanderung in letzter Minute. Während die meisten Aktivist*innen dem Gelobten Land mutig entgegenfiebern, fehlen Berta und Erich die zionistische Entschlossenheit. An Bord der Galila geraten sie in verschiedene Strudel. Der Erzähler folgt Berta, sie interessiert ihn viel mehr als Erich, der dem Leser förmlich vorenthalten wird. Gruppenführer Menachem Schwarz will Berta dem Loser ausspannen, doch die schöne Frankfurterin entdeckt im Laderaum der Galila ihre Zuneigung für den düsteren Polen Issachar, der zwei Dutzend holländische Prachtbullen betreut, die den Stamm einer israelischen Zucht bilden sollen. Issachar ist mit Mordechai Tenenbaum befreundet, dem Gründer der antifaschistischen Kampforganisation Żydowska Organizacja Bojowa. Zurzeit ist er Freischärler und Bauer. Berta ergründet seine Vielseitigkeit. Gerade erzählt sie ihm einen schlimmen Traum; in der Gesellschaft der müffelnden und mümmelnden Bullen auf einem Strohballen ruhend.

So geht es weiter.

„Es war das Schlimmste, was mir je passiert ist.“

Berta biss sich auf die Lippen.

„Ich… ich habe meine kleine Schwester Ilse gefoltert… mit einer gewaltigen Gabel! Sie hat geblutet, es war schrecklich, aber ich habe immer wieder zugestochen. Warum habe ich Ilse das angetan? Ich liebe sie doch über alles!“

Issachar entgegnete sachlich:

„Du hast ihr nichts angetan. Du hast das nur geträumt.“

Der Antifaschist strich Berta eine Strähne aus der Stirn. Ach, wie gut tat dieser Zuneigungsbeweis des Bullenbändigers, der so anders war als Erich der Weichkeks.

„Mit einer Gabel?“ fasste Issachar nach.

Berta nickte.

Issachar holte den Psychoanalytiker aus der Kiste seiner Möglichkeiten: „Well, kannst du dich an etwas erinnern, was zwischen dir und Ilse mit einer Gabel zu tun hatte?“

„Ja, natürlich! Es gab ein Spiel. Wir haben bei Tisch unsere Gabeln nach unten gedreht, wenn niemand hinguckte. Es war unser kleines Geheimnis. Und jetzt hat Ilse niemanden mehr, mit dem sie spielen kann… Was habe ich getan? Wie konnte ich nur!“

Issachar wusste sehr wohl, was alle wussten: dass keine jüdischen Kinder mehr aus Deutschland herauskamen. In Berta arbeiteten schon Schuldgefühle. Sie würden bis zum Ende ihr Leben bestimmen.  

Issachar war nicht so kalt, wie er sich gab. Heute würde man ihm per Handyortung auf den Fersen bleiben und auf Waldparkplätzen die Zeit totschlagen in Autos mit so komischen Nummernschildern wie ... und Issachar würde wissen, warum immer wieder Agentinnen der Gegenseite tief im Gelände vor seiner Nase auftauchen konnten, so wie die Grauhaarige mit den knotigen Ohrlappen und einem Knochenohrring, die er bereits am Cherokee Pass im Himalaya als Koordinatorin einer Verfolgung registriert hatte, doch in den 1930ern gab es noch keine mobilen Telefone und wenn einer im Wald verschwunden war, dann musste man schon zu Fuß hinter ihm her und Spuren lesen können und Angst haben, dass ein Gebüsch männlich die Gestalt wechselte und ausschlug wie ein Trieb, und deshalb schlug Issachar der Träumerin vor, ihm mit einer Heugabel hilfreich zur Hand zu gehen.

„Du kannst Stroh auslegen. Das soll künftig deine Aufgabe sein.“

Von da an lebte Berta anders. Sie lernte, die Bullen in Schuss zu halten, sie zu füttern, zu tränken und zu kämmen. Das trübte ihr Verhältnis zu Erich, der sie immer wieder an das alte Ufer ihrer Vertrautheit zu locken versuchte. Aber Berta verband die Schuldgefühle gegenüber den Zurückgelassenen mit Erich ohne jedes Begreifen der Ungerechtigkeit. Es war nur viel angenehmer, nicht in seiner Nähe zu sein. Die Verpflichtungen an Bord boten ihr mehr als einen Vorwand, sich nicht mit ihren Gefühlen auseinandersetzen zu müssen.

Die Galila ging in Alexandria erst gar nicht vor Anker, der Kapitän und seine krude Besatzung hatten ihre Zurückhaltung aufgegeben und zeigten sich solidarisch mit den Aktivist*innen; Berta konnte sich die Verwandlung der Männer nicht erklären. Das war nur ein Rätsel mehr.

Jaffa lag vor dem Frachter an einem milden Abend, das Meer glitzerte in der sinkenden Sonne. Menachem führte das Wort auf dem Achterdeck zwischen Kisten, Bauholz und Tauen. Er schilderte die Wunder des Kollektivismus. Schließlich bat er, Issachar um einen Redebeitrag. Berta fühlte sich als Issachars Vertraute. Sie fand ihn als Redner nicht halb so aufrichtig wie in ihrem wortkargen Arbeitsverhältnis im Laderaum. Issachar erklärte, wie der Kibbuz funktionierte, wie da Entscheidungen zustande kamen und die Arbeit und das Geld verteilt wurden. Über seine Hauptmission verlor er kein Wort. Die holländischen Bullen sollten mit arabischen Rindern gekreuzt werden. Issachar erwartete die ertragreichste Milchkuh der Welt - die hebräische Kuh! – in naher Zukunft als jüdischen Überlegenheitsbeweis internationalen Gremien präsentieren zu können.

Berta wusste, dass Issachar Menschen kaum anders ansah als seine Bullen. Auf eine vertrackte Weise erregte sie das anti-romantische Programm, in dem, wie Berta sehr wohl wusste, die erotische Wahrheit im Verborgenen lag. Kurz gesagt, es knisterte bei jedem gemeinsamen Ausmisten gewaltig.  

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