MenuMENU

zurück zu Main Labor

27.11.2018, Jamal Tuschick

Janet Uyar erinnert sich - Eine christliche Familie, griechisch-orthodox und arabischsprachig, lebt nahe der syrischen Grenze im Süden der Türkei. Als der Vater 1966 stirbt, hinterlässt er eine Frau und vier Kinder. Die Familie wird auseinandergerissen. Die fünfjährige Johanna kommt mit ihrem Bruder ins Waisenhaus, die jüngeren Kinder bleiben zunächst bei den Großeltern. Die junge Witwe geht nach Deutschland. Erst nach Jahren der Trennung findet die Familie in Deutschland wieder zusammen.

Amira

Janet Uyar

Meine Mutter war das älteste von sechs Kindern. Ihr Vater nannte sie stolz Amira, die Königin. Als wollte er mit diesem Namen seine Armut verleugnen. Salomon hatte 1915 die Vertreibung der Armenier und anderer Christen so wie den Todesmarsch in die Wüste überlebt. Als Angehöriger einer religiösen und ethnischen Minderheit war er Demütigungen ausgesetzt geblieben, ohne besonders glaubensstark oder kulturell autonom zu sein. Er war ein Unwissender - ein Spielball türkischer Kräfte. 

Amiras Leben war alles andere als königlich.

Nach ihrem sechsten Geburtstag, vielleicht war es auch schon der siebte, so genau nahm man es nicht, entschied ihr Vater, dass es Zeit war, Amira die Verantwortung für ihre vierjährige Schwester Nasra und den kleinen Rasim zu übertragen,  während die Eltern als Tagelöhner auf den Feldern arbeiteten.

Aufgewachsen mit der Gewissheit, nicht dazuzugehören, weder zu den Türken noch zu den Arabern noch zu den Griechen - und später als sie längst in Deutschland leben auch nicht zu den Deutschen - fragt sich die Erzählerin:  Wer sind wir?  

Die Heimat ihrer Mutter ist kaum noch Heimat. Die Heldin bricht schließlich mit der Herkunftsfamilie und schließt zu der Frage auf: Wer bin ich?

Rasim, der kaum ein paar Monate alt war, lag eingehüllt in Tüchern auf dem weichen Lehmboden und schrie. Sie wechselte ihm die Windeln, so wie ihre Mutter Marie es ihr gezeigt hatte. Doch Rasim hörte nicht auf zu schreien. „Er ist müde, wir müssen ihn wiegen“, sagte Nasra. Sie nahmen eine saubere Stoffwindel, verknoteten die Zipfel und improvisierten daraus eine Liegeschaukel. Vorsichtig legten sie Rasim hinein, hielten jeweils zwei Knoten in der Hand und begannen ihn zu wiegen. Doch schon beim ersten Versuch fiel er heraus und schrie so sehr, dass die beiden es mit der Angst zu tun bekamen. Sie trugen ihn abwechselnd durch den Raum, in dem sich bloß ein paar Matratzen aus Stroh und eine alte Holztruhe befanden.

Nachdem er sich immer noch nicht beruhigen ließ, steckte Amira ihm eine getrocknete Feige in den Mund, deren Stiel sie fest in der Hand hielt. Er verstummte und lutschte ein Weilchen wie an einem Schnuller daran, bis sich die Feige halb auflöste. Sie hatte einen Moment nicht aufgepasst, da hatte er so kräftig daran gesogen, dass ihr die Feige aus der Hand glitt, während ihm ein Stückchen davon in den Rachen gelangte. Er lief zunächst rot, dann blau an. Amira schrie verzweifelt nach ihren Eltern, die zum Glück gerade auf dem Weg nach Hause waren und sie hörten.

Marie wusste augenblicklich, dass etwas nicht stimmte. Sie rannte los. Blitzschnell hob sie Rasim auf, hielt ihn erst wie einen toten Hasen an den Füssen und legte ihn dann auf ihren Oberschenkel. Mit der flachen Hand klopfte sie ihm mehrmals leicht in Höhe der Schulterblätter auf den Rücken, bis das Stück Feige in hohem Bogen aus seinem Mund flog. Erst jetzt löste sich Salomon aus seiner Erstarrung. Mit einem Satz stürzte er sich auf Amira und schlug auf sie ein. 

Marie hatte gerade noch um das eine Kind gebangt und musste nun um die Gesundheit Amiras fürchten. „Bist du wahnsinnig geworden? Du brichst ihr die Knochen!“, rief sie und versuchte Amira aus Salomons Fängen zu befreien.

„Ich werde sie umbringen, diese Seytani, Satanin, sie wollte meinen Erstgeborenen töten“, keuchte er und stieß Marie heftig von sich. Sie fiel zu Boden. Für Sekunden musste sie bewusstlos gewesen sein. Denn als sie wieder zu sich kam, sah sie Simon, den Cousin ihres Mannes, der Amiras Hilfeschreie gehört hatte und herbeigeeilt war. Sie blutete bereits aus Nase und Mund, Salomon hatte ihr einen Zahn ausgeschlagen. Zusammengekrümmt lag sie auf dem Boden und wimmerte: „Ich wollte ihn nicht umbringen, ich wollte ihn nicht umbringen.“ 

Ein Jahr später wurde ihr Bruder Mihail geboren und im Jahr darauf Georg, der nur wenige Wochen alt wurde. Marie wusch den toten Säugling, wickelte ihn in ein weißes Tuch, machte ein Kreuz auf seine kleine Stirn und sprach leise ein Gebet. Dann übergab sie das Bündel Amira. „Bring ihn zu deinem Großvater“, murmelte Marie. Voller Ehrfurcht und mit zitternden Händen nahm Amira ihren toten Bruder in den Arm. Ihr Großvater wohnte in der Nähe des Friedhofs.   

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen